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21.06.2012

14:02 Uhr

Einkaufsmanagerindex auf 3-Jahres-Tief

Deutscher Industrie bricht der Export weg

Der Einkaufsmanagerindex für Deutschland ist im Juni auf den niedrigsten Stand seit Juni 2009 gefallen. Er liegt nun deutlich unter der Schwelle, die Wachstum signalisiert. Schuld ist vor allem der schwache Export.

Das BMW-Werk in Leipzig. dpa

Das BMW-Werk in Leipzig.

BerlinDie deutsche Privatwirtschaft ist im Juni so stark geschrumpft wie während der weltweiten Finanzkrise vor drei Jahren nicht mehr. Der Einkaufsmanagerindex fiel um 0,8 auf 48,5 Punkte, teilte das Markit-Institut am Donnerstag nach einer Umfrage unter 1.000 Unternehmen mit. Das ist der schlechteste Wert seit Juni 2009. Das Barometer entfernte sich damit weiter von der Marke von 50 Zählern, ab der Wachstum signalisiert wird.

Die Turbulenzen der Euro-Zone hätten die Aussichten beschädigt, sagte Markit-Ökonom Tim Moore. „Am schlimmsten hat es die Industrie erwischt, deren Exportgeschäft stark unter der zunehmenden Abkühlung der Weltkonjunktur und der hartnäckigen Euro-Krise leidet“, sagte Markit-Ökonom Tim Moore. Experten rechnen nun mit einer Zinssenkung der Europäischen Zentralbank.

Deutlich schlechter läuft es auch bei den Dienstleistern: Sie nahmen ihre Prognose für die kommenden zwölf Monate so stark zurück wie noch nie seit Beginn der Umfrage vor 15 Jahren.

Im Gegensatz zur Industrie schaffte der Service-Sektor im Juni aber ein leichtes Wachstum: Dieses Barometer fiel um 1,5 auf 50,3 Punkte. Das ist der schlechteste Wert seit sieben Monaten. Von Reuters befragte Ökonomen hatten mit 51,5 Punkten gerechnet.

Wie Deutschland für den Abschwung gerüstet ist

Staatshaushalt

Im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seinem Staatshaushalt gut da. Auf Pump finanzierte Konjunkturprogramme lehnt die Bundesregierung ab. Nach dem aktuellen deutschen EU-Stabilitätsprogramm kommt der Gesamtstaat aus Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen schon in zwei Jahren ohne neue Schulden am Finanzmarkt aus. Schon 2011 hatte das Defizit nur noch bei einem Prozent gelegen. Auch strukturell - also unabhängig vom Auf und Ab der Konjunktur - schließt sich die Lücke zwischen den Einnahmen und Ausgaben.
Damit einher geht, dass der in Jahrzehnten angehäufte Schuldenberg allmählich an Bedeutung verliert: Die Schuldenstandsquote soll von 82 Prozent des BIP 2012 auf 73 Prozent in 2016 zurückgehen. Fazit: Der Staat ist weit davon entfernt, wegen eines moderaten Abschwungs in die Knie zu gehen.



Sozialkassen

Die mit dem Aufschwung der vergangenen Jahre einhergegangene Rekordbeschäftigung hat die Lage der Sozialkassen erheblich entspannt. So erwartet die Bundesagentur für Arbeit (BA) dieses Jahr einen Überschuss von 1,3 Milliarden Euro. Allerdings warnen die Arbeitgeber bereits, bei einer Konjunkturabkühlung könnte die BA schnell wieder auf Zuschüsse des Bundes angewiesen sein. Rosiger schätzt das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel die Aussichten für die BA ein: Es erwartet 2012 einen Überschuss von fast drei Milliarden Euro.
Alle Sozialkassen zusammen - also Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung - könnten dem IfW zufolge in diesem Jahr auf einen Überschuss von 15 Milliarden Euro kommen. Damit hätten sie zumindest ein kleines Polster für den Abschwung.

Unternehmen

Noch sind die Auftragsbücher der Unternehmen gut gefüllt. Wie schnell die im Aufschwung angelegten Puffer aber schmelzen können, hat die Finanzkrise 2008/09 gezeigt. Auch ihr ging ein jahrelanger Aufschwung voraus, der in die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit mündete. Und dennoch: Nie hatten so viele Deutsche einen Job wie jetzt. Viele Unternehmen werden selbst bei einem Konjunktureinbruch versuchen, ihre Mitarbeiter zu halten. Denn Fachkräfte sind in Deutschland rar.
Auch der Bauboom dürfte die Wirtschaft selbst bei einem plötzlichen Konjunktureinbruch noch eine Weile stützen. Im ersten Quartal zog die Bauindustrie 12,5 Prozent mehr Aufträge an Land als ein Jahr zuvor. Bis die abgearbeitet werden können, vergehen Monate und Jahre, und bis dahin kann sich die Wirtschaft schon wieder erholt haben.

Politik

Paradoxerweise ist es von Vorteil, dass der jüngste scharfe Konjunktureinbruch nur drei Jahre zurückliegt: Die Erfahrung der handelnden Politiker ist frisch, und sie können auf Konzepte wie die Kurzarbeit zurückgreifen, die sich damals bewährt haben. Allerdings hat mit dem Aufschwung 2010/11 der Reformwille in der Politik nachgelassen. Dabei gäbe es noch immer genug zu tun, um den Standort fitzumachen für den demografischen Wandel und künftige Flauten. So bemängelt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), höhere Beiträge zur Kranken- und Arbeitslosenversicherung hätten die Arbeitskosten 2011 erhöht. Unter den OECD-Ländern wird nur in Belgien der Faktor Arbeit noch stärker belastet.

Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie sank überraschend um 0,5 auf 44,7 Zähler. Das ist der niedrigste Wert seit drei Jahren. „Die sich verschlechternde Weltkonjunktur und die anhaltende Euro-Krise dämpfen die Exportnachfrage deutlich“, sagte Moore.

Die Exportaufträge gingen so stark zurück wie seit April 2009 nicht mehr. Die Industrie strich deshalb so viele Stellen wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr, während die Dienstleister noch neue Mitarbeiter einstellten - wenn auch vergleichsweise wenige.

Der Abwärtstrend in Deutschland verhinderte einen Anstieg des europäischen Einkaufsmanagerindex: Er verharrte mit 46,0 Punkten auf dem niedrigsten Niveau seit drei Jahren. „Das ist ein besorgniserregender Abschwung, und er springt von den Peripherieländern auf Deutschland über“, sagte Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. „Er wird tiefer und breiter.“ Die Daten signalisierten einen Rückgang der Wirtschaftsleistung in der Währungsunion im zweiten Quartal von 0,6 Prozent. Zu Jahresbeginn stagnierte die Wirtschaft im Euroraum noch. Auch die Schweiz bekommt laut neuen Exportdaten die Folgen der Schuldenkrise zunehmend zu spüren.

Konjunkturindikatoren

ZEW-Konjunkturerwartungen

Der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) herausgegebene Index beruht auf der Befragung von 350 Analysten und Finanzmarktexperten. Sie geben dabei ihre Einschätzung über die künftige Wirtschaftsentwicklung ab. Der Index zur mittelfristigen Konjunkturentwicklung ergibt sich aus der Differenz der positiven und negativen Erwartungen über die künftige Wirtschaftsentwicklung. Er wird zur Monatsmitte erhoben.

ifo-Index

Der international beachtete Index basiert auf einer Befragung von etwa 7000 Unternehmen aus Bau, Einzelhandel und Industrie. In einem Fragebogen beurteilen sie ihre gegenwärtige Geschäftslage sowie die Erwartungen für die Zukunft. Beide werden im Geschäftsklima zusammengefasst. Der Index ergibt sich aus dem Saldo der Antworten gut und schlecht.

Einkaufsmanagerindex

Wird von der britischen Forschergruppe Markit erhoben. Er beruht für Deutschland auf Umfragen unter Einkaufsmanagern von 500 repräsentativ ausgewählten deutschen Industrieunternehmen. Bestandteile des Index sind Auftragseingänge, Preise und Beschäftigung. Der Index hat einen relativ kurzen Vorlauf gegenüber der Produktion.

Geldmenge (M1)

Umfasst den Bargeldumlauf und die Sichteineinlagen, wie zum Beispiel Sparbücher. Da die in M1 enthaltenen Bestandteile direkt für Transaktionen zur Verfügung stehen, deutet ein Anstieg darauf hin, dass die Kaufbereitschaft der Konsumenten und Unternehmen steigt. Der Indikator hat einen Vorlauf von zwei bis drei Quartalen.

 

Baltic Dry Index (BDI)

Der BDI ist ein Preisindex für die Verschiffungskosten wichtiger Rohstoffe wie Stahl, Eisenerz, Kohle und Getreide auf Standardrouten. Er wird durch das Angebot an frei stehendem Schiffsladeraum und die Hafenkapazitäten beeinflusst. Da Rohstoffe als Vorprodukte am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, ist der BDI ein guter Frühindikator für die Weltkonjunktur.

GfK-Konsumklimaindex

Der Index des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK prognostiziert die Veränderung der monatlichen privaten Konsumausgaben. Hierfür werden 2000 repräsentativ ausgewählte Personen nach ihren Einkommens- und Konjunkturerwartungen befragt.  

 

Viele Länder leiden unter einer Rezession, die durch harte Sparprogramme der Regierungen noch verschärft wird. Hinzu kommt, dass auch die Weltkonjunktur schwächelt. So verlor Chinas Industrie im Juni erneut an Fahrt: Der Einkaufsmanagerindex der Großbank HSBC fiel auf ein Sieben-Monats-Tief von 48,1 Punkten. Dem Exportweltmeister setzt die Krise in seinem wichtigsten Absatzmarkt Europa ebenfalls zu. Der Internationale Währungsfonds (IWF) befürchtet bereits ein schwächeres Wachstum der gesamten Weltwirtschaft.

Trübe Aussichten: Die Weltwirtschaft balanciert am Abgrund

Trübe Aussichten

Die Weltwirtschaft am Abgrund

Die Euro-Krise spitzt sich dramatisch zu und nun straucheln auch die USA und China.

Die Umfrage reiht sich ein in eine Serie schlechter Konjunkturdaten. Die ZEW-Konjunkturerwartungen von Anlegern und Analysten brachen im Juni so stark ein wie seit 1998 nicht mehr. Auch Exporte, Produktion und Industrieaufträge gingen zuletzt zurück.

Der als zuverlässigster Konjunkturindikator geltende Ifo-Index - für den Firmenchefs befragt werden - war erstmals nach sechs Monaten rückläufig. Für Juni wird ein erneuter Rückgang befürchtet: Die Umfrage wird am Freitag veröffentlicht.

Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte der Konjunktureintrübung nicht tatenlos zusehen. Viele Experten rechnen damit, dass sie ihren Leitzins von aktuell ein Prozent schon im Juli auf ein Rekordtief senken wird. Billigeres Geld kann Konsum und Investitionen anschieben. „In diesem Fall sehen wir weiterhin die Chance, dass die Euro-Wirtschaft im zweiten Halbjahr aufhört zu schrumpfen“, sagte Commerzbank-Experte Weil.

Anton Börner

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Anton Börner: "Wir wollen nicht wieder Exportweltmeister sein"

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rtr

Kommentare (17)

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WOLLT_IHR_DEN_TOTALEN_EURO

21.06.2012, 10:10 Uhr

Tja, so ist es mit dem Euro-Beschiss. Euro schafft billionenschwere Ungleichgewichte. Einige Jahren haben die Europrofiteure Gewinne privatisiert. Dafür wurden Kosten sozialisiert Target2, ESM usw. Das "Lustigste" ist, dass aufgrund des Euros, die Parasitenländer schwächer werden und aufgrund der Eurokrise auch deutscher Export leidet. Tja, Hauptsache die Volksverräter und andere Parasiten haben Zugang zu Fleischtöpfen. Aber bitte jetzt nicht mehr den Schwachsinn mit Deutschland profitiert vom Euro. In Deutschland sähe es jetzt besser mit DM aus. Zu DM-Zeiten waren wir Exportweltmeister und drittgrösste Volkswirtschaft der Welt. Wer sagt, dass Deutschland von Euro profitiert, der meint einzelne Exporteure, die KURZFRISTIG Profite privatisiert - auf Kosten der deutschen Steuerzahler (Rettungskosten ESM, Target2-Salden: Die Ungleichgewichte müssen ja bezahlt werden). Aber auch diese kurzfristigen Profiteure sind langfristig gesehen schlecht dran. Man darf nicht ein Korsett (wie EURO oder UdSSR) aufsetzen. Langfristig werden solche Korsetts von Marktkräften zerstört. Politiker / Parasiten wissen das, aber lieber retten sie EURO für paar Jahre und geben Billionen (hauptsächlich Geld deutscher Steuerzahler) aus als das Euro-Monster jetzt abzuwickeln. Euro ist gescheitert. Es ist eine mathematische Gewissheit. Die Frage ist nur wann die Politiker aufhören dieses gescheiterte Projekt zu finanzieren.

Schlaumeier

21.06.2012, 10:22 Uhr

Das "dümmste Exportmodell" der Welt funktioniert eben nicht mehr. Wenn wir das Geld nicht mitbringen, gibs auch nichts zu exportieren. Deutschland muss autark werden. Das Nachfrage-Inlandsmodell ankurbeln, anstatt die Südländer zu alimentieren. Deren hochwertige (wenige) Exportgüter kann der Deutsche ohnehin nicht gebrauchen (Müll).

Account gelöscht!

21.06.2012, 10:27 Uhr

Den fehlenden Export muss man halt durch Verbrauch im Lande ausgleichen.

Die EZB soll jedem Deutschen soviel Euro in die Hand dru(e)cken wie er will - 1 Prozent Zinsen auf 3 Jahre und ohne jede grossartige Sicherheit. Bloedsinn? Wieso, bei den Banken wurde doch genau dies gemacht.

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