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31.03.2014

11:41 Uhr

Draghi gerät unter Zugzwang

Inflation im Euro-Raum auf Vierjahres-Tief

EZB-Chef Draghi sieht keinen Preisverfall auf breiter Front – doch die neuesten Inflationszahlen könnten ihn unter Zugzwang setzen: Die Teuerungsrate in der Euro-Zone ist auf den niedrigsten Stand seit Jahren gefallen.

Die zu Unrecht gebändigte Inflation

Video: Die zu Unrecht gebändigte Inflation

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DüsseldorfDie Preise in der Euro-Zone steigen nur noch minimal und schüren damit Ängste vor einer gefährlichen Deflation. Die Inflationsrate in den 18 Staaten des Währungsraums fiel im März auf 0,5 Prozent, wie die Statistikbehörde Eurostat am Montag mitteilte. Experten hatten mit einem Wert von 0,6 Prozent gerechnet.

Die Inflation ist damit so niedrig wie zuletzt im November 2009, als die Weltwirtschaft in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg steckte. Insbesondere die zum Vorjahr um 2,1 Prozent gesunkenen Energiekosten dämpfen den Preisauftrieb. Dennoch dürfte die niedrige Inflation bei der Europäischen Zentralbank (EZB) vor der am Donnerstag anstehenden Zinssitzung die Alarmsirenen schrillen lassen.

Die EZB strebt eine Jahresteuerung von knapp zwei Prozent an und ist von diesem Ziel nun relativ weit entfernt. EZB-Chef Mario Draghi sieht den Euro-Raum vor einer längeren Phase niedriger Inflation, befürchtet jedoch keinen Preisverfall auf breiter Front. Eine solche deflationäre Spirale kann die Wirtschaft lähmen, wenn Verbraucher und Firmen sinkende Preise erwarten und Konsum- beziehungsweise Investitionsentscheidungen auf die lange Bank schieben.
Im November hatte die EZB den Leitzins auf das Rekordtief von 0,25 Prozent gesenkt und damit auf den niedrigen Preisauftrieb reagiert. Sie hat damit nur noch wenig Spielraum beim Leitzins, könnte jedoch auch mit dem Ankauf von Wertpapieren im großen Stil deflationären Gefahren begegnen.

Welche Waffen die EZB noch in ihrem Arsenal hat

Ein noch niedrigerer Leitzins

Der Spielraum der EZB beim Leitzins ist inzwischen sehr eng. Er liegt bei 0,15 Prozent. Damit ist das Ende der Fahnenstange praktisch erreicht.

Negativer Einlagezins

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und negative Zinsen einführen.

Ende der Neutralisierung früherer Wertpapierkäufe

Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB zur Stützung von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro deren Staatsanleihen. Derzeit schöpft die EZB die Liquidität wieder ab, indem sie den Banken anbietet, in gleicher Höhe Geld bei ihr anzulegen. Die EZB könnte dieses Prozedere abschaffen - was entsprechend dem Restwert der Anleihen etwa 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln bringen würde.

Geringere Mindestreserve

Die Banken müssen zur Sicherheit Geld bei der EZB hinterlegen. Diese sogenannten Mindestreserven summieren sich auf etwa 100 Milliarden Euro. Würde die EZB die Anforderungen lockern und beispielsweise nur noch die Hälfte als Sicherheit verlangen, hätten die Banken zusätzlich 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie als Kredite ausreichen.

Kreditvergabe fördern auf britische Art

Der niedrigste Leitzins nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben. Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen der Euro-Zone darüber, keinen Zugang zu Bank-Krediten zu haben. Mit einem Trick nach britischem Vorbild könnte die EZB das ändern. Dort können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen.

Geringere Sicherheiten

Wenn Banken Geld von der EZB haben wollten, mussten sie bis 2007 Wertpapiere mit Top-Bonität als Sicherheit hinterlegen. Die Anforderungen hat sie seither mehrfach gesenkt - und könnte es weiter tun, um die Institute bei Kasse zu halten. Denn das ist die Voraussetzung für neue Kredite. Die Währungshüter könnten beispielsweise Aktien oder US-Staatsanleihen akzeptieren.

Liquidität für Förderbanken

Die Europäische Investitionsbank (EIB) kann am ehesten die kleineren und mittleren Unternehmen mit Geld versorgen. Seit 2009 kann sich die EIB bei der EZB Geld leihen, um es anschließend weiterzureichen. Die Währungshüter könnten solche Förderbanken mit zusätzlicher Liquidität ausstatten.

Langfristiger Ausblick

Die Kreditzinsen in vielen Krisenstaaten sind noch immer recht hoch. Um sie zu drücken, könnte die EZB nach amerikanischem Vorbild eine lange Niedrigzinsphase ankündigen. Die Federal Reserve hat erklärt, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2015 auf extrem niedrigem Niveau zu halten. Ringt sich die EZB zu einer ähnlichen Aussage durch, könnte dies die Zinsen im längeren Laufzeitbereich drücken.

Eine weitere "Dicke Bertha"

Die EZB hat Ende 2011 und Anfang 2012 die Banken mit zwei dicken Geldsalven von jeweils gut 500 Milliarden Euro geflutet. Draghi hatte diese in Anlehnung an ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg als "Dicke Bertha" bezeichnet. Sie wirkten: Inzwischen zahlen viele Banken bereits wieder schrittweise das Geld zurück, das sie sich damals bei der EZB geliehen haben. Eine Kreditklemme in vielen Südländern gibt es trotzdem, weil dort die Nachfrage der Unternehmen wegen der Krise sehr gering ist und die Banken Geld horten - zum Teil aus Angst, zum Teil wegen der steigenden Kapitalanforderungen der Regulierer. Ob sich die EZB eines Tages dazu durchringt, wie die Bank von England den Banken Geld nur unter der Bedingung zu geben, dass sie es als Kredit an Firmen weiterreicht, bleibt abzuwarten. Das Experiment auf der Insel war nur mäßig erfolgreich. Denn die Notenbank kann Unternehmen nicht befehlen, Kredite zu nehmen und zu investieren.

Wertpapierkäufe

Sollte die Krise wieder eskalieren, bliebe der EZB noch der massenhafte Ankauf von Wertpapieren - beispielsweise von Staatsanleihen oder Bankanleihen. Im Sommer 2012 - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise - hatte Draghi versprochen, die EZB werde bei Bedarf und unter klar definierten Bedingungen Staatsanleihen von Problemländern kaufen - notfalls in unbegrenzter Höhe. Vor allem hierzulande hat dieses Versprechen der EZB Ärger eingehandelt. Sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich damit, weil die EZB im Fall der Fälle das Verbot der Staatsfinanzierung aus Sicht ihrer Kritiker wohl brechen würde. Bis dato musste Draghi jedoch nicht eine Staatsanleihe kaufen.

Experten erwarten derweil keine rasche Reaktion der EZB. Die neuesten Inflationszahlen „dürften die Deflationsdebatte anheizen“, kommentierte Christoph Weil von der Commerzbank. „Aber eine Zinssenkung der EZB auf der Ratssitzung am Donnerstag halten wir für wenig wahrscheinlich. Denn schon im April wird die Inflationsrate wieder auf knapp ein Prozent steigen.“ Christian Schulz von der Berenberg Bank wies auf die schwierige Abhängung hin, die die EZB vornehmen müsse: „Die niedrige Inflationsrate wird die Spekulation weiter anheizen, dass die EZB am Donnerstag Maßnahmen zur Abwehr von Deflationsrisiken ergreifen könnte“, kommentierte Schulz. „Auf der anderen Seite hatten wir zuletzt starke Daten für das Geschäftsvertrauen in der Euro-Zone. Die konjunkturelle Erholung scheint sich zu verstärken, auch die Einzelhandelsdaten aus Deutschland sprechen dafür“. Die EZB müsse nun abwägen zwischen der Stärke der Erholung und den Ängsten vor zu niedriger Inflation. „Wir glauben, dass sie sich für die starke Erholung entscheidet und glauben, dass sie sich für die starke Erholung entscheidet und am Donnerstag still halten wird.“

Von

rtr

Kommentare (14)

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31.03.2014, 11:53 Uhr

Die Mieten und Wohnungspreise in großen Städten explodieren, die Börsen sind nahe den Höchstständen, vieles kostet in Euro längst so viel wie damals in DM (die älteren erinnern sich).
Alles Anzeichen einer gallopierenden Inflation als Folge von hemmungsloser Geldvermehrung auch und wegen Rechtsbrüchen von Herrn Draghi und der EZB.
Bin ich der Einzige, der sich von dem Deflatiosgerede für dumm verkauft fühlt?

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31.03.2014, 12:09 Uhr

Wessen Löhne und Gehälter sich nicht zumindest im gleichen Maße wie die angebliche Inflation entwickelt, gehört wohl wirklich zur Unterschicht in Deutschland bzw. ist ein Verlierer der Globalisierung.

Aber wer nur das kann, was auch ca. 2,5 Mrd. Chinesen und Inder können, wird eben auch nur so bezahlt werden wie 2,5 Mrd. , völlig unabhängig von einer Währung. Willkommen in der globalisierten Arbeitswelt im 21. Jahrhundert.

Daher immer schön die Augen auf bei der Berufswahl. Jeder ist sein eigenes Glückes Schmied, und bekommt das was er verdient. C´est la vie. So einfach ist das. Over and out !

Account gelöscht!

31.03.2014, 12:14 Uhr

Was stand im letzten Artikel: Preisanstieg bei Lebensmitteln bei rund 5 %? Über die Mieten brauchen wir nicht reden. Preisssenkung der Rohstoffe Dank Entspannung in Konfliktländern ( anstatt Deflation kann man es eher Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit nennen ). ..Hmmmm.....Was bleibt denn dann noch übrig was günstigert wurde... Achja, der Fernseher,den ich mir ja täglich kaufe

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