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09.11.2011

12:54 Uhr

Euro-Krise

Deutsche Wirtschaft im Crashtest

VonJan Mallien

Die Euro-Krise stellt die deutsche Wirtschaft auf eine harte Probe: Die fünf Wirtschaftsweisen rechnen für 2012 nur noch mit einem mageren Wachstum. Verschärft sich die Krise, drohe Deutschland sogar eine Rezession.

Gewitter über Berlin: eine Rezession ist nicht auszuschließen. Reuters

Gewitter über Berlin: eine Rezession ist nicht auszuschließen.

DüsseldorfDie fünf Wirtschaftsweisen erwarten für 2012 eine deutliche Abkühlung des Wirtschaftswachstums in Deutschland. In ihrem Jahresgutachten gehen sie zwar von einer sanften Landung aus und prognostizieren für 2012 ein Wachstum von 0,9 Prozent. Gleichzeitig verweisen sie in ihrem am Mittwoch vorgelegten Gutachten jedoch auf die große Unsicherheit ihrer Prognose.

Bei einer Verschärfung der Euro-Krise und einem Übergreifen auf die Weltwirtschaft sei auch eine Rezession nicht auszuschließen. Im schlimmsten Szenario könne der Welthandel im kommenden Jahr stagnieren und die deutsche Wirtschaft um 0,5 Prozent schrumpfen.

Welche Euro-Regierungen ums Überleben kämpfen

Italien

Mario Montis Regierung aus 17 parteilosen Fachleuten soll nach dem Rücktritt Berlusconis im November 2011 verhindern, dass Italien noch tiefer in die Schuldenkrise abrutscht. Das Land trägt eine Schuldenlast von rund 1,9 Billionen Euro.
Italien hat mit einer Gesamtverschuldung von rund 120 Prozent der Wirtschaftsleistung nach Griechenland den höchsten Schuldenberg in der Eurozone. Monti versicherte, dass er die beschlossenen Spar- und Reformmaßnahmen umsetzen wolle. Doch der Druck seitens der EU ist groß.
Rom hat erst vergangene Woche seine Wachstumsprognose gesenkt. Demnach wird die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr mit 1,2 Prozent dreimal so stark schrumpfen wie bislang angenommen.

Griechenland

Griechenland wird seit zwei Jahren mit milliardenschweren Hilfspakten gerettet. Im Gegenzug für die Unterstützung durch Europa und den Internationalen Währungsfonds (IWF) muss Athen einen massiven Sparkurs fahren.
Die Regierung unter Leitung von Lucas Papademos sollte nach dem Rücktritt von Giorgos Papandreou im November 2011 das Vertrauen der Märkte zurückerobern. Sie sollte die maßgeblichen politischen Kräfte in Griechenland bündeln und die Vorgaben der Kreditgeber umsetzen. Funktioniert hat das nur in Maßen. Jetzt hat Papademos für den 6. Mai 2012 Neuwahlen angekündigt. Das Land müsse neue Stabilisierungs- und Reformmaßnahmen ergreifen, so der Präsident.
Griechenlands Finanzlage hat sich im vergangenen Jahr zwar etwas gebessert, zeigt aber weiter tiefrote Zahlen. Der Fehlbetrag im Staatshaushalt belief sich 2011 auf 9,1 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) - das war etwas weniger als die 10,3 Prozent in 2010.

Spanien

Der neue konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy hat sein Volk nach den vorgezogenen Neuwahlen im November 2011 auf harte Zeiten eingestimmt. Das krisengeschüttelte Spanien ist im vergangenen Jahr auf den dritten Platz der größten Haushaltssünder im Euro-Raum aufgerückt, wie die Statistikbehörde Eurostat berichtete. Das Haushaltsdefizit sank zwar auf 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nach 9,3 Prozent im Vorjahr, war aber deutlich größer als angestrebt.
Schlimm sieht es für Spaniens Konjunktur aus, die Wirtschaft stürzte zu Jahresbeginn in die Rezession. Das Sparen wird für die Regierung deshalb noch schwerer. Dennoch will sie das Defizit in diesem Jahr auf 5,3 Prozent drücken. Spanien überholte sogar das Nachbarland Portugal, das Geld aus dem Euro-Krisenfonds erhält und strikt sparen muss.

Slowakei

Im Streit um die Beteiligung am Euro-Rettungsschirm EFSF hatte Ministerpräsidentin Iveta Radicova im Oktober ihren Rücktritt angekündigt. Im März 2012 gewann die Partei Smer-Sozialdemokratie mit Robert Fico klar die vorgezogene Parlamentswahl. Seit April ist Fico Ministerpräsident.

Portugal

Auch hier brachte die Schuldenkrise einen Regierungswechsel. Die sozialistische Regierung von José Sócrates wurde angesichts der schweren Wirtschaftskrise im Juni 2011 abgewählt. Aber auch die neue liberal-konservative Regierung unter Ministerpräsident Pedro Passos Coelho steht mächtig unter Druck.
Das Land ist weiterhin ein Sorgenkind der Eurozone.

Irland

In der schweren Wirtschaftskrise setzten die Iren auf eine neue Regierung. Bei der Parlamentswahl im Februar 2011 straften sie die wirtschaftsliberale Regierungspartei Fianna Fail von Premierminister Brian Cowen ab. Neuer Premierminister wurde Enda Kenny. In der neuen Regierung koaliert die konservative Fine Gael mit der linken Labour-Partei.
Die Regierung will das Staatsdefizit von zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung bis 2015 auf unter drei Prozent senken. Dazu sollen unter anderem Staatsbeteiligungen im Wert von zwei Milliarden Euro verkauft werden und im öffentlichen Dienst 25.000 Stellen wegfallen. Irland wurde von der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) mit einem 85 Milliarden Euro schweren Rettungspaket vor der Pleite bewahrt und muss im Gegenzug eisern sparen.

Niederlande

Die niederländische Regierung ist im April 2012 zurückgetreten. Am 12. September sollen vorgezogene Neuwahlen stattfinden. Die bisherige Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte zerbrach an Verhandlungen über Sparmaßnahmen in Höhe von 14 Milliarden Euro. Die Partei des Rechtspopulisten Geert Wilders kündigte aufgrund der Verhandlungen den Regierungsvertrag auf. Ruttes Koaliton hat ohne Wilders' Partei keine Mehrheit im Parlament.

Mit dem Sparkurs wollen die Niederlande die Neuverschuldung auf das von der EU vorgeschriebene Niveau von drei Prozent drücken. Die Agentur Moody's behielt vorerst das AAA-Rating des Landes bei, warnt aber vor einer Herabstufung, wenn die Sparziele nicht weiter verfolgt werden.

In ihrer Prognose gehen die Wirtschaftsweisen jedoch vom optimistischeren Fall aus und rechnen mit einem Wachstum des Welthandels von 4,8 Prozent. Gerade diese Annahme ist jedoch mit großen Risiken behaftet. Gerade der Außenhandel hat sich in der Vergangenheit als extrem schwankungsanfällig erwiesen: In der Finanzkrise brach das Welthandelsvolumen viermal stärker ein als während der Großen Depression in den 1930er Jahren.

Die Wirtschaft im Euro-Raum befinde sich „in einem Teufelskreis aus Staatsschulden- und Bankenkrise, und die politischen Unwägbarkeiten verunsichern nach wie vor die Märkte“, warnen die fünf Weisen. Einige Tendenzen erinnerten „fatal“ an die Lage im Jahr 2008, dem Beginn der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise.

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, warnte bereits vor einer „Abwärtsspirale aus Ungewissheit, finanzieller Instabilität und dem Zusammenbruch der globalen Nachfrage“. Die Weltwirtschaft stecke „in einer gefährlichen und ungewissen Phase“, rief die IWF-Chefin am Mittwoch in einer Rede in Peking zum gemeinsamen Handeln auf. Ansonsten könnte sich die Welt „einem verlorenen Jahrzehnt niedrigen Wachstums und hoher Arbeitslosigkeit“ gegenübersehen.  

„Es hängen dunkle Wolken über der Weltwirtschaft, und Asien muss sie aufmerksam beobachten“, sagte die IWF-Chefin. Sie sei ermutigt über die jüngsten Schritte zur Lösung der europäischen Schuldenkrise und des Gipfels der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G20). „Aber die Risiken bleiben ernst.“ Asien sei „ein Lichtblick“, allerdings auch nicht immun gegen Entwicklungen im Rest der Welt.  

Kommentare (3)

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AlexanderBerg

09.11.2011, 15:38 Uhr

Lösungsmuster zur schrittweisen Auflösung mehrheitlich heute wahrgenommener ökonomischer Probleme: http://www.schubaeusmodell.de/fileadmin/files/Dokumente/Regelwerk.pdf

no.7

09.11.2011, 15:51 Uhr

Anstatt die dummen Phrasen vom angeblich "verlorenen Jahrzehnt" herunterzubeten, sollte Lagarde vielleicht einmal kapieren, daß der Westen sich diese Lage zu 100% selbst eingebrockt hat. Wer auf Pump lebt, der muß sich nicht wundern wenn irgendwann der Punkt kommt, an dem der Gürtel tatsächlich enger geschnallt werden muß, und an diesem Punkt sind wir im westen angelangt. Deshalb muß man nun nicht hysterisch Wehklagen, wir haben zumindest jetzt gar keinen Grund dazu. Wir sollten es einsehen, daß wir eben im Export drastisch und dauerhaft einbrechen werden, was wir uns selbst zuschreiben können. Unser Exportmodell taugt nichts, weil es unter die Rubrik kurzfristige Gewinnmaximierung fällt. Das ist kein langfristig erfolgbringendes modell, es wurde vielmehr benutzt, um die renditen in deutschland hochzudrücken. Jetzt aber geht es nach unten !

Account gelöscht!

09.11.2011, 19:49 Uhr

Na na, mal nicht so zimperlich, andere Volkswirtschaften tauchen unter die Nulllinie, da geht es der unsrigen noch Gold dagegen. Die deutsche Exportwirtschaft muss nicht unbedingt drastisch und dauerhaft einbrechen. Sie braucht nur weiterhin ein hohes technisches Know-how und eine Lohnstruktur die tendenziell zu China Löhnen, also weiteren Reallohnverlust, tendieren. Sie werden sehen, deutsche Produkte verkaufen sich dann weiter wie geschnittenes Brot. Wir alle werden zwar ärmer, aber Hauptsache unserer Exportwirtschaft geht es weiter gut.

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