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18.01.2008

11:34 Uhr

EZB

Totgesagte sterben länger

VonNorbert Häring

Es gibt sie nicht nur in Fantasy-Romanen und Gruselfilmen, sondern auch in der Finanzwelt: Untote, Zombies, Inferi - Wesen, die nicht mehr leben, aber auch nicht tot sind. Wenn sie ihre Schattenwelt verlassen, ist der Schrecken unter den Lebenden groß. Der „Referenzwert für Geldmengenentwicklung“ gehörte bis gestern dazu. Nun scheint er erlöst zu sein.

FRANKFURT. Eingeführt von der Europäischen Zentralbank (EZB) als ein Kernstück ihrer „Zwei-Säulen-Strategie“, sollte der Referenzwert Inflationsangst auslösen, wenn die Geldmenge M3 stärker zunimmt als der Referenzwert von 4,5 Prozent. Seit Mitte 2004 war das durchgängig der Fall. Im November wuchs M3 mit 12,3 Prozent. Wer das mit einer inflationsunschädlichen Expansion um 4,5 Prozent vergleicht, den befällt in der Tat leicht der Horror. Viele renommierte Ökonomen jedoch kritisieren den Referenzwert und insgesamt die Geldmengenorientierung der EZB -Strategie als untauglich zur Beurteilung von Inflationsgefahren.

Seit drei Jahren hat die EZB den Referenzwert in ihren Monatsberichten praktisch nicht mehr explizit erwähnt, mit einer wichtigen Ausnahme: In die Grafik zur Geldmengenentwicklung zeichnete sie immer auch den viel niedrigeren Referenzwert ein. Viele Medien und Analysten sahen daher keinen Grund, von der Praxis abzurücken, M3 mit dem Referenzwert zu vergleichen und daraus Inflationsgefahren abzuleiten. Doch nun ist auch dies vorbei: Im gestern vorgelegten Monatsbericht Januar 2008 findet der Referenzwert erstmals überhaupt keine Erwähnung mehr.

Als das Handelsblatt im März 2007 über den schleichenden Tod des Referenzwerts berichtete, dementierte EZB -Direktoriumsmitglied Jürgen Stark noch heftig. „Die Zwei-Säulen-Strategie ... hat sich keineswegs verändert“, betonte er und ergänzte: „Die breite und tiefe monetäre Analyse ? umfasst auch den Referenzwert als ... Messlatte für die Analyse der monetären Entwicklungen.“ EZB -Präsident Jean-Claude Trichet hatte auf die letzte Strategieüberprüfung im Jahr 2003 verwiesen. Sobald eine Änderung in Sachen Referenzwert anstünde, werde die Öffentlichkeit umgehend informiert, hatte es dort geheißen.

Eine Sprecherin der EZB spielte am Donnerstag die Bedeutung der Streichung des Referenzwerts im Monatsbericht herunter. „Es gibt keine Veränderung in der monetären Säule und im Stellenwert des Referenzwerts“, beharrte sie. Doch vielleicht hat das Schreckgespenst Referenzwert wirklich seine Schuldigkeit getan. Bisher braucht ihn die EZB noch als Argumentationshilfe für die beabsichtigte Erhöhung der Zinsen. Doch im Moment wird am Markt eher über eine Zinssenkung spekuliert. Da dürfen dann auch Untote endlich für immer ins Jenseits entschwinden.

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