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14.06.2013

17:30 Uhr

Economist-Titel

„Die deutsche Sicht ist verzerrt und selbstgefällig“

Deutschland sollte mehr Führungsstärke in Europa zeigen, argumentiert die britische Wirtschaftszeitung „Economist“ in ihrer Titelgeschichte. Hierfür müsse es jedoch seine traditionellen Sichtweisen überwinden.

Deutschland als zaudernde Macht, auf der Titelseite des Economist. Pressefoto

Deutschland als zaudernde Macht, auf der Titelseite des Economist.

In ihrer Titelgeschichte setzt sich die britische Wirtschaftszeitung Economist kritisch mit der Rolle Deutschlands in Europa auseinander. Die Autorin Zanny Minton Beddoes beschreibt, dass Deutschland zum wirtschaftlichen Hegemon Europas geworden sei. Damit gehe eine große Führungsverantwortung einher, der Deutschland nicht gerecht werde, argumentiert sie.

Die Ursache dafür sieht Minton Beddoes in einer falschen Sichtweise, die sich in Deutschland durchgesetzt habe. Statt eigene Probleme anzupacken, werde mit dem Finger auf andere Länder gezeigt. Viele deutsche Politiker seien der Auffassung, die anderen Länder Europas müssten so werden wie Deutschland, um aus der Krise zu kommen. Das jedoch sei aus drei Gründen ein Trugschluss:

1. Historisch falsch

Deutschland sei nicht durch eine Sparpolitik stark geworden, sondern durch die Strukturreformen der Agenda 2010. Als es 2003 den Arbeitsmarkt liberalisierte, habe Deutschland gegen die Maastricht-Kriterien verstoßen. Damals habe es sich zu Recht für Strukturreformen entschieden und die Haushaltsvorschriften vernachlässigt. Zudem sei der Erfolg nicht allein auf Reformen und Sparsamkeit zurückzuführen, sondern auch auf den schwachen Euro. Außerdem habe Deutschland Glück gehabt, dass seine klassischen Produkte wie Autos, Maschinen und Chemikalien in China und anderen aufstrebenden Ländern so stark nachgefragt würden.

2. Zu stark auf Regeln fixiert

Deutsche Politiker würden eher auf die Einhaltung von Regeln und Prinzipien achten, als Probleme zu lösen. Ein Beispiel hierfür sei die Bankenunion. Es gebe unter Ökonomen einen breiten Konsens, dass eine Bankenunion nötig sei. Deutschland zögere aber und argumentiere plötzlich, dass es keine rechtliche Grundlage für eine gemeinsame Bankenabwicklung gebe.

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3. Selbstgefällig

Es stimme nicht, dass Südeuropa die alleinige Verantwortung für die Krise trage. „Zwischen Merkels Besessenheit, die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu verbessern, und der Reformmüdigkeit im eigenen Land klafft eine Lücke,“ schreibt Minton Beddoes. Die deutsche Wirtschaft sei „überaus unausgeglichen“. Ein wichtiger Beweis dafür sei der Leistungsbilanzüberschuss von sieben Prozent der Wirtschaftsleistung. Das sei kein Ausweis wirtschaftlicher Stärke sondern Ausdruck für einen unnötig niedrig gehaltenen Lebensstandard und mangelnde Investitionen.

Das Fazit im Economist: Deutschland muss von der heutigen „kleinstaatlichen Zauderei“ abrücken und mutiger werden. Dabei sieht Minton Beddoes drei Prioritäten: Erstens müsse Deutschland eine Bankenunion vorantreiben, um die Kreditklemme in Südeuropa zu bekämpfen. Zweitens sollte es für Wachstumsimpulse in Europa eintreten. Drittens müsse es seine Wirtschaft stärker ins Gleichgewicht bringen. Reformen, die staatliche und private Investitionen förderten, seien gut für Deutschland und Europa.

Von

jam

Kommentare (21)

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englische_Spaltpilze

14.06.2013, 18:00 Uhr

Statt eigene Probleme anzupacken, werde mit dem Finger auf andere Länder gezeigt

Genau das Kompliment kann man zurückgeben. Langsam sollte doch GB mal anfangen seine Rolle in dem Spielchen zu überdenken.

Wie wäre es denn mal, wenn GB sich mal um die eigenen Probleme kümmern würde, anstatt immer Spaltpilz zu spielen. Schliesslich hat der Finanzplatz London wesentlich zur Krise beigetragen, nicht nur als sicherer Hafen für schwarzes griechisches Steuergeld.

Diese permananten Hetzkampagnen gegenüber anderen Staaten sind wirklich als widerlich und abstossend zu bezeichnen. Kann man in GB nichts anderes?

Revisor

14.06.2013, 18:06 Uhr

"Deutsche Politiker würden eher auf die Einhaltung von Regeln und Prinzipien achten, als Probleme zu lösen. "

In welcher Ecke muß man denn stehen, um so eine schräge Sichtweise zu produzieren? Fast alle deutschen Politiker waren in der Eurokrise von Pragmatismus, und vom Ausland sowie inländschen Links-Medien induzierter politischer "Correctness" getrieben.

Welche "Regeln und Prinzipien" des Euro-Konstrukts bestehen denn eigentlich noch unangefochten?????

Serjoscha

14.06.2013, 18:20 Uhr

Geradezu unsinniger Artikel, da Deutsche einerseits angeblich regelfixiert, andererseits die Regeln aber gebrochen haben sollen. Der Artikel widerspricht sich auch im Original im Economist.
In der kurzen Zusammenfassung wird einem noch einmal klar, warum Zanny Minton Beddoes eigentlich kaum von Deutschland als vielmehr von einem Zerrbild von Deutschland in (leider) oft eher von Neid geprägten Meinungen aus anderen Ländern (allen voran Großbritannien) die Rede ist. Zwar kann auch uns eine Krise schneller erfassen, als uns lieb ist. Die auch von Vorsicht geprägte deutsche Haltung, die auch in den letzten Jahren bestand, war schlichtweg richtig. Auch ohne Agenda 2010 wären wir heute dort, wo wir jetzt sind. Diese war nicht der einzige Grund für die vergleichsweise gute deutsche Situation. Allein schon von Hegemonie zu sprechen ist typisch britisch - Zufriedenheit und Wohlstand will in Deutschland wohl jeder, eine deutsche Hegemonie ist aber wohl kein wirkliches Ziel der Einwohner Deutschlands.
Zudem ginge es Europs wohl eher schlechter, wenn Deutschland nicht mit von der Partie wäre .......

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