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28.01.2010

14:28 Uhr

Der Pleite entgangen

Osteuropa ist noch lange nicht wieder stabil

VonStefan Menzel

Derzeit hat sich die Situation in Osteuropa ein großes Stück beruhigt: Ein allseits gefürchteter Staatsbankrott in Folge der Wirtschaftskrise ist ausgeblieben. Trotzdem bleibt die Lage labil. Die Volkswirtschaften im Osten sind noch lange nicht wieder stabil und gefestigt.

U-Bahntunnel in Budepest. Für Ungarn gab es nach der Lehman-Pleite ein böses Erwachen. Reuters

U-Bahntunnel in Budepest. Für Ungarn gab es nach der Lehman-Pleite ein böses Erwachen.

WIEN. Glück gehabt. Der ganz große Kelch ist an Osteuropa vorübergezogen. „Vor einem Jahr war die Lage wesentlich dramatischer“, erinnert sich Federico Ghizzoni, Osteuropa-Vorstand im italienischen Unicredit-Bankkonzern, „es gab etliche Investoren, die gleich eine ganze Reihe von Staatsbankrotten in der Region erwarteten.“ Doch während in Westeuropa in diesem Jahr vielerorts wieder positive Wachstumsraten zu erwarten sind, gibt es im Ostteil des Kontinents eine Reihe von Kandidaten, bei denen die Volkswirtschaften ein zweites Mal in Folge schrumpfen werden.

Hinter Osteuropa liegen zwölf Monate eines schmerzlichen Korrekturprozesses, der in dieser Form wahrscheinlich unvermeidlich war. Die zehn Boom-Jahre davor mit manchmal zweistelligen Wachstumsraten wie etwa im Baltikum waren volkswirtschaftlich alles andere als gesund. Das starke Wachstum war auf Sand gebaut, angefeuert durch billiges Geld westlicher Investoren.

Doch nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers gab es das böse Erwachen unter den Investoren, die ihr Geld aus der Region Osteuropa zurückzogen. Ende 2008 war der Moment, als auch im Osten die Stimmung kippte und plötzlich die Rede vom Staatsbankrott war. Die Krise legte die strukturellen Probleme schonungslos offen. Sie machte deutlich, dass die Staaten Osteuropas nicht aus eigener Kraft und nicht auf einer eigenen soliden wirtschaftlichen Basis gewachsen waren.

Ungarn ist wahrscheinlich das beste Beispiel dafür, was sich in den vergangenen zehn Jahren in Osteuropa ereignet hat. Beim Ausbruch der Krise Ende 2008 gehörte Ungarn zu den Staaten mit der höchsten Auslandsverschuldung. Das kleine Land hatte außerhalb seiner Landesgrenzen Schulden in Höhe von etwa 100 Milliarden Euro aufgebaut, was damals ziemlich genau 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entsprach. Andere Länder in der Region waren da deutlich genügsamer: In Rumänien lag die Verschuldungsquote im Ausland bei knapp 60 Prozent des BIP, in Tschechien bei gut 40 Prozent.

Die Ungarn hatten über Jahre hinweg einfach über ihre Verhältnisse gelebt. Allen voran der Staat. Die Regierungen in Budapest hatten keine Probleme damit, dass die öffentliche Neuverschuldung in manchen Jahren knapp zehn Prozent des BIP ausmachte. Auch die Banken des Landes, zu einem großen Teil in westlichem Besitz, mischten kräftig mit.

Statt in der Landeswährung Forint vergaben sie Privatkredite und Hypotheken-Darlehen in großer Zahl in Euro, Schweizer Franken und US-Dollar. Niemand kam auf den Gedanken, dass das vielleicht alles zu viel des Guten gewesen sein könnte. „Auch wir waren auf diesen Einbruch nicht vorbereitet“, sagt rückblickend Herbert Stepic, Vorstandschef der Wiener Raiffeisen International, der Nummer zwei in Osteuropa.

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