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24.07.2012

10:14 Uhr

Einkaufsmanagerindex

Talfahrt der deutschen Industrie geht weiter

Der Markit-Einkaufsmanagerindex ist im Juli erneut gesunken. Das Konjunktur-Barometer fiel damit auf den niedrigsten Stand seit mehr als drei Jahren. Auch die Stimmung in der Euro-Zone verliert an Schwung.

Die Stimmung in der deutschen Industrie ist einer Umfrage zufolge weiter gesunken. dapd

Die Stimmung in der deutschen Industrie ist einer Umfrage zufolge weiter gesunken.

Berlin/Paris/LondonDie Talfahrt der deutschen Industrie geht ungebremst weiter. Die Geschäfte in dem Sektor liefen im Juli so schlecht wie zuletzt vor drei Jahren, wie aus einer am Dienstag veröffentlichten Markit-Umfrage unter mehreren Hundert Firmen hervorgeht. Der Einkaufsmanagerindex sank von 45,0 auf 43,3 Punkte und entfernte sich damit immer weiter von der 50-Zähler-Marke, ab der er Wachstum signalisiert.

Von Reuters befragte Ökonomen hatten im Schnitt einen leichten Anstieg erwartet. Auch die zuletzt deutlich erfolgreicheren Dienstleister mussten Federn lassen. Das Service-Barometer fiel nach vorläufigen Daten um 0,2 auf 49,7 Punkte, den tiefsten Stand seit September 2011. Damit verlor die gesamte Privatwirtschaft erneut Schwung, der Composite-Index rutschte auf 47,3 Prozent.

Nach dem starken Wachstum von 0,5 Prozent zum Jahresauftakt dürfte die Wirtschaft im zweiten Quartal an Fahrt verloren haben. Von Reuters befragten Ökonomen gehen davon aus, dass die Konjunktur nur um 0,2 Prozent zulegte. Denn Deutschland kann sich dem Abwärtsstrudel der Euro-Zone kaum noch entziehen. "Die Juli-Umfrage zeigt, dass die Bedingungen für die deutsche Wirtschaft bei weitem nicht mehr so gesund sind wie noch im ersten Halbjahr", sagte Markit-Ökonom Tim Moore.

Weniger Aufträge, weniger Produktion, weniger Jobs

Die Industriefirmen drosselten den vierten Monat in Folge die Produktion, strichen per Saldo Jobs und kämpften wie seit gut einem Jahr mit sinkenden Aufträgen. Das Neugeschäft mit dem Ausland ließ so stark nach wie zuletzt im Mai des Rezessionsjahres 2009. Einen Lichtblick gab es auf der Kostenseite. Die Einkaufspreise stiegen insgesamt so gering wie seit November 2009 nicht mehr. Grund dafür war vor allem weniger Preisdruck bei Rohstoffen wie Stahl, Kupfer und Chemieprodukten.

Die größten Risiken für die deutsche Wirtschaft

Deutschland in der Wirtschaftskrise

Aus dem Schneider ist Europas größte Volkswirtschaft noch nicht, auch wenn sie mit einem kräftigen Wachstum im ersten Quartal eine Rezession verhindern konnte. Im Gegenteil: Die Risiken ballen sich wie selten zuvor - vor allem von außen droht jede Menge Ungemach.

Schuldenkrise

„Das größte Abwärtsrisiko für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland geht nach wie vor von der Schulden- und Vertrauenskrise im Euroraum aus, die im Kern noch nicht gelöst ist“, warnen führende Institute in ihrem Gutachten für die Bundesregierung. Schon jetzt lastet die Krise auf der exportabhängigen Wirtschaft: Die Ausfuhren in die Euro-Zone schrumpften im März um 3,6 Prozent, weil Krisenländer wie Spanien und Griechenland wegen der Rezession ihre Importe einschränken. Da 40 Prozent der Ausfuhren in die Währungsunion gehen, spürt Deutschland die Schwäche der Nachbarn deutlich.

Jede Zuspitzung der Schuldenkrise sorgt für Wirbel an den Finanzmärkten. Kann sich ein großes Euro-Land wie Spanien nicht mehr am Kapitalmarkt finanzieren und flüchtet unter die Rettungsschirme EFSF und ESM, würde das einen erneuten Vertrauensverlust auslösen. Unternehmen würden weniger investieren, Verbraucher größere Anschaffungen scheuen. Der Bund ist mit der Beteiligung an den Rettungspaketen enorme Risiken eingegangen. „Im Zuge der Rettungspakete summieren sich die Zusagen auf rund 80 Milliarden Euro“, so die Institute.

Kann etwa Griechenland das Geld nicht zurückzahlen, belastet das den deutschen Staatshaushalt. Eine Herabstufung durch die Ratingagenturen droht dann, was höhere Zinsen zur Folge hätte. Der Spardruck würde steigen, Hauhaltslöcher müssten mit höheren Steuern und Ausgabenkürzungen gestopft werden. Beides würde die Konjunktur belasten.

Inflation

Seit mehr als einem Jahr hält sich die Teuerungsrate in Deutschland über der Marke von zwei Prozent, bis zu der die Europäische Zentralbank (EZB) von stabilen Preisen spricht. Manche Experten befürchten, dass die Preise künftig deutlich schneller steigen könnten - um vier bis fünf Prozent. Das würde die Kaufkraft der Verbraucher erheblich einschränken.

Grund für die Inflationsgefahr: Wegen der guten Konjunktur haben die Arbeitnehmer kräftige Lohnerhöhungen durchgesetzt. Den Unternehmen fällt es angesichts der guten Beschäftigungslage leichter, steigende Lohnkosten an die Verbraucher weiterzureichen - sprich: die Preise für Waren und Dienstleistungen anzuheben. Es droht eine Spirale, bei der sich Löhne und Preise gegenseitig nach oben schaukeln. Bei ersten Anzeichen dafür müsste die EZB ihre Zinsen anheben, um Konsum und Investitionen zu drosseln, was die Nachfrage dämpfen und den Preisauftrieb dämpfen könnte. Aus Rücksicht auf die Wirtschaftskrise in Ländern wie Spanien wird sie ihren Leitzins aber vorerst wohl auf dem Rekordtief von einem Prozent belassen.

Zusätzliche Gefahren gehen von der Politik der EZB aus, den Finanzhäusern billiges Geld in Hülle und Fülle zur Verfügung zu stellen. „Noch bleibt die zusätzliche Liquidität erst einmal im Finanzsektor“, sagt Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel. „Doch wenn die Kreditvergabe an die Unternehmen erst einmal steigt, kann das sehr schnell in Inflation münden.“

Immobilienblase

Die Preise für deutsche Wohnimmobilien steigen immer schneller. 2011 legten sie mit 5,5 Prozent mehr als doppelt so stark zu wie 2010 mit 2,5 Prozent. „Erstmals seit dem Wiedervereinigungsboom Anfang der neunziger Jahre ist hierzulande somit ein konjunktureller Aufschwung wieder mit einer markanten Preisreaktion auf den Häusermärkten verbunden“, stellt die Bundesbank fest. Niedrige Bauzinsen und die Angst vor Inflation verlocken immer mehr Deutsche dazu, in Immobilien zu investieren. „Wenn das jahrelang so weitergeht mit den extrem niedrigen Zinsen, besteht das Risiko einer Immobilienpreisblase in Deutschland“, warnt der Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft, Joachim Scheide. Die hat es in Spanien gegeben, ihr Platzen hat eine schwere Rezession ausgelöst. „So etwas ist für Deutschland auch nicht ausgeschlossen“, sagt Scheide.

China

China wird nach Prognose des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) in diesem Jahr zum zweitwichtigsten Kunden der deutschen Exportwirtschaft aufsteigen - nach Frankreich, aber noch vor den USA. Für viele Unternehmen ist die Volksrepublik schon jetzt der wichtigste Absatzmarkt, beispielsweise für die Autobauer Volkswagen, Audi und Porsche. Bekommt China einen Husten, wird auch die deutsche Wirtschaft krank. Erste Warnsignale gibt es bereits: Die chinesischen Importe stagnierten im April. „Das ist Besorgnis erregend“, sagte Ökonom Alistair Thornton von IHS Global Insight in Peking. „Das deutet auf eine echte Schwäche der Binnenwirtschaft hin.“ Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt wird einer Reuters-Umfrage unter Ökonomen zufolge in diesem Jahr um 8,2 Prozent wachsen. Das wäre das kleinste Plus seit einem Jahrzehnt. Die hohen Schulden der Kommunen, eine Immobilienblase und eine anziehende Inflation könnten das Wachstum aber noch kleiner ausfallen lassen.

Auch den Service-Unternehmen machen eine geringere Produktion und schrumpfende Nachfrage zu schaffen. Ihr Optimismus für die nächste zwölf Monate war so gering wie zuletzt im Oktober. Dennoch stellten sie unterm Strich den dritten Monat in Folge Personal ein.

Ähnlich sieht es auch in Frankreich aus. Die Stimmung in den Chefetagen der französischen Wirtschaft ist ebenfalls so schlecht wie seit fast drei Jahren nicht mehr. Der Index für das Geschäftsklima fiel im Juli um zwei auf 87 Punkte, teilte das Statistikamt Insee am Dienstag in Paris mit. Das ist der schwächste Wert seit September 2009. Mit dem dritten Rückgang in Folge entfernte sich das Barometer weiter von seinem langfristigen Durchschnittswert von 100 Punkten. Die Stimmung trübte sich in der Industrie ebenso ein wie im Groß- und Einzelhandel sowie der Baubranche. Bei den Dienstleistern blieb sie hingegeben stabil.

Frankreich ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner Deutschlands.

Die krisengeplagte Euro-Zone kommt wirtschaftlich nicht auf die Beine. Die gesamte Privatwirtschaft schrumpfte im Juli bereits den sechsten Monat in Folge. Das Barometer verharrte bei 46,4 Punkten, teilte das Markit-Institut am Dienstag zu seiner Umfrage unter Tausenden Unternehmen mit. Das Industrie-Barometer sank von 45,1 Punkten auf 44,1 Punkte in diesem Monat. Der Dienstleistungsindex konnte in der Eurozone hingegen leicht von 47,1 auf 47,6 Punkte zulegen, weshalb der Komposit-Index konstant blieb.

"Das deutet darauf hin, dass sich die Dinge verschlechtern", sagte Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. "Deutschland bekommt immer mehr Probleme, die Kernländer sind zunehmend von der Schuldenkrise betroffen."

Markit zufolge deuten die Daten auf einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von 0,6 Prozent im dritten Quartal hin. Für das zurückliegende zweite Quartal gehen Analysten von einem Minus von 0,3 Prozent aus.

Von

rtr

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

24.07.2012, 10:32 Uhr

Das Desaster der EURO-Krise ist auch der deutschen Politik geschuldet. Um bei den ganzen Fehlentscheidungen der Vergangenheit einen Zusammenbruch von EURO und Europa vorauszusehen bedarf es keiner Ökonomen, sondern lediglich gesunden Menschenverstandes, welcher den Regierenden leider vollkommen abgeht. Je länger die Politik sich am EURO festklammert, desto teurer wird der Ausstieg und desto größer werden die damit einhergehenden Probleme.

Joker1

24.07.2012, 10:45 Uhr

Also Frau Merkel, Herr Schäuble, Herren Steinbrück, Steinm.., Trittin,
schickt weitere Milliarden nach Griechenland, Spanien,
Frankreich, Italien, damit dort wieder -auf Kredit-
bei uns gekauft werden kann. Auf ein paar weitere Milliarden kommts doch nicht mehr an; Papiergeld kann man
beliebig vermehren..
Hauptsache ist doch, dass alles so weiter geht wie gehabt.

Robby

24.07.2012, 11:39 Uhr

Von Reuters befragte Ökonomen
Wann lernen die Journalisten endlich, dass mann einen Ökonomen nicht fragen brauche, da der einfach keine Ahnung hat.

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