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28.05.2015

12:28 Uhr

DIHK-Konjunkturumfrage

Konjunktur unter Dopingverdacht

VonFrank Specht

Die Wirtschaft bleibt auf Wachstumskurs. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag korrigiert sogar seine BIP-Prognose nach oben. Statt mit 1,3 Prozent rechnen die Experten nun mit einem Plus von 1,8 Prozent.

Im Hamburger Hafen dürften sich die Container stapeln. Die Konjunktur in Europas größter Volkswirtschaft brummt. dpa

Deutsche Wirtschaft

Im Hamburger Hafen dürften sich die Container stapeln. Die Konjunktur in Europas größter Volkswirtschaft brummt.

BerlinDer gesunkene Ölpreis, die Euro-Schwäche und die Niedrigzinsen wirken derzeit wie ein Dopingmittel auf die deutsche Konjunktur. „Im Moment ist das ein geliehener oder gedopter Aufschwung, sagte Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), am Donnerstag bei der Vorstellung der Frühsommer-Umfrage seines Verbandes. „Wenn dieser Effekt von heute auf morgen wegfiele, dann würden wir wieder bei der Dümpelkonjunktur landen, die wir hatten“, warnte Wansleben.

Trotz der Unkenrufe hat der DIHK seine Wachstumsprognose für 2015 von 1,3 Prozent zu Jahresbeginn auf jetzt 1,8 Prozent angehoben. Der Verband zeigt sich damit pessimistischer als die Gemeinschaftsdiagnose der Institute, die im April noch ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 2,1 Prozent prognostiziert hatten. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) geht von einer spürbaren Belebung aus. Nach dem unerwartet schwachen Jahresauftakt, in dem die Produktion nur um 0,3 Prozent ausgeweitet wurde, nehme die Wirtschaft Fahrt auf. Das DIW-konjunkturbarometer signalisiere für das laufende zweite Quartal einen merklichen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal, teilte das Institut mit.

Ein Rückschlag sei aber nicht ausgeschlossen, wenn der Effekt der Sonderfaktoren nachlasse, warnte Wansleben. So steige der Ölpreis bereits wieder, auch der Euro habe sich gefangen. Wie nachhaltig der Aufschwung wirklich sei, müsse sich erst noch zeigen: „Wenn du Flut hast, kommst du über so manche Untiefe hinweg, wenn Ebbe ist, dann läufst du auf.“

Der DIHK hat für seine Konjunkturumfrage mehr als 23.000 Unternehmensantworten ausgewertet. Während die Unternehmen ihre Lage im Vergleich zum Jahresbeginn unverändert gut einschätzen, haben sich die Geschäftserwartungen sogar leicht aufgehellt. Die Niedrigzinsen lassen vor allem die Bauwirtschaft boomen, die Stimmung in der Industrie hellt sich dank besserer Auslandsgeschäfte und der guten inländischen Konsumnachfrage auf. Das Jobwunder, Lohnsteigerungen und niedrige Preise schaffen Kaufkraft und beflügeln den Handel.

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Angesichts der durch Sondereffekte begünstigten Konjunktur erwartet der DIHK, dass dieses Jahr in der deutschen Wirtschaft eine Viertelmillion Stellen neu geschaffen werden und die Zahl der Arbeitslosen um 100.000 auf 2,8 Millionen sinkt. Die Dienstleister , die über Jahre Beschäftigungsmotor waren, sind beim Jobaufbau allerdings zurückhaltender als Bau, Handel oder Industrie. In Ostdeutschland nennt fast jedes zweite Unternehmen gestiegene Arbeitskosten als Top-Risiko für die Geschäftsentwicklung. hier macht sich vor allem der seit Jahresbeginn geltende gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde bemerkbar, der gerade in den neuen Ländern das Lohnniveau angehoben hat.

Die Sorge vor steigenden Arbeitskosten hat aber auch damit zu tun, dass Firmen mit höheren Löhnen oder Prämien um knapper werdende Fachkräfte werben müssen. Im Heizungsbau etwa, der mit zu den Mangelberufen zähle, würden talentierte Kräfte mittlerweile von Headhuntern weggekauft, berichtete Wansleben. Die Sorge vor Fachkräftemangel ist unter den DIHK-Mitgliedsfirmen mittlerweile so stark verbreitet wie nie zuvor seit Beginn der Erhebung im Jahr 2010.

Für das kommende Jahr zeigt sich der DIHK nur verhalten optimistisch. Eine zwei vor dem Komma beim Wachstum sei nur dann erreichbar, wenn die Investitionen endlich kräftiger anziehen. Hier liege Deutschland seit 2004 strukturell mit 18 Prozent des BIP unter dem Niveau anderer Industrieländer mit 21 Prozent. Mit der Fratzscher-Kommission habe die Regierung die richtigen Schritte eingeleitet, sagte Wansleben. Sie könne nun aber nicht nach dem Motto handeln: „Gut, dass wir darüber gesprochen haben.“ Den Worten müssten auch Taten folgen.

Außerdem dürfe die Große Koalition nicht nur den europäischen Partnern Tipps zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit geben, sondern sie sei auch im eigenen Land gefragt. Die geplante Regulierung von Leiharbeit und Werkverträgen und neue Gesetzesvorhaben wie das Entgeltgleichheitsgesetz oder das Rückkehrrecht von einer Teilzeit- auf eine Vollzeitstelle drohten den Aufschwung abzuwürgen. Die aktuell gute Konjunkturentwicklung dürfe über eines nicht hinwegtäuschen, mahnte Wansleben: „Die Politik nimmt momentan eine Anleihe auf die Zukunft auf.“

Kommentare (1)

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Herr Peter Noack

28.05.2015, 11:55 Uhr

Mit dem DIW befindet sich der DIHK ja in bester Gesellschaft.

Die prognosen untercheiden sich ja kaum vom Wirtschaftsministerium aus dem April. Wo ist denn da der Mehrwert?

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