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20.01.2014

10:11 Uhr

Euro-Gruppenchef Dijsselbloem

Der Mann mit Rückgrat

Vor einem Jahr startete der Niederländer Dijsselbloem als Chef der Euro-Gruppe. Keine leichte Aufgabe, zumal die Krise nicht überwunden ist. Auch seine lockeren Bemerkungen haben ihm Unmut eingebracht.

Der niederländische Finanzminister Jeroen Dijsselbloem gilt im Euro-Club zwar als ein Vertreter der reichen Länder. dpa

Der niederländische Finanzminister Jeroen Dijsselbloem gilt im Euro-Club zwar als ein Vertreter der reichen Länder.

Brüssel/AmsterdamGegelte Locken, randlose Brille und flotte Sprüche: Mit Jeroen Dijsselbloem weht ein frischer Wind in der Euro-Gruppe. Der niederländische Finanzminister führt seit einem Jahr den exklusiven Club der Euro-Kassenhüter. EU-Diplomaten bescheinigen dem Sozialdemokraten, er habe bereits einige Erfolge erzielt. Doch ihm fehle eine dauerhafte Absicherung auf dem rutschigen EU-Parkett.

Die Euro-Schuldenkrise war in Dijsselbloems erstem Jahr die größte Herausforderung. Der 47-Jährige profitierte davon, dass Mario Draghi als mächtiger Patron der Europäischen Zentralbank (EZB) die Finanzmärkte beruhigte. So will die EZB unter bestimmten Bedingungen Staatsanleihen von Problemstaaten kaufen. Der Euro-Zone droht nun kein Auseinanderbrechen mehr.

„Irland hat im vergangenen Monat sein (Hilfs-)Programm nach drei Jahren verlassen, Spanien nach nur einem Jahr“, resümierte der Niederländer unlängst zufrieden in Hongkong. Doch für Entwarnung ist es zu früh. Die Krise ist nicht endgültig überwunden. Sorgen gibt es beispielsweise wegen der instabilen politischen Lage in Italien. Im Frühsommer wird es erneut Bankenstresstests geben, die für neue Turbulenzen sorgen könnten, meinen Experten.

So stehen die Euro-Sorgenländer da

Frankreich

Deutschlands wichtigster Handelspartner wächst nicht mehr: Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im Sommer überraschend um 0,1 Prozent. Die EU-Kommission traut dem Nachbarn nur einen blutleeren Aufschwung zu. 2014 soll es nur zu einem Plus von 0,9 Prozent reichen, was etwa halb so viel ist wie in Deutschland. "Steigende Arbeitslosigkeit und Steuererhöhungen wirken sich negativ auf die Einkommen aus", befürchtet die Kommission, was wiederum den Konsum bremst. Obwohl das Wachstum 2015 auf 1,7 Prozent anziehen soll, dürfte die Arbeitslosenquote bis dahin auf 11,3 Prozent zulegen.

Italien

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Währungsunion schrumpfte im Sommer nun schon das neunte Quartal in Folge und steckt damit in der längsten Rezession seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Während die Industrie zulegte, gingen die Geschäfte der Dienstleister und Landwirte zurück. Zwei Rezessionsjahren dürfte eine kraftlose Erholung folgen: 2014 wird ein Wachstum von 0,7 Prozent erwartet, das sich 2015 auf 1,2 Prozent erhöhen soll. Eine steigende Exportnachfrage dürfte die Unternehmen zwar zu mehr Investitionen ermutigen, erwartet die EU-Kommission. Die Arbeitslosenquote soll aber im kommenden Jahr weiter steigen.

Spanien

Die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone hat sich im Sommer aus der Dauer-Rezession befreit. Anziehende Exporte und der boomende Tourismus ließen das Bruttoinlandsprodukt um 0,1 Prozent wachsen. Zuvor war es neun Quartale in Folge geschrumpft. 2014 könnte die spanische Wirtschaft nach zwei Rezessionsjahren in Folge erstmals wieder wachsen. Die EU-Kommission erwartet ein Plus von 0,5 Prozent, das sich 2015 auf 1,7 Prozent erhöhen soll. "Die großen Anpassungen werden die Erholung einschränken", befürchtet die Kommission. Das reicht nicht, um die Arbeitslosigkeit kräftig zu drücken. Die Quote soll von 26,6 Prozent in diesem Jahr lediglich auf 25,3 Prozent im übernächsten Jahr fallen.

Griechenland

Im Frühjahrsquartal – neuere Daten liegen noch nicht vor – ging es um 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bergab. Das am schwersten von der Schuldenkrise betroffene Land wird aber für 2014 ein kleines Comeback zugetraut: Das Bruttoinlandsprodukt soll dann erstmals seit sechs Jahren wieder wachsen, wenn auch nur um 0,6 Prozent. Das reicht nicht annähernd aus, um den für 2013 erwarteten Einbruch von 4,0 Prozent auszugleichen. "2015 dürfte die Erholung an Kraft gewinnen, wenn die Investitionen zum Motor der Belebung werden", erwartet die EU-Kommission, die dann mit einem Plus von 2,9 Prozent rechnet. Allerdings bleibt die Arbeitslosigkeit hoch. Sie soll von rund 27 Prozent auf 24 Prozent im Jahr 2015 sinken.

Irland

Von allen Krisenländern steht Irland am besten da. Bereits im Frühjahr wurde die Rezession abgeschüttelt mit einem Wachstum von 0,4 Prozent. 2013 soll die Wirtschaft das dritte Jahr in Folge zulegen, wenn auch nur um 0,3 Prozent. Das Tempo dürfte sich 2014 auf 1,7 Prozent und 2015 sogar auf 2,5 Prozent beschleunigen. Sowohl Konsum als auch Exporte dürften immer besser in Schwung kommen. Bis 2015 soll die Arbeitslosenquote auf 11,7 Prozent fallen, nachdem sie 2012 noch bei 14,7 Prozent lag.

Portugal

Das kleine Land ist von Juli bis September bereits das zweite Quartal in Folge gewachsen - und zwar um 0,2 Prozent. 2014 soll nach drei Minus-Jahren wieder ein Plus folgen: Dann dürfte ein Wachstum von 0,8 Prozent herausspringen, das sich 2015 auf 1,5 Prozent nahezu verdoppeln soll. "Die Exporte sind der Wachstumstreiber, während die Binnennachfrage 2014 wieder anziehen wird", prophezeit die EU-Kommission. 2015 soll die Arbeitslosenquote mit 17,3 Prozent einen Tick unter den diesjährigen Wert fallen.

Zypern

Der Inselstaat steckt noch mitten im Abschwung: Im dritten Quartal 2013 brach die Wirtschaftsleistung mit 0,8 Prozent so stark ein wie in keinem anderen Euro-Land. Um 8,7 Prozent soll das Bruttoinlandsprodukt im gesamten Jahr 2013 zurückgehen. 2014 wird ein weiteres Minus von 3,9 Prozent erwartet. "Die zyprische Volkswirtschaft sieht sich starkem Gegenwind ausgesetzt", so die Kommission. Sowohl der Konsum als auch die Exporte dürften sinken. Erst 2015 wird wieder mit einem Wachstum gerechnet, das aber mit 1,1 Prozent dünn ausfallen soll. Die Arbeitslosenquote dürfte 2014 auf 19,2 Prozent hochschnellen und erst 2015 wieder leicht auf 18,4 Prozent nachgeben.

Dijsselbloem gilt im Euro-Club zwar als ein Vertreter der reichen Länder, die auf Budgetdisziplin achten. Doch die Lage in der Heimat ist für den gelernten Agrarökonomen alles andere als einfach. In Den Haag steht er vor leeren Kassen und ist mit politischem Widerstand gegen die „Brüsseler Sparpolitik“ konfrontiert.

Nur durch einen mühsam errungenen Kompromiss mit drei Oppositionsparteien bekam die große Koalition von Rechtsliberalen und Sozialdemokraten in den Niederlanden im Herbst eine Mehrheit für weitere Milliardeneinsparungen. Die EU-Partner zeigen sich großzügig und räumen mehr Zeit zum Sparen ein. Im laufenden Jahr wird das Defizit 3,3 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen und damit 0,3 Punkte über dem Maastrichter Grenzwert liegen.

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