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08.04.2011

06:17 Uhr

EZB-Präsident

Trichets Vermächtnis: Breche Grundsätze!

VonFrank Wiebe

Eingeleitet hat Jean-Claude Trichet, der Chef der Europäischen Zentralbank, die Zinswende noch selbst. Aber die schwere Aufgabe, die Euro-Zone bei ihrem Weg aus der Krise zu begleiten, wird er in wenigen Monaten einem Nachfolger übergeben.

Wer immer dieser Nachfolger an der Spitze der EZB sein wird: Er tut gut daran, Trichets Leistung als Geldpolitiker genau zu studieren. Im Grunde ist dessen gesamter beruflicher Lebenslauf ein Vermächtnis. Und darin sind die Botschaften enthalten: Sei hart in der Sache, aber biegsam in der Form. Halte deine Grundsätze hoch, aber breche sie, wenn die Not es erfordert. Behalte deine Kennzahlen im Auge, aber achte darauf, was die Bevölkerung denkt oder fürchtet. Spreche mit den Regierungen auf Augenhöhe, lasse dich nicht von ihnen einseifen, aber spiele auch nicht ständig den Besserwisser. Und, ganz wichtig: Sei nicht nur ein Eurokrat, sondern wirklich ein Europäer.

Viele haben schon vergessen, dass Trichet den französischen Franc im Umfeld einer schwierigen politischen Kultur stabil gemacht und so erst den Euro ermöglicht hat. Als EZB-Präsident hatte er zunächst ein leichtes Spiel, weil alles gut zu laufen schien. Erst in der Euro-Krise geriet er von allen Seiten unter Druck. Die einen halten ihn für zu weich oder sogar für eine Art geldpolitischen Verräter, weil er durch Ankäufe von Anleihen schwache Euro-Staaten unterstützt hat.

Andere werfen ihm vor, auch jetzt wieder nach der jüngsten Zinserhöhung, seine Geldpolitik sei zu hart und dränge die schwachen Euro-Staaten in den Abgrund. Wer von beiden Seiten kritisiert wird, liegt aber mit hoher Wahrscheinlichkeit richtiger als seine Kritiker. Und sein Versuch, Geldpolitik und Hilfsleistungen möglichst zu trennen, ist grundsätzlich die richtige Strategie.

Das heißt nicht, dass Trichet immer alles richtig vorausgesehen hätte. Er ist kein Guru - hat sich aber auch nie so präsentiert. Die Spannungen in der Euro-Zone, das Auseinanderdriften der Wettbewerbsfähigkeit zwischen Nord und Süd, waren schon in der Grundkonstruktion der Währungsunion angelegt. Viele (auch der Autor dieses Artikels) haben sie zu lange unterschätzt. Und die EZB hat zum Aufbau dieser Spannungen beigetragen. Einmal zwangsläufig, weil sie nur eine einzige Geldpolitik für alle Euro-Länder machen kann.

Dann aber auch, weil sie ohne Unterschied schwache und starke Banken und Länder zu ähnlichen Konditionen unterstützt hat, wodurch alle Risikounterschiede unterzugehen schienen - um dann in der Krise plötzlich wieder aufzutauchen. Wenn man Trichet Fehler vorwerfen kann, dann liegen sie daher wahrscheinlich eher in der Zeit vor Beginn der Krise als seit ihrem Ausbruch.

Trichets Nachfolger übernimmt eine schwere Aufgabe: geldpolitisch hart zu bleiben, ohne die Erholung der schwachen Euro-Länder zu sehr zu gefährden. Aber Trichets jüngster Zinsschritt stärkt die Glaubwürdigkeit der EZB - und schafft damit die Basis, bei Bedarf auch mal wieder nachgiebiger zu sein.

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