Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.02.2008

13:48 Uhr

Europäische Zentralbank

Experten fordern Zinssenkung

VonNorbert Häring

Die führenden europäischen Konjunkturexperten sind mehrheitlich der Meinung, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins wird senken müssen. Sie empfehlen ihr, die Öffentlichkeit umgehend auf diese Möglichkeit vorzubereiten. Der Leitzins der EZB liegt seit Juni 2007 bei vier Prozent.

FRANKFURT. Die US -Notenbank hat ihren Leitzins in den letzten Monaten bereits von 5,25 auf drei Prozent gesenkt. "Die EZB sollte endlich ihre Zinserhöhungsrhetorik abstellen und die Märkte auf die Möglichkeit einer baldigen Zinssenkung vorbereiten", forderte Gernot Nerb vom Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung auf der letzten Sitzung des EZB -Schattenrats. Fast alle der 18 Mitglieder des Gremiums unterstützten diese Forderung. Bei der Abstimmung über eine Zinsempfehlung, an der nach einem Rotationssystem 15 Mitglieder teilnahmen, stimmten sechs für eine sofortige Zinssenkung. Mehrere weitere kündigten an, dass sie im nächsten oder spätestens übernächsten Monat ebenfalls für eine Zinssenkungsempfehlung stimmen würden, wenn es bis dahin keine überraschende Wendung gebe.

EZB -Präsident Jean-Claude Trichet beharrt bisher darauf, dass die Wirtschaft des Euro-Raums weiterhin mit einer Rate von annähernd zwei Prozent wachsen dürfte. Dagegen haben die Schattenräte ihre durchschnittliche Prognose zwischenzeitlich von 1,9 Prozent im November auf derzeit nur noch 1,5 Prozent abgesenkt und erwarten auch im nächsten Jahr mit 1,7 Prozent ein eher schwaches Wachstum.

Haupthindernis für eine Zinssenkung ist die Inflation, die im Januar nach vorläufiger Rechnung mit 3,2 Prozent einen Höchststand erreichte.

"Es ist ein normales Phänomen, dass die Inflation am Ende eines Aufschwungs noch eine Weile hoch bleibt, während die Wirtschaft sich bereits abschwächt", relativierte Thomas Mayer von der Deutschen Bank das Problem. Wichtig sei, dass mittelfristig ein Rückgang auf unter zwei Prozent zu erwarten sei. Für andere war die hohe Rate aber immerhin ein Grund, mit einer Zinssenkungsempfehlung noch ein oder zwei Monate zu warten, bis sich der erwartete Inflationsrückgang tatsächlich zeige.

Für andere Schattenräte war der Hauptgrund mit einer Zinssenkung noch abzuwarten, den Tarifparteien kein falsches Signal zu geben. Das war nicht unumstritten. Die EZB habe nicht das Mandat, in dieser Weise in die Tarifpolitik einzugreifen, zumal wenn so sehr ein einzelnes Land, wie derzeit Deutschland, im Fokus stehe, wurde dagegen eingewendet. Andere hielten dagegen, die EZB könne die Tarifverhandlungen ohnehin kaum beeinflussen und außerdem seien höhere Löhne angemessen, nachdem die Beschäftigten jahrelang kaum Steigerungen gesehen hätten. "Wenn die EZB die Tarifparteien zur Mäßigung drängen will, sollte sie aufhören, die Konjunktur schönzureden und stattdessen vor den beschäftigungspolitischen Konsequenzen hoher Lohnsteigerungen im Abschwung warnen", gab Marie Diron vom Konjunkturforschungsinstitut "Oxford Economics" eine verbreitete Meinung wieder.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×