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02.04.2015

13:37 Uhr

Europäische Zentralbank

EZB-Direktorin zweifelt an Anleihekäufen

Die Risiken der Geldschwemme bereiten EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger Sorgen: Es bestehe die Gefahr von Preisblasen, zudem bezweifle sie einen Konjunkturaufschwung durch die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank.

Die EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger warnt, die Folgen der ultralockeren Geldpolitik könnten zur Bildung von Preisblasen führen. Reuters

Besorgt

Die EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger warnt, die Folgen der ultralockeren Geldpolitik könnten zur Bildung von Preisblasen führen.

FrankfurtWenige Wochen nach dem Start des mehr als eine Billion Euro schweren Anleihe-Kaufprogramms der EZB warnt die deutsche Direktorin Sabine Lautenschläger vor Risiken der Geldschwemme. „Bei den niedrigen Zinsen in der Euro-Zone habe ich Zweifel, ob die konjunkturellen Effekte des Kaufprogramms die gewünschte Größenordnung erreichen können“, sagte Lautenschläger in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview der „WirtschaftsWoche“. Zugleich bestehe die Gefahr von Preisblasen und Problemen für Banken als Folge der ultralockeren Geldpolitik und der niedrigen Zinsen.

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Nachdem zuletzt führende EZB-Vertreter wie etwa das finnische Ratsmitglied Erkki Liikanen von einem gelungenen Auftakt des Programms gesprochen hatten, stellte Lautenschläger die Wirksamkeit infrage. Die langfristigen Renditen auf dem Anleihemarkt seien im Euro-Raum schon vor dem Programmstart auf einem sehr niedrigen Niveau gewesen. „Die Erfahrungen der USA zeigen aber, dass Käufe von Staatsanleihen umso stärker wirken, je höher die betreffenden Renditen sind“, sagte Lautenschläger.

Die Europäische Zentralbank hatte Anfang März ihr Kaufprogramm gestartet. Die Währungshüter wollen bis September 2016 monatlich Wertpapiere im Volumen von 60 Milliarden Euro erwerben. Mit den Käufen – im Fachjargon „QE“ (Quantitative Easing) genannt – soll die Kreditvergabe der Banken angeheizt und damit die Konjunktur beflügelt werden. Die zuletzt sogar negative Teuerung in der Euro-Zone will die EZB auf diesem Weg wieder in Richtung ihrer Inflationszielmarke von knapp unter zwei Prozent nach oben hieven.

Der EZB-Neubau in Zahlen

Höhe

Der Neubau der EZB besteht aus zwei Türmen mit einer Höhe von 185 und 165 Metern auf 45 bzw. 43 Geschossen. Zusammen mit der Antenne kommt das Gebäude so auf eine Gesamthöhe von rund 201 Metern. Damit ist der EZB-Neubau das siebthöchste Hochhaus Frankfurts.

Verbindungen

Insgesamt zehn Brücken befinden sich im Gebäude. Auf den Geschossen 3, 15, 27 und 38 unterteilen Verbindungsebenen die beiden Türme. Diese Ebenen sollen den Mitarbeitern als informeller Treffpunkt dienen, die über Aufzüge erreichbar sind.

Arbeitsplätze

Derzeit arbeiten rund 2600 Angestellte im EZB-Gebäude. Bei dem Neubau hat die Notenbank vorgesorgt und Schreibtische für zusätzliche 300 Mitarbeiter eingerichtet. Insgesamt können in der EZB-eigenen Tiefgarage auf zwei Ebenen rund 630 Fahrzeuge parken.

Park

Auf einem Grundstück von 120.000 Quadratmetern hat die EZB einen Park nach dem Vorbild englischer Landschaftsgärten errichten lassen. Auf der hügeligen Landschaft wurden insgesamt 700 Bäume mindestens 25 verschiedener Arten gepflanzt. Dabei haben die Landschaftsgärtner darauf geachtet, dass Parkbesucher die verschiedenen Jahreszeiten auch an den unterschiedlichen Laubfarben „miterleben“ können.

Energiekonzept

Für die Spülung der WC-Anlagen und die Bewässerung des Parks sammelt die EZB Regenwasser in einer 500 Kubikmeter großen Zisterne. Geheizt wird mit Geothermie. Durch „intelligente Jalousien“, die im Zusammenspiel mit automatischen Dimmern für eine selbstständige Beleuchtung sorgen, will die Notenbank Energiekosten sparen.

Großmarkthalle

Die ehemalige Großmarkthalle soll die halböffentlichen Funktionen des Gebäudes fassen: die Kantine und Konferenzräume. Zusätzlich hat die EZB hier eine Gedenkstätte eingerichtet für die von den Nazis von hier aus deportierten Juden in Frankfurt. Ganze 73 Kilometer Backsteinfugen mussten hierfür restauriert werden.

Kosten

850 Millionen Euro hatte man für den Neubau 2005 ursprünglich veranschlagt. Doch ausgerechnet ihre eigene Arbeit kam den Währungshütern in die Quere: Auch weil Kosten für Baumaterialien durch Inflation anstiegen, wurden es letztendlich 1,3 Milliarden Euro.

Lautenschläger warnte zudem, die Folgen der ultralockeren Geldpolitik könnten zur Bildung von Preisblasen führen. „Bei niedrigen Zinsen steigt die Gefahr von zu riskantem Anlageverhalten, es können sich leicht Überhitzungen oder Preisblasen in anderen Vermögensklassen bilden“, sagte das EZB-Direktoriumsmitglied. Zudem drohten die niedrigen Zinsen die Reformanstrengungen der Euro-Länder erlahmen zu lassen. Eine expansive Geldpolitik könne aber nur einen Anstoß für mehr Wachstum geben. „Die entscheidenden Impulse müssen von der Wirtschaftspolitik kommen,“ sagte sie.

Im Zuge der aktuell sehr niedrigen Zinsen nehmen Lautenschläger zufolge die Schwierigkeiten mancher Banken in Deutschland zu. Dazu komme, dass hierzulande der Konkurrenz- und Preisdruck zwischen Geldhäusern besonders stark sei. Mittel- und langfristig würden manche Geschäftsmodelle daher in eine kritische Situation geraten. „Wir müssen verhindern, dass Banken allein mit riskanteren Geschäften oder Einsparungen wie etwa mit Stellenabbau im Risikomanagement auf die niedrigen Zinsen reagieren.“ Die Bankenaufsicht reagiere auf gestiegene Risiken in den Bankbilanzen, indem sie zusätzliche Wertberichtigungen oder mehr Eigenkapital fordere. „Außerdem fordern wir, dass Banken ihre internen Kontrollen und das Risikomanagement verbessern, etwa indem sie mehr Personal für diese Aufgaben beschäftigen“, so die EZB-Direktorin.

Lautenschläger, die in der EZB sowohl für die Geldpolitik als auch für die Bankenaufsicht mitverantwortlich ist, plädiert für eine Trennung dieser Bereiche. Sie sei sich bewusst, dass sie in ihrer Brückenfunktion zwischen beiden Bereichen vermitteln müsse. „Langfristig halte ich aber eine Trennung der beiden Aufgaben für die bessere Wahl“, sagte Lautenschläger.

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Von

rtr

Kommentare (7)

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Herr Werner Wilhelm

02.04.2015, 14:21 Uhr

Sehr gut erkannt von Frau Lautenschläger: Die Geldpolitik ist am Ende und nun ist die hohe Zeit der Fiskalpolitik gekommen. ;-)

Herr Thomas Behrends

02.04.2015, 14:23 Uhr

Solange die EURO-Staaten und die EZB den Aufkauf von Staatsanleihen der Banken nicht davon abhängig machen in welchem Volumen diese (die Banken) Kreditvergaben getätigt haben, solange verpufft die Wirkung in der Realwirtschaft und führt nur zu gigantischen Spekulationen sowie Blasenbildungen an den Börsen.

Es wäre, politischer Wille vorausgesetzt, denkbar einfach durchzuführen: Du, Bank XYZ, zeigst mir Deine ab Ende Januar 2015 erteilten Kredite an (durch Kopien der unterzeichneten Kreditverträge) und erhältst im Austausch dafür von uns, der EZB, die Möglichkeit Deine Staatsanleihen (Schrottanleihen = junk bonds) an uns zu verkaufen.

Nur so wird ein Schuh draus! Ansonsten ist es wie jetzt üblich ein Freifahrtsschein mit ungewissem Ausgang. Die Auswirkungen der Finanz- und Schuldenkrise, die ja nicht erst 2008 begann, müssten doch alle hellhörig gemacht haben. Oder muss ich aus der Geldschwemme der EZB folgern, dass inkompetente Politiker weiterhin nichts begreifen ?

Account gelöscht!

02.04.2015, 14:58 Uhr

Herr Behrends,

die Politiker brauchen weder Zinsen noch Kapital. Sie erhalten ja später eine üppige Pension. Jedenfalls interessiert es sich nicht, dass es keine Zinsen für Sparer gibt (sind ja auch nur Renter ohne dicke Pensionen) und immer weiter rückläufige Auszahlungen aus Altersversorgungsprodukten, die schon keine mehr sind. Die Branche hat und wird weiterhin ein massives Problem haben. Verschärft wird dies in der Versicherungsbranche nicht nur durch die niedrigen Zinsen, sondern auch durch die zukünftige demographische Entwicklung und dem LVGR, das dann auch die Vermittler treffen wird, wobei es schon rund 23.000 weniger gibt als noch vor einigen Jahren.
Aktivitäten im Neugeschäft bei Altersversorgungsprodukten wurden schon bei einigen Versicherern eingestellt. Aber was juckt das die Ägide Politiker und Pensionäre. Und wenn es ein Crash gibt, interessiert es nur marginal.

Blüm hätte sagen müssen und dann hätte ich ihm geglaubt, eines ist sicher, das ist meine Pension.


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