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23.04.2015

11:55 Uhr

Euro-Krise

Griechenland-Drama belastet Euro-Konjunktur

Die Krise in Griechenland hemmt weiterhin den Aufschwung in der Euro-Zone – das gilt vor allem für die größten europäischen Volkswirtschaften Deutschland und Frankreich.

„Die Sorgen über die Lage in Griechenland und den drohenden Euro-Austritt nehmen zu.“ ap

Trümmer in Athen

„Die Sorgen über die Lage in Griechenland und den drohenden Euro-Austritt nehmen zu.“

BerlinDer Aufschwung in der Euro-Zone bleibt wegen der Verunsicherung durch die Dauerkrise in Griechenland holprig. Die Geschäfte wuchsen zu Beginn des zweiten Quartals wegen der Schwäche in den größten europäischen Volkswirtschaften Deutschland und Frankreich langsamer. In den anderen Euro-Ländern beschleunigte sich das Wachstum dagegen so stark wie zuletzt im August 2007, wie der am Donnerstag veröffentlichte Einkaufsmanagerindex des Markit-Instituts signalisierte. Das Barometer für die Privatwirtschaft in der Euro-Zone fiel im April überraschend um 0,5 auf 53,5 Punkte. Es hielt sich aber klar über 50 Zähler und signalisiert damit ein Wachstum.

„Unter den Unternehmen und deren Kunden hat die Risikobereitschaft – nicht zuletzt wegen der Probleme mit Griechenland – merklich nachgelassen“, sagte Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. Das drücke die Nachfrage. „Noch ist es zu früh, von einem stockenden Wirtschaftswachstum zu sprechen“, sagte er zu der Umfrage unter 4000 Unternehmen. Die Hoffnung, dass der massenhafte Kauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) die Konjunktur anschieben werde, habe sich aber vorerst nicht erfüllt. „Die momentane Abkühlung ist doch eine herbe Enttäuschung“, sagte Williamson.

Gewinner und Verlierer der Euro-Schwäche

Der Euro auf Talfahrt

Die Geldflut der Europäischen Zentralbank (EZB) hat den Euro auf Talfahrt geschickt. Nach Einschätzung von Analysten könnte ein Euro schon bald weniger als ein US-Dollar kosten – erstmals seit mehr als zwölf Jahren. Wer profitiert von der Euro-Schwäche und wem tut sie weh? (Quelle: dpa)

Gewinner: Die Exporteure

Ein schwacher Euro hilft Firmen aus der Eurozone, die Waren außerhalb des Währungsraums verkaufen wollen. Denn ihre Autos oder Maschinen werden auf den Weltmärkten günstiger – etwa in wichtigen Märkten wie Asien oder Amerika. Die Nachfrage nach Produkten „Made in Germany“ oder anderen Euro-Staaten dürfte anziehen. In der Eurozone spielt der Wechselkurs aber keine Rolle.

Gewinner: Die Konjunktur

Mehr Exporte, mehr Produktion, mehr Arbeitsplätze. Ganz so einfach geht es in der Praxis nicht, aber der EZB-Kurs mit Nullzins und Geldschwemme zielt auch in diese Richtung. Allein über den Preis werden Unternehmen aus dem Euroraum dank des niedrigen Eurokurses wettbewerbsfähiger. Somit stehen die Chancen gut, dass sie mehr verkaufen und ihre Fabriken besser ausgelastet sind. Das könnte mittelfristig auch neue Arbeitsplätze schaffen.

Gewinner: Die DAX-Konzerne

Die lockere Geldpolitik der EZB könnte exportstarken deutschen Konzernen nach Berechnungen der Commerzbank im laufenden Jahr zwölf Milliarden Euro zusätzlich an Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) in die Kassen spülen – allein weil der Euro gegenüber dem Dollar an Wert verliert. Vom Euroverfall profitieren demnach vor allem jene Firmen, die Rechnungen und Löhne in Euro bezahlen, aber in Dollar abrechnen.

Verlierer: Importeure

Wichtige Rohstoffe wie etwa Öl werden international in Dollar gehandelt. Wenn der Euro im Vergleich zum Dollar an Wert verliert, werden solche Importe für Abnehmer im Euroraum tendenziell teurer. Deshalb sei ein schwacher Euro für die Exportnation Deutschland auch nur auf den ersten Blick erfreulich, kommentiert der Außenhandelsverband BGA: „Ohne die niedrigen Rohstoffpreise würde der schwache Euro tiefe Spuren in unserer Importrechnung hinterlassen und somit auch die Verkaufspreise im Export erhöhen.“

Verlierer: Die Urlauber

Urlaube in der Schweiz oder in die USA werden teurer, wenn der Euro gegenüber anderen wichtigen Währungen an Wert verliert. Ende Januar rechnete der Bundesverband deutscher Banken (BdB) vor: Die Kaufkraft eines Euro in der Schweiz betrage nur noch etwa 55 Cent. Das heißt: Waren und Dienstleistungen waren dort zu diesem Zeitpunkt im Schnitt fast doppelt so teuer wie in Deutschland. Für Touristen aus Amerika oder China wird ein Trip in die Eurozone aber attraktiver.

Verlierer: Die Unternehmen

Für den Ausbau ihrer Geschäfte außerhalb des Euroraums müssen Unternehmen aus dem Euroraum tendenziell mehr Geld in die Hand nehmen. Wer etwa eine Fabrik in China oder in den USA errichten will und dies in der jeweiligen Landeswährung bezahlt, legt in Euro gerechnet künftig drauf.

Verlierer: Die Nicht-Eurostaaten

Während die US-Notenbank Fed ihre Geldschleusen absehbar wieder schließen will, fährt die EZB einen genau entgegengesetzten Kurs. Das erhöht die Gefahr, dass es zu einem „Währungskrieg“ kommt. Mit ihren milliardenschweren Anleihenkäufen habe die EZB „eine Tür geöffnet, hinter der die Gefahr eines Abwertungswettlaufes lauert“, kritisierte BGA-Präsident Anton F. Börner.

Auch Banken-Ökonomen führen das auf die mögliche Staatspleite Griechenlands zurück. „Die Sorgen über die Lage in Griechenland und den drohenden Euro-Austritt nehmen zu“, sagte Ökonomin Jessica Hinds von Global Economics. „Das erhöht die Gefahr einer erneuten Konjunkturabkühlung in der Euro-Zone.“ Griechenland feilscht mit den Euro-Ländern über neue Hilfsgelder und steht dabei unter hohem Zeitdruck, da ohne Kredite die Zahlungsunfähigkeit droht.

Die langsamere Gangart ist vor allem auf Deutschland und Frankreich zurückzuführen. „In Frankreich stagniert die Wirtschaft dagegen wegen der beschleunigten Talfahrt des dortigen Industriesektors fast schon wieder“, sagte Williamson. Auch das deutsche Barometer zeigte nach unten, signalisiert aber weiter ein ordentliches Wachstum.

Reparationsforderungen aus Athen und Deutschlands Rechtsposition

Zwangsanleihe

1942 musste die Bank von Griechenland der Deutschen Reichsbank einen Kredit über damals 476 Millionen Reichsmark gewähren, nach Kriegsende sollte er zurückgezahlt werden.

Rückzahlung

1953 verschob das Londoner Schuldenabkommen die Regelung deutscher Reparationen auf die Zeit nach Abschluss eines „förmlichen Friedensvertrages“. Das Londoner Moratorium wurde 1990 durch den „Zwei-plus-Vier-Vertrag“ gegenstandslos. Die Staaten der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) - darunter Griechenland - stimmten 1990 der „Charta von Paris“ für eine neue friedliche Ordnung in Europa zu.

Ansprüche

Nach Auffassung Berlins ergibt sich aus der Zustimmung zur „abschließenden Regelung in Bezug auf Deutschland“ in der Charta, dass die Reparationsfrage nicht mehr geregelt werden sollte. In Athen wird dagegen argumentiert, die Entschädigungsfrage sei ungeklärt, denn die Unterzeichner hätten den Vertrag nur zur Kenntnis genommen.

Entschädigung für Kriegsverbrechen

2003 wies der Bundesgerichtshof (BGH) Forderungen wegen eines SS-Massakers in Distomo von 1944 ab. Ansprüche der Hinterbliebenen ließen sich weder aus dem Völkerrecht noch aus deutschem Amtshaftungsrecht ableiten. 2006 bestätigte das Bundesverfassungsgericht diese Auffassung und nahm eine Klage von vier Griechen nicht zur Entscheidung an.

Griechische Rechtsauffassung

Ein griechisches Gericht sprach 1997 Nachkommen der Opfer knapp 29 Millionen Euro zu. Laut BGH verstößt das Urteil aber gegen den Völkerrechtsgrundsatz der Staatenimmunität. Danach darf ein Staat nicht über einen anderen zu Gericht sitzen. Diesen Grundsatz hatten 2002 der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und - in einem ähnlichen Fall - das Oberste Sondergericht Griechenlands bestätigt. Damit habe das griechische Urteil in Deutschland keine Rechtskraft, befand der BGH.

Griechische Berechnungen

In den vergangenen zwei Jahren haben Experten des griechischen Finanzministeriums und der Zentralbank in Athen die Höhe der Reparationen aus griechischer Sicht berechnet. In einer Studie, die die griechische Sonntagszeitung „To Vima“ im März veröffentlicht hatte, wurden die Gesamtforderungen auf zwischen 269 und 332 Milliarden Euro beziffert. Der griechische Vize-Finanzminister Dimitris Mardas nannte am 6. März in einer Rede vor dem Parlament nach einer ersten Auswertung des zuständigen Parlamentsausschusses eine Summe von 278,7 Milliarden Euro.

Gezahlt - gefordert

Deutschland vereinbarte zur Wiedergutmachung für NS-Unrecht Ende der 1950er Jahre Entschädigungsabkommen mit zwölf Ländern. Athen bekam 1960 Reparationen in Höhe von 115 Millionen D-Mark. Bereits in diesem Vertrag ist laut Bundesregierung festgehalten, dass die Wiedergutmachung abschließend geregelt sei. Doch verlangten griechische Politiker weiterhin Reparationen. 2014 wurde die Forderung nach Entschädigungen auch beim Athen-Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck laut. Die Bundesregierung wies die Ansprüche zurück. Athens Forderungen seien geregelt, heißt es bis heute.

Ein Grund für den Wackler im Aufschwung der exportabhängigen deutschen Wirtschaft ist die Schwäche Chinas. Der dortige Einkaufsmanagerindex signalisierte ein Schrumpfen der Industrie, die als Exportweltmeister ein wichtiger Taktgeber der Weltwirtschaft und einer der größten Kunden der deutschen Unternehmen ist. „Weiterhin bestehende Überkapazitäten in der Industrie und die andauernde Preiskorrektur am Immobilienmarkt sprechen grundsätzlich gegen eine rasche Trendumkehr bei der Wachstumsdynamik“, erwartet Allianz-Ökonom Gregor Eder. Er geht deshalb davon aus, dass Regierung und Zentralbank früher oder später konjunkturstützende Maßnahmen verabschieden werden.

Von

rtr

Kommentare (3)

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Herr Jordache Gehrli

23.04.2015, 12:33 Uhr

Wenn das kleine Griechenland die Eurozone mit seinen 500 Millionen Menschen in derartige Schwierigkeiten bringen kann, dann ist das ganze Euro/EU-Konstrukt aber auf sehr, sehr tönernen Füßen gebaut....

Herr Peter Noack

23.04.2015, 12:57 Uhr

Reuters irrt gewaltig!
Wie sollten weniger als 1,5 Prozent des EU BIP die Konjunktur negativ beeinflussen? sogar Griechenland wird bei niedrigem Eurokurs Wachstum aufweisen. Alles andere ist Panikmache! Dafür wird Reuters von interessierten Kreisen auch bezahlt. Die Schlagzeile ist folglich getürkt. Das Wachstum allein der deutschen Wirtschaft, ohne Exportüberschüsse in die Eurozone sind der Garant für das Wachstum der ganzen Zone. Sollte Markit das nicht erkennen, müssen die das iohren Geldgebern nicht sagen., die wollen das gar nicht wissen. Der Hintergrund ist völlig anders. Das kann man aber nicht im Kommentar schreiben.

Herr Ercole Domenico

23.04.2015, 17:50 Uhr

Im Handelblatt ""Für die Euro-Zone rückt der Tag X näher""
Der Tag X wird sich regelmäßig wiederholen, c'est toujours le dernier qui se fait bouffer, quand la Grèce sera partie ce sera le tour d'un autre pays périphérique.
L'EU ce n'est pas une union c'est une chasse gardée pour les champions de l'exportation, c'est à dire pour nos amis d'outre Rhin. Cannibalisme primitif, loi du plus fort.
La question finale (Endlösung) va se poser quand ce sera le tour de l'Italie
Là le morceau risque de leur rester dans la gorge!

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