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25.11.2014

08:43 Uhr

Deutsche Wirtschaft leicht gewachsen

Konsumenten kurbeln die Konjunktur an

Verbraucher sorgen für Schwung in der deutschen Wirtschaft. Sie steigerten ihre Ausgaben so stark wie seit drei Jahren nicht mehr. Trotz vieler Krisen weltweit wittern Firmen wieder Morgenluft.

Deutsche Verbraucher steigerten ihre Ausgaben um 0,7 Prozent. dpa

Deutsche Verbraucher steigerten ihre Ausgaben um 0,7 Prozent.

BerlinVerbraucher und Exporteure haben die deutsche Wirtschaft im Sommer vor einer Rezession bewahrt. Das Bruttoinlandsprodukt stieg von Juli bis September um 0,1 Prozent zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte and damit eine erste Schätzung von Mitte November bestätigte. Für Schwung sorgten vor allem die Konsumenten, die ihre Ausgaben um 0,7 Prozent steigerten und damit so stark wie seit drei Jahren nicht mehr. Auch der Außenhandel schob die Wirtschaft an, da die Exporte 1,9 Prozent zulegten und damit stärker als die Importe mit 1,7 Prozent. Als Bremse hingegen wirkte die Zurückhaltung der Firmen mit Investitionen.

"Deutschland hat kein Konsumproblem und auch kein Exportproblem", sagte Konjunkturexperte Christian Schulz von der Berenberg Bank. "Diese zwei Säulen der Wirtschaft wackeln nicht." Ganz anders sei die Lage bei den Investitionen. Denn verunsichert durch viele internationale Krisen etwa in der Ukraine und im Nahen Osten ließen die Firmen Pläne für bestimmte Projekte in der Schublade. Sie gaben 2,3 Prozent weniger aus für Maschinen und Anlagen - dies ist der größte Rückgang seit Anfang 2013. Schulz betonte aber: "Es sieht so aus, als ob die Abwärtsspirale der Unsicherheit zu einem Ende kommt."

Ökonomen zum Ifo-Index im November

Andreas Scheuerle (Dekabank):

„Was hat die Stimmungsänderung ausgelöst? Zum einen hat die Europäische Zentralbank (EZB) inzwischen ohne konkrete Ankündigungen dennoch nahezu unmissverständlich signalisiert, dass sie beabsichtigt unter anderem mit Staatsanleihekäufen die Deflationsgefahren zu bekämpfen. Das dämpft die vor allem bei den kleinen und mittleren Unternehmen vorhandenen Ängste, ihre Preise nicht durchsetzen zu können. Perspektivisch wird dieses Programm zu einer deutlichen Abwertung des Euro führen, was die größeren und zumeist exportorientierten Unternehmen erfreut. Denn sie können dann entweder im Exportgeschäft größere Margen verdienen oder ihre Absatzmenge steigern.“

Ulrich Wortberg (Helaba):

„Der erste Ifo-Anstieg seit sechs Monaten ist erfreulich. Positiv hervorzuheben sind die Erholungen der Geschäftserwartungen und der Lagebeurteilungen. Dies lässt auf eine Stabilisierung der konjunkturellen Entwicklung schließen. Erwartungen, wonach die Europäische Zentralbank weitere Lockerungsmaßnahmen beschließen könnte, werden durch die Zahlen nicht forciert.“

Jörg Zeuner (KfW-Chefvolkswirt):

„Die Unternehmen haben sich damit abgefunden: Das Winterhalbjahr bringt kaum Wachstum. Aber sie hoffen auf den Frühling. Der schwächere Euro und der niedrigere Rohölpreis geben Rückenwind. Für viel mehr als Stabilität gibt es derzeit aber noch keine eindeutigen Anzeichen. Für mehr Optimismus brauchen wir neben dem soliden Wachstum in Spanien und der Bodenbildung in Griechenland weitere Hoffnungssignale.“

Peter Meister (BHF-Bank):

„Wir hatten bei den Erwartungen mit einer Stabilisierung gerechnet. Die Verbesserungen bei Lage und Erwartungen sind deutlich und ein gutes Zeichen. Dies zeigt, dass wir im Euro-Raum und in Deutschland nicht auf eine Rezession zusteuern. Die Lage ist aber weiter nicht einfach. Entlastend wirken immerhin der schwache Euro und der niedrige Ölpreis.“

Uwe Burkert (LBBW-Chefvolkswirt):

„Unsere Erwartung war, dass der Ifo-Index besser ausfällt. Wir hatten aus Unternehmen quer über alle Branchen bessere Auftragszahlen. Positiv ist, dass die Erwartungen gestiegen sind. Die Konjunktur könnte sich wieder fangen. Über den Sommer sind Themen wie die geopolitischen Risiken verarbeitet worden. Die große Skepsis, die noch bei der Weltbank-Tagung im Oktober zum Ausdruck gekommen war, ist zum Glück nicht in der Realwirtschaft angekommen. Geholfen hat auch der niedrigere Ölpreis und der Rückgang des Euro. Der Ifo zeigt, dass wir mit einem versöhnlichen Jahresausklang zu rechnen haben. Wir sehen keine Rezession in Europa. Aber 2015 wird auch in Deutschland kein Selbstläufer.“

Im Frühjahr war die Wirtschaft noch um 0,1 Prozent geschrumpft. Sinkt die Summe aller produzierten Waren und Dienstleistungen zwei Quartale in Folge, sprechen Fachleute von einer Rezession. Trotz des konjunkturellen Gegenwinds wittern die Firmen wieder Morgenluft. Nach sechs Rückgängen in Folge hellte sich das Ifo-Geschäftsklima im November erstmals wieder auf. Dennoch bleibt die Erholung zunächst schwach. Im laufenden Schlussquartal erwartet Schulz nur eine Stagnation des Bruttoinlandsproduktes.

Unterm Strich trauen die meisten Ökonomen der Wirtschaft 2014 rund 1,2 Prozent Wachstum zu. Für nächstes Jahr gehen die Prognosen auseinander. Während die Bundesregierung ein Plus von 1,3 Prozent erwartet, rechnen die Wirtschaftsweisen 2015 nur mit 1,0 Prozent Wachstum.

Von

rtr

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

25.11.2014, 09:49 Uhr

So oft wie das "Konsumenten kurbeln die Konjunktur an" schon in den deutschen Medien propagierd wird, müssten die Verbraucher den ganzen Tag wie im Hamsterkäfig einkaufen gehen.

Account gelöscht!

25.11.2014, 10:06 Uhr

Die Wachstumszahl von 0,1% ist wissenschaftlich natürlich vollkommen wertlos. In diese Zahl sind ja fragwürdige wirtschaftliche "Leistungen", die früher im Zahlenwerk nicht berücksichtigt worden sind, wie etwa Prostitution und Drogenhandel, enthalten.

Solange diese neuen Faktoren nicht sauber quantifiziert und herausgerechnet werden, kann man mit den 0,1% Wachstum überhaupt nichts anfangen. Die Zahl dient bestenfalls zur Untermauerung der Propaganda eines Wahrheitsministeriums.

Eigentlich wäre es Aufgabe einer seriösen Wirtschaftszeitung, hier genau nachzufragen und die Wahrheit auf den Tisch zu legen. Nur so kann die in einer Demokratie unverzichtbare Aufgabe der Presse, die Regierung kritisch zu überwachen und zu kontrollieren, funktionieren.

Herr Andreas Glöckner

25.11.2014, 10:46 Uhr

In den Jahren 2012 und 2013 gab es starke Lohnzuwächse und Preissteigerungen. Das sind wesentlichen Unterschiede zum Jahr 2014. Das in diesem Jahr der Konsum zur Wirtschaft beiträgt, bestätigt nur diejenigen, die den Binnemarkt mit Lohnzuwächsen stabilisieren wollten.

Ohne Lohn keine weitern Arbeiten. Diese Aussage bezieht sich nicht nur auf die Arbeiter, die auf ihren Lohn warten müssen. Sondern diese Aussage bezieht sich auch auf den Konsum. Wer kein Geld hat, wird über den Kauf die Leistungen seiner Mitmenschen unvergütet lassen. Bei Bedarfsgegenständen ist die Straftat nicht mehr weit, der Diebstahl droht.
Wenn wir den legalen Konsum fördern wollen und unsere Städte verschönern wollen, und die Lohnzuwächse und Preissteigerungen führen eben auch zu höheren Steuereinnahmen, dann müssen wir uns vom alten Kapitalismusbild der Moderne verabschieden.

Was heute den Konsum stabilisiert muss gestern richtig vorentschieden worden sein.

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