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14.08.2012

12:19 Uhr

Euro-Krise

Deutschland zahlt hohen Preis für seine Erfolge

VonJan Mallien

Das Wachstum im zweiten Quartal könnte die vorerst letzte positive Nachricht für Deutschland gewesen sein. Andere vermeintliche Erfolge wie der hohe Handelsüberschuss sind dagegen trügerisch. Sie bergen große Gefahren.

Ob Zinsersparnis, Exportüberschuss oder niedrige Inflation: Jeder Vorteil hat auch eine riskante Kehrseite.

Ob Zinsersparnis, Exportüberschuss oder niedrige Inflation: Jeder Vorteil hat auch eine riskante Kehrseite.

DüsseldorfDie heutigen Wachstumszahlen fielen besser aus als erwartet. Um immerhin 0,3 Prozent ist die deutsche Wirtschaft zwischen April und Juni gewachsen - stärker als die meisten Experten erwartet hatten. "Das Wachstum ist recht solide ausgefallen," kommentiert Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer die Zahlen. Gleich im nächsten Satz jedoch schränkt er ein: "Bis auf weiteres dürfte das aber die letzte positive Nachricht gewesen sein aus Deutschland." Krämer geht davon aus, dass die deutsche Wirtschaft im Sommer schrumpft.

Wichtige Frühindikatoren deuten schon lange darauf hin. Sie sind im Frühjahr abgestürzt. Die Auftragseingänge sinken bereits seit Mitte 2011, und auch der Einkaufsmanagerindex fällt seit Monaten.

Bei genauerem Hinsehen gehen auch von den heutigen Zahlen einige beunruhigende Signale aus. "Ein Warnsignal sehen wir bei den Ausrüstungsinvestitionen. Die sind wohl das zweite Mal in Folge zurückgegangen. Die Firmen reagieren sehr empfindlich auf die sich abzeichnende konjunkturelle Verlangsamung in der Weltwirtschaft," sagt Unicredit-Ökonom Andreas Rees.

In einem Bericht zur wirtschaftlichen Lage hatte das Bundeswirtschaftsministerium jüngst vor Rückschlägen für die deutsche Wirtschaft gewarnt. „Die weiteren Aussichten für die deutsche Wirtschaft bleiben erst einmal verhalten und sind mit erheblichen Risiken behaftet“, heißt es. „Vor allem die Schuldenkrise in einigen Ländern des Euroraums wirkt erneut belastend, schürt Verunsicherung und führt zu Zurückhaltung in der Wirtschaft.“

Die Konjunkturentwicklung in den Euro-Krisenländern

Griechenland

Für Europas Krisenland Nummer 1 fehlen aktuelle Daten für die vierteljährliche Veränderung. Zahlen, die die Veränderung zum gleichen Quartal des Vorjahres widerspiegeln, sehen indes düster aus: Um 6,2 Prozent hat die griechische Wirtschaftsleistung innerhalb eines Jahres abgenommen. Die Daten sind allerdings nicht saisonbereinigt - die jahreszeitlich bedingten Schwankungen sind also nicht herausgerechnet worden.

Spanien

Spaniens Wirtschaftsleistung ist zwischen April und Juni um 0,4 Prozent geschrumpft, verglichen mit der Spanne Januar bis März 2012. Das ist eine weitere Verschlechterung: In den beiden Vorquartalen hatte das BIP jeweils um 0,3 Prozent abgenommen, nach Stagnation im dritten Vierteljahr 2011.

Portugal

Portugal steht deutlich schlechter da als sein Nachbar Spanien. Um 1,2 Prozent hat die Wirtschaftsleistung dort im vergangenen Quartal abgenommen, nach 0,1 Prozent im Vorquartal. Zwischen Oktober und Dezember 2011 waren es sogar 1,4 Prozent gewesen.

Italien

Italien nimmt zwar keine Hilfen aus europäischen Rettungsschirmen in Anspruch. Der Wirtschaft geht es aber dennoch nicht gut: Um 0,7 Prozent ist das BIP dort abgesackt. Seit dem dritten Quartal 2011 steckt das Land in der Rezession.

Irland

Zu Irland gibt es keine aktuellen Zahlen. Der dortigen Wirtschaft ging es zuletzt es aber schon deutlich besser als im Vorjahr. Im ersten Quartal hatte die Wirtschaftsleistung kurzfristig zwar um 1,1 Prozent abgenommen, das sind aber immer noch 1,4 Prozent mehr als im ersten Vierteljahr 2011.

Zypern

Um 0,8 Prozent ist das zypriotische BIP gefallen. Der Inselstaat ist das bisher letzte Land, das unter den Rettungsschirm schlüpfen will.

Im Gegensatz dazu hatten Optimisten zuletzt immer wieder auf andere vermeintliche Erfolge verwiesen. Deutschland profitiere von der Euro-Krise, lautete ihr Credo. Warum? Weil es in diesem Jahr wahrscheinlich den weltweit höchsten Handelsüberschuss aufweist, der deutsche Staat sich zu unfassbar günstigen Konditionen finanzieren kann und die Inflation so niedrig ist wie lange nicht mehr.

Das stimmt zwar alles, doch mit den vermeintlichen Erfolgen sind erhebliche Gefahren verbunden. Jeder Vorteil hat auch eine riskante Kehrseite.

Kommentare (45)

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14.08.2012, 12:36 Uhr

Es ist kein Erfolg, wenn man seine Leistung über einen immer schwächer werdenden Euro vermarktet.

Zumindest nur ein kurzfristiger.

Account gelöscht!

14.08.2012, 12:43 Uhr

So müsste der Titel heißen.

Alle anderen zahlen für unsere Erfolge (unsere Steuerzaler eingeschlossen, doppelt und dreifach).
Nur der Bürger hat nichts davon, denn er muss bürgen.

Nur, wer hat was von den Erfolgen? :-) Dreimal darf man raten.

Account gelöscht!

14.08.2012, 12:45 Uhr

Den deutschen Handelsüberschuss abbauen?
Der hohe Exportüberschuss sei eine Folge jahrelanger Niedriglohnpolitik, meinen Kritiker. Das brächte Deutschland viele Vorteile, gehe aber auf Kosten anderer Länder. Und belastet zum Beispiel Frankreichs Export, sagt Frankreichs Wirtschaftsministerin Christine Lagarde. Deutschland solle seinen Binnenmarkt ankurbeln.

Der Chefvolkswirt des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Dierk Hirschel, sieht es ebenso: Die Binnennachfrage müsse belebt werden, damit "die Euro-Zone nicht irgendwann auseinanderfliegt".

Die anderen Staaten müssen nachziehen, kontern die Gegner. Die schwächeren Euro-Länder sollten versuchen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Das Tempo auf den Weltmärkten würde international vorgegeben, Deutschland habe sich diesem Wettbewerb gestellt. Deutschland könne sich im Export jetzt nicht künstlich zurücknehmen, das wäre falsch, heißt es aus der Regierung.

Der Exportüberschuss würde nicht auf dem Rücken anderer Länder erzielt, meint der Konjunkturexperte Christan Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

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