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08.01.2011

11:53 Uhr

Deutschlands BIP

Konjunkturlokomotive auf Rekordkurs

VonRochus Görgen und Harald Schmidt (dpa)

Forscher fassen die Entwicklung der gesamten Wirtschaft gerne mit nur einer einzigen Zahl zusammen: Dem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts, kurz BIP. In dieser Woche wird diese Kernzahl für 2010 veröffentlicht - womöglich wird es ein Rekord.

Die deutsche Wirtschaft brummt - allerdings auf Kosten der Löhne. DAPD

Die deutsche Wirtschaft brummt - allerdings auf Kosten der Löhne.

HB WIESBADEN. Deutschland macht es seinen Nachbarstaaten in der Europäischen Union vor. Unter Volldampf hat sich die Wirtschaft aus dem Krisental befreit - und den Unternehmen scheint noch lange nicht der Atem auszugehen. An diesem Mittwoch wird das Statistische Bundesamt in Wiesbaden eine erste Schätzung zum Bruttoinlandsprodukt 2010 vorlegen. Experten rechnen mit einem dicken Plus - und auch im gerade begonnenen Jahr mit einer brummenden Konjunktur.

Nach dem Rekordminus von 4,7 Prozent im Krisenjahr 2009 wird das Bundesamt nach Schätzung von Experten jetzt von einer Zunahme der Wirtschaftsleistung um 3,5 oder gar 3,6 Prozent berichten können.

Damit würde der alte Rekordwert im wiedervereinten Deutschland von 3,4 Prozent im Boomjahr 2006 knapp übertroffen. Das Niveau vor der Finanzkrise ist damit noch nicht wieder erreicht. Dies dürfte 2011 gelingen.

Denn nach der Aufholjagd 2010 wird das Wachstum derzeit gleich von zwei kräftigen Säulen getragen. Erstens dürften die Exporte nach einer Analyse der Deutschen Bank dieses Jahr um siebeneinhalb Prozent wachsen. "Damit wäre der Anstieg etwa halb so hoch wie in 2010, in dem starke Aufholeffekte zu spüren waren", heißt es in dem Bericht unter dem Titel "Mit starkem Rückenwind ins Jahr 2011". Trotzdem werde der Nachfrageschub weitere Investitionen auslösen und die Wirtschaft ankurbeln.

Die zweite Säule der Wirtschaft sind derzeit die Verbraucher. Der private Konsum könnte nach der Deutschen-Bank-Studie um 1,25 Prozent zulegen - und wegen der großen Bedeutung des Konsums genauso viel wie die Exporte zum Wachstum 2011 beitragen. Dass die Kauflust der Verbraucher das Wachstum so befeuert, hatte es in Deutschland lange nicht gegeben. Flankiert wird dies auch durch gute Aussichten auf neue Jobs. "Der Arbeitsmarkt wird eine wichtige Konsumstütze sein", heißt es in der Studie, die wie viele andere mit weniger als drei Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt rechnet.

"Deutschland genießt ein goldenes Jahrzehnt", fasst Chefvolkswirt Holger Schmieding von der Berenberg Bank zusammen. Deutschland werde mit seinen Reformen und stabilen Finanzen 2011 und darüber hinaus die wichtigste Konjunkturlokomotive für Europa bleiben. In Deutschland könne die Stimmung kaum besser sein, meint die italienische Unicredit. "Der Aufschwung gewinnt an Breite. Die positiven Impulse der Exporte schwappen mehr und mehr auf die Inlandsnachfrage über", heißt es in einer Kurzstudie.

Mit der Aufholjagd und den rosigen Aussichten steht Deutschlands Wirtschaft derzeit viel besser da als die anderen großen Länder in der Europäischen Union - und ohnehin besser als kleine Krisenländer wie Griechenland, Portugal oder Irland.

Die Ursachen sieht die Deutsche Bank in Reformen der Unternehmenssteuern, am Arbeitsmarkt oder bei der Rente - gepaart mit dem kräftigen Globalisierungsschub. Doch dies hatte auch Schattenseiten, schreibt das Institut: "Deutschlands Schlankheitskur ging mit einem deutlichen Rückgang der Lohnquote und einer ungleicheren Einkommensverteilung einher." Die Gewerkschaften wollen das nun mit kräftigen Lohnerhöhungen ändern - und erhalten dabei teils sogar von Firmenchefs Unterstützung.

Kommentare (7)

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Italiener

08.01.2011, 13:06 Uhr

in italien ist die Jugendarbeitslosigkeit auf knapp 30% gestiegen, überwiegend gut ausgebildete Fachkräfte. Die Auswanderung dieser Fachkräfte nach Kanada, Australien auch Südamerika nimmt Fahrt auf.
Das ist aber für italien aber auch für Europa vom Nachteil, dadurch verstärken wir unsere Wettbewerber. Und das auf Kosten des europäischen Steuerzahler.
Es ist höchste Zeit dass brüssel für eine faire Arbeitsteilung innerhalb der Eurozone sorgt.

Wienerwald

08.01.2011, 13:25 Uhr

was meinen Sie mit Arbeitsteilung?
Wäre zufällig Deutschland für die Hühner- und Eierproduktion zuständig gewesen, wie würde es jetzt aussehen? Ganz Europa ohne Eiern und Hühnchen?

Norbert R

08.01.2011, 13:32 Uhr

Obwohl die EU Länder sparen bis die Sparte kracht und die EU Regierungen sich eine noch nie dagewesene Austeritätspolitik verordnet haben, steigt die Wirtschaftsstimmung im Dezember sowohl in der EU als auch in Deutschland gemäß makroökonomischer indikatoren wie ifo oder EU Wirtschaftsklimaindex auf Rekordhöhen. Seit der Griechenlandkrise warte ich eigentlich täglich auf einen logischen Einbruch der indikatoren, die aber offenbar Flügel bekommen haben. So bleibt mir nur, mich am Kopf zu kratzen und der Hausse am Aktienmarkt hinterherzuschauen. Vielleicht stehen wir aber doch am Wendepunkt. Denn neben der Sparpolitik könnte die EZb bald gefordert sein, ihre laxe Geldpolitik mit steigendem Leitzins zurückzufahren, steigt doch die inflationsrate in der EU jetzt schon wieder über die Zielmarke der EZb von 2% im Dezember. Spätestens dann gilt wieder die Schwerkraft für den Aktienmarkt, oder?

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