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04.12.2015

16:39 Uhr

EU und Währungsunion

Warum der Euro noch nicht gerettet ist

VonJan Hildebrand

Die Euro-Krise scheint überstanden. Doch nach Ansicht von Ökonomen ist die Ruhe trügerisch: Sollten die Euro-Staaten nicht wirtschaftlich enger zusammenrücken, werde die gemeinsame Währung nicht überleben, warnen sie.

Divergenz statt Kovergenz: Die Euro-Staaten haben sich in der Vergangenheit eher auseinander entwickelt. dpa

Spaltpilz Euro

Divergenz statt Kovergenz: Die Euro-Staaten haben sich in der Vergangenheit eher auseinander entwickelt.

BerlinDie Diagnose ist älter als der Euro: Eine Währungsunion kann auf Dauer nur funktionieren, „wenn ein hoher Grad an wirtschaftlicher Konvergenz erreicht wird“. Das konstatierte der ehemalige EU-Kommissionschef Jacques Delors, Frankreichs überzeugter Europäer, schon im Jahr 1989 – vor der Euro-Einführung. Doch die Hoffnung, dass die gemeinsame Währung dazu führt, dass die Staaten wirtschaftlich enger zusammenrücken, hat sich bis heute nicht erfüllt.

Schlimmer noch: Wie eine Studie des Jacques Delors Instituts Berlin und der Bertelsmann Stiftung zeigt, sind die Staaten der Währungsunion seit Einführung des Euro sogar immer weiter auseinander gedriftet. „Heute steht fest, dass der Euro keine Konvergenz gebracht hat, sondern Divergenz“, sagt Henrik Enderlein, Direktor des Jacques Delors Instituts, dem Handelsblatt.

Der Euro wirkt als wirtschaftlicher Spaltpilz. Das gilt für die Wettbewerbsfähigkeit, die sehr unterschiedlich ist, genauso wie für die Inflation, die öffentlichen Staatsausgaben, die Arbeitslosigkeit und so weiter. Seit Ausbruch der Euro-Krise vor fünf Jahren hat sich die Entwicklung noch beschleunigt.

Die Grafik zeigt Konvergenz im Euroraum 11 seit 1970. Reale Konvergenz wird als inverse Standardabweichung in BIP pro Kopf (kaufkraftbereinigt) vom Durchschnitt des Euroraums 11 gezeigt. Ein Wert von 100 würde vollständige Konvergenz bedeuten. Pressefoto

Von Konvergenz zu Divergenz im euroraum

Die Grafik zeigt Konvergenz im Euroraum 11 seit 1970. Reale Konvergenz wird als inverse Standardabweichung in BIP pro Kopf (kaufkraftbereinigt) vom Durchschnitt des Euroraums 11 gezeigt. Ein Wert von 100 würde vollständige Konvergenz bedeuten.

Allerdings hält Enderlein Radikalmaßnahmen für falsch. „Den Euro abzuschaffen wäre töricht“, sagt er. „Die Kosten sind deutlich höher als mögliche Gewinne. Auch langfristig.“ Stattdessen schlägt die Studie vor, endlich mit der Konvergenz, welche die Euro-Gründer schon vor zwei Jahrzehnten anmahnten, ernst zu machen. Damit der Euro überleben kann, heißt es in der 33 Seiten starken Studie, müssten die Staaten wirtschaftlich enger zusammenwachsen. Drei Indikatoren werden dafür genannt: Die Inflation soll in allen Ländern ungefähr gleich hoch sein. Auch die Wettbewerbsfähigkeit darf sich nicht zu stark unterscheiden. Alle Staaten bräuchten eine Balance zwischen dem Anstieg der Löhne und der Produktivität. Und drittens sind hohe Import- oder – wie im Falle Deutschlands – Exportüberschüsse zu vermeiden.

„Wir müssen die Konvergenzprozesse im Euroraum zum Leben erwecken“, sagt Enderlein. Allerdings hat das weitreichende Konsequenzen. „Das heißt, dass sich die Wirtschaftspolitik der Länder stärker nach den Bedürfnissen des Euro richten muss.“ Politisch ist das durchaus heikel. Das zeigt sich schon an den drei Kriterien, die in der Studie aufgelistet sind.

Die Euro-Familie und der Rest der EU

Nachwuchs

Die Euro-Familie hat Nachwuchs bekommen: Mit Litauen sind von 2015 an 19 der 28 EU-Staaten Mitglied der Eurozone. Wie geht es weiter? Die meisten der anderen neun Länder haben keine Wahl. Fast alle müssen aufgrund der EU-Verträge der Währungsunion beitreten, sobald sie dafür reif sind.

Rumänien

Das Land will den Euro nach letztem Stand 2019 einführen. Dies hatte die Regierung Anfang Mai in Brüssel angemeldet. Allerdings ist die Zustimmung in der Bevölkerung kontinuierlich gesunken.

Tschechien

Der deutsche Nachbar ist nach Ansicht der Regierung noch längst nicht bereit für den Euro. Als möglichen Termin hat sie zuletzt das Jahr 2020 genannt.

Ungarn

Die rechts-konservative Regierung des Landes strebt in absehbarer Zeit nicht an, den Forint durch den Euro zu ersetzen: „Wir sprechen da nicht vom nächsten Jahr, sondern vom nächsten Jahrzehnt oder den nächsten zwei oder drei Jahrzehnten.“ In der Bevölkerung ist eine knappe Mehrheit der Bevölkerung für die Einführung des Euro.

Bulgarien

In dem Land ist der Euro derzeit kein Thema. Das Land werde den Euro einführen, „allerdings nicht um jeden Preis“, lautet das Credo der Regierung. Rund zwei Drittel der Bulgaren wollen die heimische Währung Lew nicht durch den Euro ersetzen.

Kroatien

Auch für Kroatien ist der Abschied von der Landeswährung Kuna kein Thema, zumal die Wirtschaft des jüngsten EU-Mitgliedslandes faktisch schon intensiv mit dem Euro arbeitet. So werden viele Preise auch in Euro angegeben. Notenbankchef Boris Vujcic hält einen Beitritt vor 2019 für unmöglich; die Öffentlichkeit ist gegen den Euro.

Vereinigtes Königreich

Die Briten haben das vertraglich zugesicherte Recht, das Pfund zu behalten, auch wenn sie für den Euro qualifiziert wären. Sie gehören nicht zum Europäischen Wechselkursmechanismus, der als „Vorzimmer“ zum Euro gilt. Bei den euroskeptischen Briten ist keine Abkehr von diesem Sonderweg in Sicht.

Dänemark

Auch die Dänen hat das Recht, sich gegen die Euro-Einführung zu sperren. Im Jahr 2000 entschieden sich die Dänen in einer Volksabstimmung dagegen, die eigene Krone zugunsten der Gemeinschaftswährung aufzugeben. Dänemark gehört zum Europäischen Wechselkursmechanismus.

Schweden

Die Schweden hatten sich in einer Volksentscheidung 2003 gegen eine Ablösung ihrer Krone durch den Euro ausgesprochen. Aktuell verhindert das Land einen Euro-Beitritt, indem es kein Mitglied des Wechselkursmechanismus ist. Vertraglich ist aber geregelt, dass Schweden beitreten muss, sobald es reif für den Euro ist.

Polen

Die Polen haben es mit dem Beitritt zur Eurozone nicht eilig. Die Regierung will sich noch nicht auf ein Datum für die Einführung des Euro festlegen. Es sei zu früh, einen Zeitpunkt zu nennen, heißt es in Warschau.

Beispiel Wettbewerbsfähigkeit: Über die Lohnentwicklung entscheiden in Deutschland Gewerkschaften und Arbeitgeber. Diese Tarifautonomie wird man für den Euro kaum aufgeben wollen. Und auch die deutschen Exportüberschüsse sind vermintes Terrain. Die EU-Kommission kritisiert sie seit langem. Die Bundesregierung allerdings will sie nicht abbauen – und sieht die Überschüsse als Ausweis der deutschen Wettbewerbsfähigkeit.

Nach Ansicht der Studien-Autoren wird aber kaum ein Weg daran vorbeiführen. „Volle wirtschaftspolitische Souveränität in einer Währungsunion ist eine Illusion“, sagt Enderlein. Tatsächlich haben auch die Regierungschefs der Euro-Staaten unter dem Eindruck der vergangenen Krisenjahre immer mal wieder Anläufe genommen, damit die Währungsunion wirtschaftlich enger zusammenrückt.

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Doch echte Reformen der Eurozone sind bisher immer gescheitert. So wäre die Bundesregierung – und mit ihr viele nordeuropäische Länder – zwar bereit, die Wirtschaftspolitik stärker an Brüssel abzugeben. Darunter versteht man in Berlin aber vor allem eine schärfere Kontrolle, etwa der Haushaltspolitik. Frankreich und viele südeuropäische Länder wollen hingegen nicht auf Souveränität verzichten. Sie fordern stattdessen eine stärkere Vergemeinschaftung, etwas ein eigenes Haushaltsbudget für die Eurozone. Das wiederum sieht die Bundesregierung skeptisch. Nach Ansicht von Ökonom Enderlein wird es am Ende beides geben müssen. „Der Euro“, sagt er,  „braucht mehr Souveränitätsteilung und mehr Risikoteilung.“

Kommentare (28)

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04.12.2015, 16:56 Uhr

Der Euro wirkt als wirtschaftlicher Spaltpilz."
Deutschland ist der Störenfried auch hier arbeitet Frau Dr. Merkel auf den maximalen Schaden hin.

Rainer von Horn

04.12.2015, 17:10 Uhr

Die Sache ist ziemlich einfach: entweder die Überschussländer zahlen in unserem TOTAL HETEROGENEN WIRTSCHAFTS- und WÄHRUNGSRAUM dauerhaft MASSIVE Transferleistungen an die Defizitländer, oder die defizitären Länder scheiden aus und die Überschussländer schreiben ihre Wertlosen Forderungen ab.

Insbesodnere Deutschland zahlt also so oder so, aber vielleicht darf man sich die zahlungsweise aussuchen. Der Ruf nach einer Fiskalunion ist nichts anderes als der Ruf nach Transfers aus den Überschussländern. Und das kennen wir ja schon.

Herr x y

04.12.2015, 17:20 Uhr

Zitat: "Und drittens sind hohe Import- oder – wie im Falle Deutschlands – Exportüberschüsse zu vermeiden." Das ist, mit Verlaub gesagt, Nonsens. Denn:

1- Die Eurozone hat eine weitgehend ausgeglichene Handelsbilanz zum Nicht-Euro-Raum. Nur das zählt, wenn man einen stabilen Euro will. Der Exportüberschuß D's wird kompensiert durch die Importüberschüsse der übrigen Euro-Teilnehmer. Auch in anderen Währungsgebieten ($, Yen) gibt es Zonen mit hohem Exportüberschuß und solche mit hohem Importüberschuß, ganz einfach, weil die Wertschöpfung Schwerpunkte bildet und nicht gleichmäßig verteilt ist wie Marmelade auf dem Brot.

2-Sollte D seinen Exportüberschuß eindämmen, wobei sowieso nicht klar ist, wie das geschehen sollte ohne Zwangswirtschaft, so würde die Handelsbilanz der Eurozone negativ, da die anderen Staaten gar nicht in der Lage sind, ihre Industrieproduktion wettbewerbsfähig hochzufahren. Dies würde ein schwerwiegender Schwachpunkt für den Euro im Konzert der konvertiblen Weltwährungen.

3- Wer sich am Exportüberschuß D's stößt hat noch gar nicht begriffen oder will es nicht, was Konvergenz heißt, sondern denkt in nationalen Kategorien, die ja gerade überwunden werden sollen. Daß da F in vorderster Linie steht, verwundert nicht. Ja, man jedoch im Gegenzug und mit derselben Logik fordern, daß die Ile de France (der Großraum Paris) und Toulouse ihren Exportüberschuß eindampfen, weil Lozère, und wie die anderen gottverlassenen Departements alle heißen, nicht mitkommen.

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