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24.01.2005

09:15 Uhr

Entscheidung vertagt

Berlusconi blitzt bei Kandidaten für das EZB-Direktorium ab

VonNorbert Häring

Italien hat am Freitag überraschend die Bekanntgabe eines Kandidaten für das Direktorium der Europäischen Zentralbank verschoben. Hintergrund sind nach Informationen des Handelsblatts Absagen von zwei Kandidaten, denen die Regierung das Amt angetragen hatte.

HB FRANKFURT. Dazu gehörte unerwartet nicht Finanzstaatssekretär Lorenzo Bini-Smaghi, der als Favorit gehandelt worden war. Finanzminister Domenico Siniscalco hat eine wesentliche Rolle bei der Kandidatenauswahl, das letzte Wort hat jedoch Ministerpräsident Silvio Berlusconi.

Italien will einen Nachfolger für Tommaso Padoa-Schioppa benennen, der Ende Mai aus dem EZB-Direktorium ausscheidet. Nach dem EU-Vertrag gibt es derartige Beschickungsrechte nicht. Es gilt aber als sehr wahrscheinlich, dass die kleinen Länder einen Italiener zähneknirschend akzeptieren würden. Denn Spanien schuf 2004 mit Unterstützung großer Länder einen Präzedenzfall und ersetzte ein scheidendes spanisches EZB-Direktoriumsmitglied mit einem Landsmann.

Italiens Regierung bot am Freitag dem früheren EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti und dem früheren Schatzamtsdirektor Mario Draghi, der dem Global Management Committee von Goldman Sachs angehört, den EZB-Posten an, bestätigte eine aus erster Hand informierte Quelle dem Handelsblatt. Demnach stellte Monti unerfüllbare Bedingungen, und Draghi lehnte den Direktoriumssitz ab. Das Finanzministerium lehnte es ab, die Informationen zu kommentieren.

Nach Informationen des Handelsblatts lag die erste Präferenz des Finanzministers beim Mailänder Wirtschaftswissenschaftler Guido Tabellini. Dieser ist zwar international in Fachkreisen sehr profiliert, jedoch außerhalb Italiens in der Politik wenig bekannt. Tabellini lehrt an der Bocconi-Universität. Im LogEc-Ranking der Ökonomen mit den meistbeachteten Arbeitspapieren rangiert er etwa auf Rang fünfzig. Nur wenige Europäer liegen vor ihm. Der Ökonom hat unter anderem Arbeiten über die Unabhängigkeit von Zentralbanken publiziert.

Berlusconi möchte dem Vernehmen nach aber einen bekannteren Namen ins Rennen schicken, um die Besetzung des Postens mit einem Italiener nicht zu gefährden. Daher werden die besten Chancen Lorenzo Bini-Smaghi zugeschrieben, der für Italien die Treffen der EU-Finanzminister vorbereitet und dadurch international bekannt ist.

Ein Rückschlag für Bini-Smaghis Ambitionen war jedoch ein Bericht der Nachrichtenagentur Market News, die von wachsendem Unbehagen unter Europas Zentralbankern über Bini-Smaghi berichtete und in ungewöhnlicher Form seinen Charakter in Frage stellte. „Viele hochrangige Zentralbanker wären nicht mit ihm glücklich“, zitierte die Agentur eine Zentralbankquelle.

Mitarbeit: Marcello Berni

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