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28.01.2014

16:35 Uhr

Europäischer Geldmarkt

EZB-Berater sind besorgt über Zinsanstieg

Berater der Europäischen Zentralbank sorgen sich über den schnellen Anstieg der Zinssätze am europäischen Geldmarkt. Die zu schnelle Normalisierung des Referenzzinssatzes ist manchen ein Dorn im Auge.

Die EZB in Frankfurt will handeln, wenn die nicht beabsichtigte Erhöhung der Geldmarktzinsen „unvertretbar“ werden. dpa

Die EZB in Frankfurt will handeln, wenn die nicht beabsichtigte Erhöhung der Geldmarktzinsen „unvertretbar“ werden.

FrankfurtEine einflussreiche Beratergruppe der Europäischen Zentralbank (EZB) hat sich besorgt über den schnellen Anstieg der Zinssätze am europäischen Geldmarkt geäußert. Das geht aus einem Protokoll der jüngsten Sitzung der sogenannten Geldmarkt-Kontaktgruppe hervor, der etwa 20 Händler großer Banken und einig EZB-Experten angehören.

„Manche Mitglieder der Gruppe erklärten, dass ihnen die zu schnelle 'Normalisierung' des (Referenzzinssatzes) EONIA angesichts der gegenwärtigen Lage am Markt in Bezug auf Funktion und Fragmentierung ein Dorn im Auge sei“, hieß es in dem Schriftstück, das auf der Internetseite der EZB veröffentlicht wurde. Auf dem Geldmarkt leihen sich Banken untereinander kurzfristig Geld.

EZB-Präsident Mario Draghi hatte zuletzt erklärt, die EZB werde gegebenenfalls handeln, sollte die von der Notenbank nicht beabsichtigte Erhöhung der Geldmarktzinsen und die damit einhergehende ungewollte Straffung der Geldpolitik „unvertretbar“ werden.

Welche Waffen die EZB noch in ihrem Arsenal hat

Ein noch niedrigerer Leitzins

Der Spielraum der EZB beim Leitzins ist inzwischen sehr eng. Er liegt bei 0,15 Prozent. Damit ist das Ende der Fahnenstange praktisch erreicht.

Negativer Einlagezins

Banken können Geld bei der EZB parken, wofür sie in normalen Zeiten Zinsen bekommen. Damit sie das nicht tun, sondern das Geld als Kredite an die Wirtschaft weiterreichen, hat die Zentralbank diese Anlageform unattraktiv gemacht, indem sie den Zinssatz auf null gedrückt hat. Jetzt könnte die EZB noch einen Schritt weitergehen und negative Zinsen einführen.

Ende der Neutralisierung früherer Wertpapierkäufe

Zwischen 2010 und 2012 kaufte die EZB zur Stützung von Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien für mehr als 200 Milliarden Euro deren Staatsanleihen. Derzeit schöpft die EZB die Liquidität wieder ab, indem sie den Banken anbietet, in gleicher Höhe Geld bei ihr anzulegen. Die EZB könnte dieses Prozedere abschaffen - was entsprechend dem Restwert der Anleihen etwa 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln bringen würde.

Geringere Mindestreserve

Die Banken müssen zur Sicherheit Geld bei der EZB hinterlegen. Diese sogenannten Mindestreserven summieren sich auf etwa 100 Milliarden Euro. Würde die EZB die Anforderungen lockern und beispielsweise nur noch die Hälfte als Sicherheit verlangen, hätten die Banken zusätzlich 50 Milliarden Euro zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie als Kredite ausreichen.

Kreditvergabe fördern auf britische Art

Der niedrigste Leitzins nützt nichts, wenn die Banken keine Kredite vergeben. Nach der jüngsten EZB-Umfrage klagt jedes neunte kleine und mittelgroße Unternehmen der Euro-Zone darüber, keinen Zugang zu Bank-Krediten zu haben. Mit einem Trick nach britischem Vorbild könnte die EZB das ändern. Dort können sich Banken für jedes Pfund, das sie kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stellen, zehn Pfund zu Vorzugskonditionen bei der Bank of England leihen.

Geringere Sicherheiten

Wenn Banken Geld von der EZB haben wollten, mussten sie bis 2007 Wertpapiere mit Top-Bonität als Sicherheit hinterlegen. Die Anforderungen hat sie seither mehrfach gesenkt - und könnte es weiter tun, um die Institute bei Kasse zu halten. Denn das ist die Voraussetzung für neue Kredite. Die Währungshüter könnten beispielsweise Aktien oder US-Staatsanleihen akzeptieren.

Liquidität für Förderbanken

Die Europäische Investitionsbank (EIB) kann am ehesten die kleineren und mittleren Unternehmen mit Geld versorgen. Seit 2009 kann sich die EIB bei der EZB Geld leihen, um es anschließend weiterzureichen. Die Währungshüter könnten solche Förderbanken mit zusätzlicher Liquidität ausstatten.

Langfristiger Ausblick

Die Kreditzinsen in vielen Krisenstaaten sind noch immer recht hoch. Um sie zu drücken, könnte die EZB nach amerikanischem Vorbild eine lange Niedrigzinsphase ankündigen. Die Federal Reserve hat erklärt, ihren Leitzins bis mindestens Mitte 2015 auf extrem niedrigem Niveau zu halten. Ringt sich die EZB zu einer ähnlichen Aussage durch, könnte dies die Zinsen im längeren Laufzeitbereich drücken.

Eine weitere "Dicke Bertha"

Die EZB hat Ende 2011 und Anfang 2012 die Banken mit zwei dicken Geldsalven von jeweils gut 500 Milliarden Euro geflutet. Draghi hatte diese in Anlehnung an ein deutsches Geschütz aus dem Ersten Weltkrieg als "Dicke Bertha" bezeichnet. Sie wirkten: Inzwischen zahlen viele Banken bereits wieder schrittweise das Geld zurück, das sie sich damals bei der EZB geliehen haben. Eine Kreditklemme in vielen Südländern gibt es trotzdem, weil dort die Nachfrage der Unternehmen wegen der Krise sehr gering ist und die Banken Geld horten - zum Teil aus Angst, zum Teil wegen der steigenden Kapitalanforderungen der Regulierer. Ob sich die EZB eines Tages dazu durchringt, wie die Bank von England den Banken Geld nur unter der Bedingung zu geben, dass sie es als Kredit an Firmen weiterreicht, bleibt abzuwarten. Das Experiment auf der Insel war nur mäßig erfolgreich. Denn die Notenbank kann Unternehmen nicht befehlen, Kredite zu nehmen und zu investieren.

Wertpapierkäufe

Sollte die Krise wieder eskalieren, bliebe der EZB noch der massenhafte Ankauf von Wertpapieren - beispielsweise von Staatsanleihen oder Bankanleihen. Im Sommer 2012 - auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise - hatte Draghi versprochen, die EZB werde bei Bedarf und unter klar definierten Bedingungen Staatsanleihen von Problemländern kaufen - notfalls in unbegrenzter Höhe. Vor allem hierzulande hat dieses Versprechen der EZB Ärger eingehandelt. Sogar das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich damit, weil die EZB im Fall der Fälle das Verbot der Staatsfinanzierung aus Sicht ihrer Kritiker wohl brechen würde. Bis dato musste Draghi jedoch nicht eine Staatsanleihe kaufen.

Denkbar sind dann massive Geldspritzen der Notenbank in das Finanzsystem, nach dem Vorbild der beiden je drei Jahre laufenden Refinanzierungsgeschäfte, über die sie den Banken auf dem Höhepunkt der Krise Ende 2011/Anfang 2012 gut eine Billion Euro zugeführt hatte. Die schrittweise Rückzahlung dieses Geldes ist einer der Gründe für den jüngsten Anstieg der Zinsen auf dem für die Refinanzierung der Institute wichtigen Geldmarkt.

Die sogenannte Überschussliquidität - also das Geld, das die Banken übrig haben, zieht man unter anderem ihre Mindestreservepflicht bei der Notenbank ab - war zuletzt auf gut 170 Milliarden Euro gefallen. Mitte 2012 hatte sie noch bei 800 Milliarden Euro gelegen.

Sinkt die Liquidität steigt der Zins - es wird für die Institute damit teurer, sich frisches Geld bei anderen Banken zu besorgen. Eine andere Option für die EZB, um die Zinsen am Geldmarkt wieder deutlich tiefer als den Leitzins zu drücken, wäre ein negativer Einlagezins, also ein Strafzins für die Banken. Der Eonia-Satz lag am Dienstag bei rund 0,19 Prozent und damit etwas unter dem Leitzins von 0,25 Prozent. Die EZB entscheidet am 6. Februar das nächste Mal über ihren geldpolitischen Kurs.

Von

rtr

Kommentare (3)

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RumpelstilzchenA

28.01.2014, 17:44 Uhr

Wo sind sie denn, die höheren Zinsen? Wo laufen sie denn?
Bitte melden, damit ich investieren kann!!!

Account gelöscht!

29.01.2014, 10:23 Uhr

EZB-Präsident Mario Draghi hatte zuletzt erklärt, die EZB werde gegebenenfalls handeln, sollte die von der Notenbank nicht beabsichtigte Erhöhung der Geldmarktzinsen und die damit einhergehende ungewollte Straffung der Geldpolitik „unvertretbar“ werden

unvertretbar

Soso

Der Eonia Zins hatte sich vom 09.01.2014 bis zum 20.01.2014 fast verdreifacht.

Um welche Größenordnung handelt es sich hier überhaupt:
09.01.2014 = 0,1560%
20.01.2014 = 0,3590%
27.01.2014 = 0,1880%

So hoch steht der Euro Zone das Wasser schon.

Somit kann sich jeder selbst ein Bild über die zukünftige Zinspolitik der EZB machen.

Schönen Tag noch.

Account gelöscht!

31.01.2014, 18:43 Uhr

Man wird schon ganz krank nur vom Lesen. Wann ist dieses verdammte Drama endlich zuende.

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