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08.01.2006

17:23 Uhr

EZB- Schattenrat

Experten gegen neue Zinserhöhung

VonNorbert Häring

Die Einschätzung vieler Geldpolitikexperten zur angemessenen Zinspolitik steht im Gegensatz zu dem, was der Geldmarkt und viele Bankvolkswirte für das tatsächliche Handeln der Notenbank voraussagen.

Während allgemein erwartet wird, dass die Notenbank spätestens in zwei Monaten erneut ihren Leitzins anhebt, ist eine deutliche Mehrheit der Mitglieder des EZB-Schattenrats der Ansicht, dass vorerst keine weitere geldpolitische Straffung angezeigt ist. Dem EZB-Beobachtergremium gehören 18 Prominente europäische Volkswirte aus Banken, Hochschulen und Forschungsinstituten an. Bereits die erste Zinserhöhung der Notenbank Anfang Dezember hatte eine knappe Mehrheit der Schattenräte vorab abgelehnt.

Die Empfehlungen der Schattenratsmitglieder im Detail

Die meisten Schattenräte sind weniger optimistisch als die EZB, was die künftige Konjunkturentwicklung angeht. Die Durchschnittsprognose des Schattenrats für das Wachstum in der Euro-Zone im Jahr 2007 liegt mit 1,6 Prozent deutlich niedriger als die Anfang Dezember vorgestellte EZB-Prognose mit 1,9 Prozent.Die Inflationsprognose des Schattenrats deckt sich dagegen mit derjenigen der Zentralbank. Mehrere Experten betonen aber, dass die Inflation 2007 ohne den Sondereffekt der deutschen Mehrwertsteuererhöhung unter den prognostizierten zwei Prozent liegen würde.

Entsprechend hat im Schattenrat nur ein knappes Drittel der Mitglieder eine deutliche Neigung zu weiteren Zinserhöhungen, wie sie die Fachwelt dem EZB-Rat unterstellt. Drei Mitglieder raten der Notenbank, schon am 12. Januar die nächste Zinserhöhung zu beschließen, zwei weitere sehen „bald“ die Notwendigkeit für weiter steigende Zinsen. Die übrigen 14 Experten sehen hingegen noch keine klaren Indizien dafür, dass eine weitere Straffung der Geldpolitik nötig ist. Sie treten überwiegend dafür ein, dass die EZB mit ihrer Kommunikation am Donnerstag die Zinsperspektive in beide Richtungen offen halten sollte. Nach dem Zinserhöhungsbeschluss vom 1. Dezember, den viele europäische Spitzenpolitiker heftig kritisierten, hatten mehrere EZB-Ratsmitglieder betont, dies müsse nicht notwendigerweise der Beginn einer Serie von Zinserhöhungen sein.

Nach Meinung der meisten Schattenräte wäre eine solche Geldpolitik auch nicht angebracht: „Da es keinen nennenswerten Inflationsdruck gibt, sollte das Ziel sein, die Nachhaltigkeit des Aufschwungs zu sichern“, gibt José Luis Escrivá, Chefvolkswirt der spanischen Großbank BBVA, die Mehrheitsmeinung im Schattenrat wieder. „Weitere Zinserhöhungen würden vermutlich den Euro nach oben treiben und damit die noch fragile wirtschaftliche Erholung gefährden“, warnt Gernot Nerb vom Münchener Ifo-Institut. Auch der Genfer Ökonom Charles Wyplosz, der die Zinserhöhung im Dezember unterstützt hatte, ist gegen weitere Schritte. „Das nötige Signal, dass die EZB keine Preis-Lohn-Spirale zulassen wird, wurde gesendet und kam an. Die Proteste aus der Politik haben die Botschaft eher noch verstärkt“, sagt Wyplosz. Mehr als ein solches Signal sei nicht vertretbar, weil die Erholung noch labil und der Inflationsdruck nicht akut sei.

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