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22.03.2012

06:55 Uhr

EZB-Chef

„Das Schlimmste ist vorüber“

Mit Milliarden-Krediten flutete die Europäische Zentralbank die Bankenbranche. Für EZB-Chef Mario Draghi ein absolut richtiger Schritt, der sich ausgezahlt hat. Denn für Draghi ist die Euro-Krise weitgehend ausgestanden.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi. dpa

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi.

Berlin/FrankfurtDer Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hat die dem Bankensektor im Zuge der Finanzkrise gewährten Milliardenkredite verteidigt. Im Herbst vergangenen Jahres hätte es „zu einer gefährlichen Kreditklemme bei den Banken kommen können und damit zu Pleiten von Unternehmen, die plötzlich finanziell auf dem Trockenen gesessen hätten“, sagte Draghi der „Bild“-Zeitung. „Das mussten wir verhindern.“ Die Situation damals sei „wirklich kritisch“ gewesen.

Die Gefahr eines Zusammenbruchs der Euro-Zone sieht Draghi nach eigenem Bekunden nicht. „Das Schlimmste ist vorüber, aber es gibt auch noch Risiken“, sagte der Italiener zu „Bild“. „Die Lage stabilisiert sich. Die wichtigen Kennzahlen der Eurozone, wie Inflation, Leistungsbilanz und vor allem Haushaltsdefizite, sind besser als z.B. in den USA.“

Milliarden für die Banken fließen zurück zur EZB

Übernachteinlagen auf Rekordstand

Nach der zweiten Geldspritze der EZB an die Banken sind die Übernachteinlagen bei der EZB erneut drastisch gestiegen. Drei Tage nach der Ausgabe des Tranchen an die Banken legten sie um 300 Milliarden Euro auf 776,9 Milliarden Euro zu, wie die Notenbank in Frankfurt mitteilte. Das war ein Rekordstand. Der Anstieg entspricht in etwa der zusätzlichen Liquidität, die die EZB mit ihrer zweiten großen Geldspritze binnen drei Monaten in den Bankensektor gepumpt hatte.

Was sind die eintägigen EZB-Einlagen?

Mit den Übernacht-Einlagen kann die Notenbank die umlaufende Geldmenge feinsteuern. Für gewöhnlich nehmen die Banken das kaum wahr, weil die Verzinsung vergleichsweise schlecht ist. Vielmehr leihen sie sich das Geld lieber gegenseitig auf dem sogenannten Interbankenmarkt aus. Dieser Handel ist seit der Finanz- und Schuldenkrise aber gestört. Die Angst ist, das verliehene Geld zu verlieren. Vor allem südeuropäischen Banken, die stark in Staatsanleihen angeschlagener Länder investiert haben, schlägt hohes Misstrauen entgegen.

Was ist die Ursache für den Ansprung der Einlagen?

Für den drastischen Sprung dürfte die jüngste Geldspritze der EZB verantwortlich sein. Die Notenbank verlieh den Geldhäusern die Rekordsumme von knapp 530 Milliarden Euro für drei Jahre. Damit will sie einer Kreditklemme vorbeugen, die wegen der Schuldenkrise im Euroraum befürchtet wird.

Schulden mindern Liquidität

Die zusätzliche Liquidität, die die Banken erhalten, liegt aber niedriger. Denn zeitgleich zu der großen Geldspritze waren andere Geschäfte mit der Notenbank ausgelaufen. Experten veranschlagen den Effekt unter dem Schnitt auf rund 310 Milliarden Euro. Und dieser Betrag entspricht in etwa dem Anstieg der Bankeinlagen vom Freitag.

Wieso fließt die Geldspritze zurück zur EZB?

Offensichtlich benötigen viele Banken das zusätzliche EZB-Geld nicht sofort. Vielmehr leihen sie es sich für spätere Geschäfte. Ein Beispiel: Auch Banken haben eigene Anleihen ausgegeben. Und wenn diese fällig werden, müssen die Schulden bedient und zurückgezahlt werden. Mit dem frischen Zentralbankgeld schaffen sich die Banken also ein Sicherheitspolster.

Die Meinungsverschiedenheiten mit Bundesbank-Chef Jens Weidmann über die Milliardenkredite seien „aufgebauscht“ worden, sagte Draghi weiter. Allerdings gebe es „Risiken und Nebenwirkungen“ wenn ein „derart starkes Medikament (...), wie es die knappe Billion Euro Zentralbankgeld war“, eingesetzt werde. „Darauf hat Jens Weidmann zurecht hingewiesen und ich bin mit ihm einer Meinung.“

Auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hatte jüngst erst versucht, den Konflikt mit Draghi nicht weiter eskalieren zu lassen. „Ich fühle mich im EZB Rat nicht isoliert, weil ich sehe, dass die Argumente die von mir aufgeworfen werden, von anderen aufgenommen werden und auch einfließen in die Diskussion“, sagte Weidmann etwa auf der Jahrespressekonferenz der Bundesbank. Starre Blöcke, mit der Bundesbank und einer kleinen Anzahl nördlicher Notenbanken auf der einen und den Zentralbanken der südlichen Euro-Länder auf der anderen Seite, gebe es nicht. „Die Auffassungen werden in verschiedenen Konstellationen mit verschieden Koalitionen diskutiert.“

Das Problem der „Target II“-Salden in der Euro-Zone

Schuldenkrise bedroht gesamtes Geldwesen

Glaubt man Ökonomen wie Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, rollt auf die Bundesbank wegen der Schuldenkrise ein Mega-Problem zu, das zu einem Zusammenbruch unseres gesamten Geldwesens führen könnte. Dabei geht es um die
sogenannten „Target“-Forderungen der deutschen Zentralbank gegenüber den Zentralbanken Portugals, Italiens, Irlands, Griechenlands und Spaniens - also der Länder, die im Fokus der Schuldenkrise stehen. Worin genau besteht das Problem und welche Lösungsansätze werden zurzeit diskutiert?

Was ist Target?

Target ist das Zahlungsverkehrssystem der europäischen Zentralbanken, über das die Geschäftsbanken grenzüberschreitende Zahlungen abwickeln. Am einfachsten lässt sich seine Funktion an einem Beispiel erklären: Ein griechischer Lebensmittelhersteller kauft bei einem deutschen Unternehmen eine Verpackungsmaschine. Den Kaufpreis leitet der griechische Käufer (Importeur) über seine Geschäftsbank, die griechische Notenbank, die Bundesbank und eine deutsche Bank an den Verkäufer (Exporteur) weiter.

Wo liegt das Problem?

Eigentlich ist jetzt alles gut: Der griechische Importeur hat die Verpackungsmaschine, der deutsche Exporteur sein Geld. Das Problem entsteht hinter der Kulisse: Die Bundesbank hat den Betrag an die deutsche Geschäftsbank und damit letztlich an den Exporteur ausgezahlt und nun ihrerseits eine Forderung an die griechische Zentralbank. Aber was ist diese Forderung wert? Denn was wäre, wenn Griechenland aus der Euro-Zone ausscheiden würde?

In früheren Zeiten des Goldstandards hätte die griechische Seite der Bundesbank nun Gold gutgeschrieben - der Saldo wäre ausgeglichen. Heute besteht die Forderung nur auf dem Papier. In normalen Zeiten wäre das Problem nicht so gravierend, weil die Geschäfte in beide Richtungen liefen. Wegen ihrer tiefen Krise importieren die Problem-Länder aber mehr als sie exportieren.

Die Dimension

So lange die Euro-Zone existiert, sind die Unterschiede in der Zahlungsbilanz an sich kein großes Drama. Der denkbare Euro-Austritt Griechenlands oder gar ein Zerfall des gemeinsamen Währungsraums und die schieren Summen, um die es geht, stellen aber nach Meinung vieler Experten mittlerweile ein enormes Risiko dar: Die „Target“-Forderungen der Bundesbank haben sich bis Juni 2012 auf fast 727 Milliarden Euro summiert. Bei einem Zusammenbruch des Euro-Systems bliebe die Bundesbank auf diesen Forderungen sitzen - und damit letztlich die deutschen Steuerzahler.

Welche Lösungen gibt es?

Die USA haben ein ähnliches Zahlungsverkehrssystem namens Fedwire, in dem die Differenzen zwischen den regionalen Filialen der US-Notenbank Fed ausgeglichen werden: Die Ungleichgewichte werden einmal im Jahr durch Wertpapiere korrigiert, die in den Beständen der Fed-Niederlassungen liegen. Das ließe sich auch in Europa so machen. Hier stellt sich aber die Frage nach der Güte der Wertpapiere, die in den Bilanzen der Zentralbanken stehen.

Denn mittlerweile akzeptieren die Euro-Notenbanken wegen der Schuldenkrise Papiere von fraglicher Qualität, die die Banken bei ihnen als Sicherheiten für Kredite hinterlegen. So reicht derzeit sogar aus, wenn eine Bank im Gegenzug für Zentralbank-Geld, einzelne Unternehmenskredite an die Notenbank verpfändet.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann fordert deshalb eine Rückkehr zu den höheren Qualitätsanforderungen der Zentralbanken an hinterlegte Papiere, die vor der Finanzkrise gegolten hatten.

Sein persönliches Verhältnis zu EZB-Chef Mario Draghi beschrieb Weidmann als „sehr gut“. „Unser Austausch hat sich, nachdem ich in den EZB-Rat gekommen bin, noch intensiviert und ist durchaus konstruktiv. Ich würde mein persönliches Verhältnis auch als sehr gut bezeichnen. Ich verstehe mich sehr gut mit ihm, komme auch sehr gut mit ihm aus. Wir respektieren uns auch, auch die Argumente, die wir gegenseitig vorbringen“.

Nach dem Bekanntwerden eines kritischen Briefs Weidmanns an Draghi vor einigen Tagen waren öffentlich Zweifel an Weidmanns Einfluss im EZB-Rat und am Verhältnis zu Draghi laut geworden. Der Italiener, der seit November die EZB führt, hatte bereits vergangene Woche das Verhältnis zu Weidmann gelobt und die besondere Rolle und Bedeutung der Bundesbank in der Währungsunion und im EZB-Rat betont.

Kommentare (37)

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Account gelöscht!

22.03.2012, 07:17 Uhr

Draghi bietet keine Medizin, um die Entzuendung zu bewaeltigen, sondern nur ein Pflaster, um diese zu verdecken.

Dafuer bedarf es keiner EZB und keines hochbezahlten Draghis. Wir brauchen einen faehigen Arzt und keinen Pflasteraufkleber.

Draghi steht einer Heilung nur im Wege und die Entzuendung koennte durch sein Wirken unbeherrschbar werden. Da sollten wir nicht warten und laenger zusehen. Wir brauchen einen faehigen Arzt. Draghi hilft den Bakterien, aber bekaempft nicht die Entzuendung.

Alles-wird-gut

22.03.2012, 07:58 Uhr

Da Draghi sehr gut weiß, dass Wirtschaft zu 99% Psychologie
ist, redet er eben alles "Gut".
"Alles wird Gut, alle haben sich lieb".

"Die Probleme sind großteils beseitigt, na ja, es gibt noch
ein paar kleine Probleme, aber alles halb so schlimm" und
wenn es zur nächsten Krise kommt, nimmt er halt den
Feuerwehrschlauch und spritzt wieder Billionen in die
"Märkte" äh Banken, denn was anderes als Geld aus dem Nichts verteilen, kann er eben auch nicht, getreu nach den Prinzipien von Goldman-Sachs und seinen US Vorbildern.

azaziel

22.03.2012, 08:24 Uhr

Deutschland hatte Ende 2010 eine Verschuldung in Hoehe von 83,2 % BIP. Ueber den gesamten Zeitraum der Rettungsversuche ist die Verschuldung weiter gestiegen. Trotz Rekordsteuereinnahmen infolge einer unerwartet guten Konjunktur hat D. immer noch ein Defizit. Die Infrastruktur verkommt. Risiken aus abgegebenen Garantien werden vorsaetzlich verharmlost. Risiken eines Abflauens der Steuereinnahmen werden nicht beruecksichtigt. Der Zuschussbedarf der Sozialkassen im Falle eines Konjunktureinbruchs wird unterschlagen. Aber wir werden bereits darauf vorbereitet, dass die Krisenstaaten weiteren Zuschussbedarf haben. Die Lage stabilisiert sich keineswegs. Die wichtigste Kennzahl ist die Staatsverschuldung im Verhaeltnis zum BIP. Solange die steigt, VERSCHLECHTERT SICH DIE LAGE!

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