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06.07.2012

13:36 Uhr

Deutliches Plus im Mai

Deutsche Wirtschaft wächst wieder kräftig

Die deutsche Wirtschaft hat den verhaltenen Prognosen zum Trotz im Mai deutlich zugelegt. Wirtschaftsminister Rösler macht bereits Hoffnung auf ein stabiles zweites Quartal - aber das könnte sich als voreilig erweisen.

Ein Monteur arbeitet in Görlitz bei Siemens Energy an einer Schaufel für Turbinen. ap

Ein Monteur arbeitet in Görlitz bei Siemens Energy an einer Schaufel für Turbinen.

BerlinDie deutsche Wirtschaft hat ihre Produktion im Mai überraschend kräftig nach oben gefahren. Die Unternehmen stellten insgesamt 1,6 Prozent mehr her als im Vormonat, wie das Bundeswirtschaftsministerium am Freitag mitteilte. Analysten hatten lediglich mit einem leichten Plus von 0,1 Prozent gerechnet. Die Baubranche steigerte ihre Produktion im Mai sogar um satte 3,1 Prozent.

Im Vormonat war die Produktion um 2,1 Prozent eingebrochen. Das Wirtschaftsministerium von Ressortchef Philipp Rösler sieht nach der Erholung im Mai "verbesserte Chancen" für ein stabiles zweites Quartal im Produzierenden Gewerbe.

Wie Deutschland für den Abschwung gerüstet ist

Staatshaushalt

Im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seinem Staatshaushalt gut da. Auf Pump finanzierte Konjunkturprogramme lehnt die Bundesregierung ab. Nach dem aktuellen deutschen EU-Stabilitätsprogramm kommt der Gesamtstaat aus Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen schon in zwei Jahren ohne neue Schulden am Finanzmarkt aus. Schon 2011 hatte das Defizit nur noch bei einem Prozent gelegen. Auch strukturell - also unabhängig vom Auf und Ab der Konjunktur - schließt sich die Lücke zwischen den Einnahmen und Ausgaben.
Damit einher geht, dass der in Jahrzehnten angehäufte Schuldenberg allmählich an Bedeutung verliert: Die Schuldenstandsquote soll von 82 Prozent des BIP 2012 auf 73 Prozent in 2016 zurückgehen. Fazit: Der Staat ist weit davon entfernt, wegen eines moderaten Abschwungs in die Knie zu gehen.



Sozialkassen

Die mit dem Aufschwung der vergangenen Jahre einhergegangene Rekordbeschäftigung hat die Lage der Sozialkassen erheblich entspannt. So erwartet die Bundesagentur für Arbeit (BA) dieses Jahr einen Überschuss von 1,3 Milliarden Euro. Allerdings warnen die Arbeitgeber bereits, bei einer Konjunkturabkühlung könnte die BA schnell wieder auf Zuschüsse des Bundes angewiesen sein. Rosiger schätzt das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel die Aussichten für die BA ein: Es erwartet 2012 einen Überschuss von fast drei Milliarden Euro.
Alle Sozialkassen zusammen - also Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung - könnten dem IfW zufolge in diesem Jahr auf einen Überschuss von 15 Milliarden Euro kommen. Damit hätten sie zumindest ein kleines Polster für den Abschwung.

Unternehmen

Noch sind die Auftragsbücher der Unternehmen gut gefüllt. Wie schnell die im Aufschwung angelegten Puffer aber schmelzen können, hat die Finanzkrise 2008/09 gezeigt. Auch ihr ging ein jahrelanger Aufschwung voraus, der in die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit mündete. Und dennoch: Nie hatten so viele Deutsche einen Job wie jetzt. Viele Unternehmen werden selbst bei einem Konjunktureinbruch versuchen, ihre Mitarbeiter zu halten. Denn Fachkräfte sind in Deutschland rar.
Auch der Bauboom dürfte die Wirtschaft selbst bei einem plötzlichen Konjunktureinbruch noch eine Weile stützen. Im ersten Quartal zog die Bauindustrie 12,5 Prozent mehr Aufträge an Land als ein Jahr zuvor. Bis die abgearbeitet werden können, vergehen Monate und Jahre, und bis dahin kann sich die Wirtschaft schon wieder erholt haben.

Politik

Paradoxerweise ist es von Vorteil, dass der jüngste scharfe Konjunktureinbruch nur drei Jahre zurückliegt: Die Erfahrung der handelnden Politiker ist frisch, und sie können auf Konzepte wie die Kurzarbeit zurückgreifen, die sich damals bewährt haben. Allerdings hat mit dem Aufschwung 2010/11 der Reformwille in der Politik nachgelassen. Dabei gäbe es noch immer genug zu tun, um den Standort fitzumachen für den demografischen Wandel und künftige Flauten. So bemängelt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), höhere Beiträge zur Kranken- und Arbeitslosenversicherung hätten die Arbeitskosten 2011 erhöht. Unter den OECD-Ländern wird nur in Belgien der Faktor Arbeit noch stärker belastet.

Die Industrie legte immerhin um 1,8 Prozent zu. Die Hersteller von Konsumgütern meldeten ein Plus von 3,8 Prozent: Dabei wurde der Ausstoß von Verbrauchsgütern sogar um 4,0 Prozent gesteigert. Die Erzeugung von Vorleistungsgütern wie Chemikalien zog um 1,0 Prozent an.

Die Produzenten von Maschinen, Geräten und anderen Investitionsgütern stellten 1,7 Prozent mehr her. Die Energieversorger drosselten ihre Leistung hingegen um 1,6 Prozent.

Am Donnerstag hatte die Industrie mit positiven Auftragszahlen überrascht: Ihre Bestellungen legten um 0,6 Prozent im Vergleich zum Vormonat zu. Damit ging es mit den Orders wieder bergauf, nachdem es im April ein revidiertes Minus von 1,4 Prozent gegeben hatte.

Allerdings ging die Erzeugung im Produzierenden Gewerbe im aussagekräftigeren Zweimonatsvergleich April/Mai gegenüber Februar/März preis-, kalender- und saisonbereinigt noch um 0,3 Prozent zurück. Ihren Vorjahresstand unterschritt die Produktion im Produzierenden Gewerbe im April/Mai arbeitstäglich bereinigt um 0,3 Prozent.

Die größten Risiken für die deutsche Wirtschaft

Deutschland in der Wirtschaftskrise

Aus dem Schneider ist Europas größte Volkswirtschaft noch nicht, auch wenn sie mit einem kräftigen Wachstum im ersten Quartal eine Rezession verhindern konnte. Im Gegenteil: Die Risiken ballen sich wie selten zuvor - vor allem von außen droht jede Menge Ungemach.

Schuldenkrise

„Das größte Abwärtsrisiko für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland geht nach wie vor von der Schulden- und Vertrauenskrise im Euroraum aus, die im Kern noch nicht gelöst ist“, warnen führende Institute in ihrem Gutachten für die Bundesregierung. Schon jetzt lastet die Krise auf der exportabhängigen Wirtschaft: Die Ausfuhren in die Euro-Zone schrumpften im März um 3,6 Prozent, weil Krisenländer wie Spanien und Griechenland wegen der Rezession ihre Importe einschränken. Da 40 Prozent der Ausfuhren in die Währungsunion gehen, spürt Deutschland die Schwäche der Nachbarn deutlich.

Jede Zuspitzung der Schuldenkrise sorgt für Wirbel an den Finanzmärkten. Kann sich ein großes Euro-Land wie Spanien nicht mehr am Kapitalmarkt finanzieren und flüchtet unter die Rettungsschirme EFSF und ESM, würde das einen erneuten Vertrauensverlust auslösen. Unternehmen würden weniger investieren, Verbraucher größere Anschaffungen scheuen. Der Bund ist mit der Beteiligung an den Rettungspaketen enorme Risiken eingegangen. „Im Zuge der Rettungspakete summieren sich die Zusagen auf rund 80 Milliarden Euro“, so die Institute.

Kann etwa Griechenland das Geld nicht zurückzahlen, belastet das den deutschen Staatshaushalt. Eine Herabstufung durch die Ratingagenturen droht dann, was höhere Zinsen zur Folge hätte. Der Spardruck würde steigen, Hauhaltslöcher müssten mit höheren Steuern und Ausgabenkürzungen gestopft werden. Beides würde die Konjunktur belasten.

Inflation

Seit mehr als einem Jahr hält sich die Teuerungsrate in Deutschland über der Marke von zwei Prozent, bis zu der die Europäische Zentralbank (EZB) von stabilen Preisen spricht. Manche Experten befürchten, dass die Preise künftig deutlich schneller steigen könnten - um vier bis fünf Prozent. Das würde die Kaufkraft der Verbraucher erheblich einschränken.

Grund für die Inflationsgefahr: Wegen der guten Konjunktur haben die Arbeitnehmer kräftige Lohnerhöhungen durchgesetzt. Den Unternehmen fällt es angesichts der guten Beschäftigungslage leichter, steigende Lohnkosten an die Verbraucher weiterzureichen - sprich: die Preise für Waren und Dienstleistungen anzuheben. Es droht eine Spirale, bei der sich Löhne und Preise gegenseitig nach oben schaukeln. Bei ersten Anzeichen dafür müsste die EZB ihre Zinsen anheben, um Konsum und Investitionen zu drosseln, was die Nachfrage dämpfen und den Preisauftrieb dämpfen könnte. Aus Rücksicht auf die Wirtschaftskrise in Ländern wie Spanien wird sie ihren Leitzins aber vorerst wohl auf dem Rekordtief von einem Prozent belassen.

Zusätzliche Gefahren gehen von der Politik der EZB aus, den Finanzhäusern billiges Geld in Hülle und Fülle zur Verfügung zu stellen. „Noch bleibt die zusätzliche Liquidität erst einmal im Finanzsektor“, sagt Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel. „Doch wenn die Kreditvergabe an die Unternehmen erst einmal steigt, kann das sehr schnell in Inflation münden.“

Immobilienblase

Die Preise für deutsche Wohnimmobilien steigen immer schneller. 2011 legten sie mit 5,5 Prozent mehr als doppelt so stark zu wie 2010 mit 2,5 Prozent. „Erstmals seit dem Wiedervereinigungsboom Anfang der neunziger Jahre ist hierzulande somit ein konjunktureller Aufschwung wieder mit einer markanten Preisreaktion auf den Häusermärkten verbunden“, stellt die Bundesbank fest. Niedrige Bauzinsen und die Angst vor Inflation verlocken immer mehr Deutsche dazu, in Immobilien zu investieren. „Wenn das jahrelang so weitergeht mit den extrem niedrigen Zinsen, besteht das Risiko einer Immobilienpreisblase in Deutschland“, warnt der Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft, Joachim Scheide. Die hat es in Spanien gegeben, ihr Platzen hat eine schwere Rezession ausgelöst. „So etwas ist für Deutschland auch nicht ausgeschlossen“, sagt Scheide.

China

China wird nach Prognose des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) in diesem Jahr zum zweitwichtigsten Kunden der deutschen Exportwirtschaft aufsteigen - nach Frankreich, aber noch vor den USA. Für viele Unternehmen ist die Volksrepublik schon jetzt der wichtigste Absatzmarkt, beispielsweise für die Autobauer Volkswagen, Audi und Porsche. Bekommt China einen Husten, wird auch die deutsche Wirtschaft krank. Erste Warnsignale gibt es bereits: Die chinesischen Importe stagnierten im April. „Das ist Besorgnis erregend“, sagte Ökonom Alistair Thornton von IHS Global Insight in Peking. „Das deutet auf eine echte Schwäche der Binnenwirtschaft hin.“ Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt wird einer Reuters-Umfrage unter Ökonomen zufolge in diesem Jahr um 8,2 Prozent wachsen. Das wäre das kleinste Plus seit einem Jahrzehnt. Die hohen Schulden der Kommunen, eine Immobilienblase und eine anziehende Inflation könnten das Wachstum aber noch kleiner ausfallen lassen.

Von

rtr

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

06.07.2012, 12:36 Uhr

Die Baubranche steigerte ihre Produktion im Mai um satte 3,1 Prozent. Die Industrie legte immerhin um 1,8 Prozent zu. Die Hersteller von Konsumgütern meldeten ein Plus von 3,8 Prozent: Dabei wurde der Ausstoß von Verbrauchsgütern sogar um 4,0 Prozent gesteigert. Die Erzeugung von Vorleistungsgütern wie Chemikalien zog um 1,0 Prozent an. Die Produzenten von Maschinen, Geräten und anderen Investitionsgütern stellten 1,7 Prozent mehr her. Die Energieversorger drosselten ihre Leistung hingegen um 1,6 Prozent.

Ob das Röslein vielleicht mal auf die Idee gekommen ist, das die deutschen Bürger so viel Euronen, wie nur irgend möglich, raushauen, um sie dem Zugriff des Staates zu entziehen? Hersteller von Konsumgütern verzeichnen ein Plus von 4,0%? Okay, das könnten ja auch Lebensmittelvorräte sein, oder?

Heinrich

06.07.2012, 13:12 Uhr

Hier wird uns mal wieder Sand in die Augen gestreut. Der Bürger soll beruhigt ins Bett gehen und erst gar nicht auf die Idee kommen, an die Zukunft von Europa und Euro zu denken. Friede, Freude, Eierkuchen - alles in Butter lieber deutscher Michel.

HHS

06.07.2012, 13:34 Uhr

ja, liebe Dagmar, und so könnten Sie jetzt alle Konsumgüter und alle Gründe der Reihe nach durchgehen - aber wozu? Ich kenne z.B. niemand, der Lebensmittel hortet - aus Angst vor Inflation? Aber vermutlich gibt es auch das. Haben Sie selbst den Keller voll mit Waschpulver, Corned Beef und Ersatzrädern? Nicht zu vergessen: Benzinkanistern, Vorratssocken und Dauerwurst.

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