Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.12.2014

16:37 Uhr

Drohender Russland-Absturz

Ökonom warnt vor neuer Schwellenländer-Krise

VonDietmar Neuerer

ExklusivDer Verfall des russischen Rubels könnte sich zu einer Krise größeren Ausmaßes entwickeln, warnt Thorsten Polleit. Der Frankfurter Ökonom ist überzeugt: Nur eine politische „Vernunftlösung“ kann jetzt noch helfen.

Der Verfall des Rubels schürt die Angst vor einer neuen Krise der Schwellenländer. dpa

Der Verfall des Rubels schürt die Angst vor einer neuen Krise der Schwellenländer.

BerlinWirtschaftsflaute, Ölpreisverfall und Sanktionen: Russland steckt tief in einer Krise, der russische Rubel stürzt ab. Ökonomen sind von der Entwicklung zunehmend beunruhigt. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) , Marcel Fratzscher, hält ein Staatspleite für möglich, der Frankfurter Ökonom Thorsten Polleit fürchtet eine Ausbreitung der Krise auf andere Länder.

„Sollten russische Banken und Unternehmen nicht in der Lage sein, ihre Auslandsverbindlichkeiten wie vereinbart zu zahlen, drohen den Haltern der von ihnen emittierten Papiere – Kapitalsammelstellen in Europa und den USA und anderswo auf der Welt – natürlich Verluste, die letztlich die Sparer zu tragen haben“, sagte Polleit dem Handelsblatt (Online-Ausgabe).  „Zudem wären Vertrauensverluste in den weltweiten Kreditmärkten möglich, die sich möglicherweise zu einer „Kreditkrise“ auswachsen können“, fügte der Ökonom hinzu.

Für diesen Fall könnte nach Polleits Einschätzung Kapital zusehends aus den sogenannten Emerging Markets abgezogen werden und Kreditfinanzierungsprobleme in den betroffenen Ländern auslösen. „Zu denken wäre hier etwa an die Türkei, Brasilien und Südafrika“, sagte Polleit.

Polleits Befürchtungen kommen nicht von ungefähr. Auch viele Aktienhändler und Analysten fühlen sich in diesen Tagen an das Beben in der Rubelkrise 1998 erinnert. Auch damals wirkten fallende Ölpreise als Brandbeschleuniger. Und auch damals stand die Aussicht auf eine striktere Geldpolitik der US-Notenbank am Anfang einer rapiden Aufwertung des Dollars. Die Krise spitzte sich Ende der Neunzigerjahre zu einer regelrechten Flucht aus den Schwellenländer-Währungen zu, die in der russischen Staatspleite gipfelte.

Der Rubel-Verfall - Ursachen und Folgen

Historisches Tief

Die Währung verlor seit Wochenbeginn mehr als 15 Prozent, die jüngste Erholung vom Mittwochvormittag auf einen Kurs von einem Dollar je 64 Rubel eingerechnet. Seit Jahresbeginn summiert sich der Wertverfall auf mehr als 50 Prozent. Allein am Dienstag war der Rubel zeitweise um 24 Prozent eingebrochen und hatte ein Rekordtief von einem Dollar je 80 Rubel markiert. Die Zentralbank hatte die Talfahrt noch in der Nacht zuvor mit einer drastischen Erhöhung des Leitzinses um 6,5 Prozent zu stoppen versucht. Doch vergebens.

Einkaufen bis zum Abwinken

Der Währungsverfall treibt die Russen in die Geschäfte. Begehrt sind bei den Kunden vor allem importierte Autos, Kühlschränke, Fernseher und Waschmaschinen. Ihre Devise: Noch schnell Rubel loswerden, bevor bald Schilder mit höheren Preisen in den Schaufenstern hängen.

„Nun ist genau die Zeit, um sämtliche Einkäufe zu erledigen, die man aufgeschoben hat, weil es morgen andere Preise gibt“ sagt Alexej Malachow, ein 27-jähriger IT-Angestellter, der ein Google-Telefon für 18 000 Rubel (rund 200 Euro) erstanden hat. Vor zwei Wochen habe er eine Waschmaschine gekauft. Seitdem habe sich deren Preis um 25 Prozent erhöht. „Wir haben nicht alles gekauft, was wir bräuchten, aber es ist kein Geld mehr übrig“, klagt er.

Dmitri Rajenko hat einen Ofen und einen Kaffeemacher ergattert. „Man muss das philosophisch angehen: Kauf, was du jetzt brauchst“, sagt der 45-jährige Angestellte im Sport-Marketing. „Wir sind in einem Wirtschaftskrieg, und es ist unwahrscheinlich, dass es bald besser wird.“

Der Öl-Faktor

Im Tandem mit den Sanktionen des Westens wurde der Absturz des Rubels von einem Preisverfall beim Öl angetrieben. Das Barrel sackte von einem Sommerhoch von 107 Dollar auf nunmehr 56 Dollar ab. Dabei kommt der Bärenanteil der Einnahmen der Regierung aus dem Ölgeschäft.

Der Angst-Faktor

Und doch erklärt sich die Währungskrise längst nicht allein aus dem Absturz der Ölpreise. Vielmehr herrsche eine Vertrauenskrise bei jedem, der im Markt involviert sei, konstatiert Philip Hanson, Experte für russische Wirtschaft am Königlichen Institut für Internationale Angelegenheiten in London. „Es ist einfach, das Wort 'Panik' zu benutzen, aber ich denke, das ist genau das, was passiert ist.“

Dazu gehöre, dass Unternehmen versuchten, ihre Rücklagen in Dollar umzuwandeln und auch gewöhnliche Bürger ihr Erspartes retteten, in dem sie Rubel umtauschten.

Zwar versuchen Staatsmedien das Ausmaß der Krise herunterzuspielen, doch selbst einige russische Beamte wirken ratlos. „Die Situation ist kritisch“, räumt der Vize-Chef der Zentralbank, Sergej Schwetsow

Schmerzhafte Sanktionen

Dem Rubel setzen die Sanktionen zu, die die USA und Europa wegen der Rolle Moskaus in der Ukraine-Krise verhängt haben. Hintergrund sind die Schwierigkeiten russischer Firmen, ihre Dollar- und Euroschulden auf den westlichen Kapitalmärkten zu refinanzieren. „Daher streben sie danach, Euros oder Dollars zu erwerben, um externe Schulden zu bezahlen und gehen dabei in einer Art und Weise vor, mit der sie das sonst nicht tun würden, wenn die Sanktionen nicht wären“, sagt Experte Hanson. Mit anderen Worten: Die Unternehmen erbetteln sich Dollars und verkaufen Rubel, um sie zu bekommen - und schicken den Rubel damit nur auf eine noch steilere Talfahrt.

Just auf dem Höhepunkt der Krise kündigte das Weiße Haus am Dienstag an, Präsident Barack Obama werde ein Gesetz mit neuen Strafmaßnahmen gegen Moskau unterzeichnen.

Hinter den Kulissen

Marktanalysten zufolge trug ein Geheimdeal des angeschlagenen staatlichen Ölgesellschaft Rosneft zur Aushöhlung des Rubel bei. Der von Putins Langzeit-Intimus Igor Seschin geführte Konzern ruft bereits seit Monaten nach einem Rettungsring der Regierung, weil die Sanktionen seine Möglichkeiten einschränkten, sich im Ausland Geld zu leihen.

Durch den Verkauf von Anleihen mit niedrigen Zinssätzen - laut Analysten an staatliche Banken - borgte sich Rosneft am Freitag 625 Millionen Rubel. Zu dem Zeitpunkt waren dies 10,9 Milliarden Dollar (rund 8,7 Milliarden Euro). Zwar stritt Rosneft ab, jegliche Erlöse aus den Anleihen in Dollar umgetauscht zu haben. Doch aus Sicht von Experten dürften Gerüchte über den Deal für die Währungskrise mitverantwortlich sein.

Rosneft sei so wichtig, dass es nur schwer vorstellbar ist, dass Russland den Konzern in die Zahlungsunfähigkeit gehen lasse, sagt Ewgeny Solowjow, Analyst bei der Société Générale in London. „Und wir haben eben gesehen, dass sie das nicht zulassen werden.“

Was tun?

Die jüngste Zinserhöhung durch die Zentralbank soll die Händler dazu ermuntern, an ihren Rubel festzuhalten. Doch Analysten zufolge war die Maßnahme schon deshalb unzureichend, weil Banken und Unternehmen viel größere Gewinne durch den Kauf harter Währung erzielen könnten. Im Übrigen könnten sich die höheren Zinssätze als Bumerang erweisen und der Wirtschaft schaden.

Sollten die panischen Rubel-Verkäufe weiter anhalten, könnten die russischen Behörden sich gezwungen sehen, Kapitalkontrollen einzuführen, mutmaßen Experten. Das wären jedoch schlechte Nachrichten für all jene ausländischen Investoren, die ihr Geld noch nicht aus Russland abgezogen haben.

Der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, sieht die Schwellenländer ohnehin in einer schwierigen Situation. „Nach Jahren des steilen Aufstiegs beginnen nun die Mühen der Ebene für die Schwellenländer“, sagte Horn dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). Solle ihr Wachstum eine neue Qualität erreichen, müssten sie erhebliche Ressourcen in den Aufbau von Infrastruktur und Sozialsystemen stecken. „Das enttäuscht manche Investorenerwartung“, erklärte der IMK-Chef.

Trete dann ein Ereignis wie der Rubelverfall ein, mache sich diese Enttäuschung in einer allgemeinen Abkehr von Anlagen in diesen Ländern Luft, sagte Horn weiter. „Zu erwarten ist daher eine mittelfristige Umkehr zu Anlagen in traditionellen Volkswirtschaften, die gerade besonders vielversprechend sind wie die USA und Großbritannien.“

Kommentare (16)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Paul Mueller

19.12.2014, 17:58 Uhr

News zum Anlass der Sanktionen, dies war schliesslich MH17:

"... Die mit dem Abschuss in Verbindung gebrachte BUK-Einheit 312 war 100 Prozent ukrainisch...", sagte ein ehemaliges Besatzungsmitglied von BUK 312. "... Wir mussten alle lachen, als der SBU dies als eine BUK der Rebellen oder russische BUK präsentierte...."

Der Wirtschaftskrieg wurde als auf amerikanische Lügen aufgebaut, wie schon der Angriffskrieg auf den Irak.

Einfach mal googlen, gibt noch schöne Details dazu.

Ja, eben nur die Qualitätsmedien bringen die wirklich interessanten und wichtigen Informationen ...

Herr Helmut Metz

19.12.2014, 18:04 Uhr

Polleit weiß natürlich mehr, als er sagen darf.
Was tatsächlich gerade passiert, dürfen nur absolut unabhängige Ökonomen wie Martin Armstrong schreiben:
Die Global-Deflation hat bereits begonnen.
Eine Global-Deflation beginnt immer in der PERIPHERIE (Schwellenländer) und frisst sich dann in den CORE durch.
Zudem gibt es immer einen ROHSTOFFVORLAUF, und deshalb trifft es als Erstes die Rohstoffproduzenten bzw. -staaten. Norwegen z.B. wird NICHT sanktioniert, aber da es ein Rohstoffproduzent (mit zudem hohen Förderkosten!) ist, ist die Norwegische Krone ebenfals massiv in die Knie gegangen. In Dubai (wird das vielleicht sanktioniert?) ist die Börse letzte Woche geradezu untergegangen.
Die Global-Deflation als "Bereinigungskrise" für die monetären Sünden der weltweiten Staatsverschuldungsorgien, letztendlich die Folge unseres aktuellen Fiat-Money-Geldsystems, wird zur Weltwirtschaftskrise 2.0 führen.
Da in unserer durchgepamperten schönen Schein-Welt zu hart, werden die Armstrong-Zitate auch bald gelöscht werden:
"Ich hatte in „The Greatest Bull Market“ davor gewarnt, dass während einer riesigen Staatsschuldenkrise buchstäblich alles dem Boden gleichgemacht werden wird. Es ist die totale Auslöschung, bei der nichts mehr stehen bleibt...
Wir werden gerade Zeugen des Zusammenbruchs der Weltwirtschaft, weil wir es bei den Staaten mit einer allesdurchdringenden Korruption und politischen Manipulationen zu tun haben..
Wer weitere Beweise dafür haben will, dass die aktuelle Entwicklung nicht allein auf Russland beschränkt ist, muss einfach nur die Augen aufmachen. Es handelt sich hier um eine Krise, die alle Schwellenmärkte betrifft."
http://www.propagandafront.de/1235940/deflationaerer-monster-crash-der-zusammenbruch-des-rubels-ist-erst-der-anfang.html

Account gelöscht!

19.12.2014, 18:09 Uhr

Wenn Außenminister Steinmeier vor den möglichen Folgen von Rußlandsanktionen warnt, so empfinde ich das als eine kaum zu überbietende Unaufrichtigkeit. Er selbst hat schließlich am Kabinettstisch gesessen, als die Rußlandsanktionen durchgewinkt worden sind. Krokodilstränen sind seine Warnungen, mehr nicht.

Im übrigen sieht es keineswegs danach aus, daß Rußland vor dem Zusammenbruch stünde. Die Fundamentaldaten sind nach wie vor sehr gut. Das BIP ist auch in diesem Jahr noch gewachsen, nicht zuletzt die verarbeitende Industrie. Der Staatshaushalt kommt ohne Schuldenaufnahme aus. Die Reserven in Devisen und Gold sind ein beruhigendes Polster.

Das scheinen langsam auch die Devisenmärkte zu begreifen. Immerhin hat sich der Rubel in den letzten Tagen deutlich von seinen Tiefpunkten entfernt.

Rußland wird den Wirtschaftskrieg gewinnen, weil es marktwirtschaftlich aufgestellt ist im Gegensatz zum ökosozialistischen Deutschland und zur ebenfalls ökosozialistischen EU.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×