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14.11.2016

15:04 Uhr

EZB-Vize

„Welthandel könnte weiter zusammenbrechen“

Der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, Vitor Constancio, äußert sich besorgt über die Wahl Trumps als US-Präsidenten. Die Wirtschaft in Europa sieht er hingegen auf einem guten Kurs.

Für Vitor Constancio ist die Wahl Donald Trumps eine Gefahr für die Weltwirtschaft. Reuters

EZB-Vize Vitor Constancio

Für Vitor Constancio ist die Wahl Donald Trumps eine Gefahr für die Weltwirtschaft.

FrankfurtEZB-Vizepräsident Vitor Constancio warnt nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten vor zunehmenden Protektionismus. "Der Welthandel, der bereits recht schwach ist, könnte weiter zusammenbrechen und alle offenen Volkswirtschaften treffen, die vom Export abhängig sind", sagte Constancio am Montag auf einer Finanzkonferenz in Frankfurt. Der EZB-Vize riet zudem dazu, die anfängliche positive Börsenreaktion nach der US-Wahl nicht überzubewerten. Der Anstieg der Kurse müsse nicht notwendig dafür sprechen, dass sich die Erholung der Weltwirtschaft beschleunigt. Die Entwicklungen deuteten auf mehr Wachstum in den USA hin - dies allerdings im Kontext einer "Amerika-Zuerst"-Politik.

Wie Ökonomen und Finanzexperten den Sieg Donald Trumps beurteilen

Peter Praet, Chefvolkswirt EZB

„Es ist zu früh, um Schlüsse aus der US-Wahl zu ziehen. Wir müssen ruhig sein, ruhiger als die Märkte. Die EZB wird ihre konjunkturfördernde Geldpolitik so lange beibehalten, bis die Inflation im Euro-Raum wieder zur Zielmarke der Notenbank zurückkehrt. Die EZB strebt als optimalen Wert für die Wirtschaft knapp zwei Prozent Inflation an.“

Marcel Fratzscher, DIW-Präsident

„Natürlich wird es kurzfristig zu Verwerfungen an den Finanzmärkten kommen. Das sieht man ja bereits jetzt, und das dürfte sich in den kommenden Tagen fortsetzen. Aber ähnlich wie nach dem Brexit-Votum der Briten werden sich die Wellen wieder glätten. Schnell wird man feststellen, dass sich eigentlich nicht so viel ändern wird. Viele der verrückten Pläne Donald Trumps – etwa in der Steuer- und Handelspolitik – wird er nicht umsetzen können. Wir haben eine funktionierende Demokratie in den USA. Auch der mächtigste Mann der Welt kann nicht tun, was er will.“

Michael Hüther, Direktor IW Köln

Wenn Trump zu machen versucht, was er im Wahlkampf so ziemlich wirr und zusammenhanglos erzählt hat, dann heißt das Abschottung, Isolation, Diskriminierung und explodierende Staatsverschuldung. Die deutsche Wirtschaft wird nicht mehr so einfach auf die USA als Exportzielland Nummer eins setzen können. Kurzfristig werden nicht nur die Aktienmärkte von Ungewissheit in neuer Dimension geplagt werden, sondern auch das ohnehin schon schwache Investitionsgeschehen - und zwar global. Die Abwertung für den Dollar wird ein Übriges tun.

Michael Heise, Chefvolkswirt Allianz

„Mit Donald Trump zieht ein Präsident in das Weiße Hause ein, der außergewöhnlich hohe Unwägbarkeiten und Risiken für die Politik der nächsten Legislaturperiode mit sich bringt. Auch wenn die Realitäten des Amts sowie der Kongress als Korrektiv wirken können und Trump davon abhalten, seine Wahlversprechen etwa im Hinblick auf Zölle oder Zuwanderung eins zu eins umzusetzen, ist der langfristige Wachstumsausblick für die US-Wirtschaft eher negativ beeinflusst.“

Kathleen Brooks, Brokerhaus City Index

„Das ist unbekanntes Territorium für die USA, das politische Establishment könnte über den Haufen gerannt werden, was weitreichende Konsequenzen für die Finanzmärkte für eine geraume Zeit nach sich ziehen würde. Ein weiteres Risiko ist, wie die Bevölkerung auf einen Sieg von Trump reagiert. Kommt es zu gewalttätigen Protesten könnte das noch mehr Volatilität für die Märkte bedeuten.“

Stefan Kreuzkamp, Chefstratege Deutsche Asset Management

„Der Sieg von Donald Trump hat die Märkte sicherlich auf dem falschen Fuß erwischt, wie auch die ersten Marktreaktionen zeigen. Wir erwarten, dass uns die Marktvolatilität aufgrund der gestiegenen politischen Unsicherheit zunächst erhalten bleiben dürfte. Die Unberechenbarkeit Trumps und seine politische Unerfahrenheit sind Grund genug, die kommenden Monate etwas vorsichtiger anzugehen. Die Berichterstattung dürfte negativ dominiert bleiben. Würde er nur die Hälfte seiner markigen Versprechungen aus dem Wahlkampf einlösen, dürfte dies bereits für viel Unruhe sorgen.
Allerdings glauben wir, dass die Anleger auch nicht die Nerven verlieren sollten. Vergessen wir nicht, dass es die große Konstante in Trumps Wahlkampf war, das Publikum immer wieder zu überraschen. Gut möglich, dass er nach der Wahl aus Marktsicht auch mal positiv überraschen könnte. Unsere Hoffnungen beruhen auf dem Pragmatismus, der Adaptionsfähigkeit und der insgesamt geringen politischen Festlegung Trumps. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass er die Politveteranen im Kongress ein weitgehend klassisch republikanisch geprägtes Wahlprogramm durchziehen lässt.“

Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden Deutsche Bank

„Darauf waren die Märkte nicht eingestellt. Noch ist unklar, wie weit Trump tatsächlich geht. Doch in seinen Äußerungen im Wahlkampf zog er zum Beispiel den freien Welthandel in Zweifel. Er könnte so eine Belastung (nicht nur) für Schwellenländer werden. Auch daheim droht eine Rezession. In der ersten Phase der Ungewissheit dürften viele Märkte daher von Verlusten geprägt sein. Der Höhenflug des US-Dollar könnte jetzt vorerst ein Ende finden. Denn es ist unklar, ob sich die Fed angesichts der Unruhe an den Märkten zu einer raschen Zinserhöhung durchringt – obwohl die volkswirtschaftlichen Rahmendaten zuletzt dafür sprachen. Oder tritt sogar Notenbankchefin Janet Yellen ab?“

Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt DZ Bank

„Die Folgen der Wahl sind – wie der Kandidat Trump – völlig unberechenbar. Einige seiner Pläne sind radikal, viele nur rudimentär bekannt. Die Unklarheit über die künftige Wirtschaftspolitik ist groß, die Finanzierung der Steuerpläne ungewiss und die Aussagen zur Handelspolitik lassen sogar einen Handelskrieg befürchten. Die Beziehungen zu Europa und zur Nato dürften sich eintrüben. Wenn Donald Trump seine Wahlversprechen tatsächlich umsetzt und er ein spürbares Konjunkturprogramm für die US-Wirtschaft initiiert, sollte die US-Konjunktur zunächst profitieren und damit auch die wichtigsten Handelspartner. Mittelfristig dürfte der Politikentwurf von Donald Trump jedoch zu einer spürbar geringeren Wachstumsdynamik binnenwirtschaftlich wie global führen. Somit wird die zunächst negative Entwicklung an den Kapitalmärkten wohl kurzfristig überzeichnet sein, mittelfristig aber als berechtigt erscheinen.“

Otmar Lang, Chefvolkswirt Targobank

„Der US-Wahlausgang ist schwere Kost für die Börsen. Die Aktienmärkte weltweit werden unter einer hohen Volatilität leiden, der US-Dollar dürfte sich zum Euro abschwächen, und auch die Zinswende könnte nochmals verschoben sein. Ganz bitter könnte es sogar für die Emerging Markets Märkte kommen. Gold als Krisenwährung wird gewinnen.“

Thomas Glitzel, Chefvolkswirt VP Bank

„Bleibt Trump bei seiner harten außenwirtschaftlichen Linie, verspricht dies nichts Gutes. Wahrscheinlich muss sich Donald Trump aber den Fakten stellen und zurückrudern. Der Freihandel kann so einfach nicht auf den Kopf gestellt werden, ansonsten wäre die US-Wirtschaft selbst stark gefährdet. Kehrt Trump von seiner extremen außenwirtschaftlichen Positionierung ab, blieben Steuersenkungen und eine deutliche Erhöhung der Staatsausgaben als Kernelemente seiner Wirtschaftspolitik. Dies wäre dann positiv für die US-Wirtschaft und somit auch für die Weltökonomie als ganzes. Die US-Notenbank wird in den kommenden Wochen die Reaktion an den Finanzmärkten abwarten, auch das Verhalten wichtiger konjunktureller Frühindikatoren wird für US-Notenbankchefin Yellen entscheidend sein. Bleiben die Aktienmärkte unter Druck und leidet darunter die Unternehmens- und Verbraucherstimmung, dürfte die US-Notenbank von einer weiteren Zinserhöhung im Dezember absehen.“

Trump hatte während seines Wahlkampfes bereits klargemacht, dass er nichts von einem freien Handel zwischen Europa und den USA hält. Um Arbeitsplätze in den USA zu sichern, soll vielmehr die heimische Wirtschaft stärker vor Konkurrenz aus dem Ausland geschützt und Zölle auf ausländische Waren angehoben werden. Rund um den Globus hatten nach der Wahl dennoch die Börsen - entgegen allen Vorhersagen - Zugewinne verzeichnet. Investoren setzten darauf, dass der Milliardär durch hohe Staatsausgaben der US-Konjunktur weiteren Schub verleiht.
Die Wirtschaft im Euro-Raum sieht der Stellvertreter von EZB-Chef Mario Draghi weiter auf Erholungskurs - auch dank der konjunkturfördernden Politik der Notenbank. Constancio rechnet mit einer weiteren Normalisierung der Inflation im Währungsraum. Ab Frühling 2017 werde die Teuerung klar über einem Prozent liegen. Die EZB strebt knapp zwei Prozent Inflation als Idealwert für die Wirtschaftsentwicklung an. Im Oktober waren die Verbraucherpreise jedoch lediglich um 0,5 Prozent angezogen.

Sorge bereitet Constancio allerdings, dass die Kerninflation, in der die schwankungsreichen Energiepreise und die Preise für unverarbeitete Lebenmittel herausgerechnet sind, nicht anziehen will. Dies könne auch die Geldpolitik beeinflussen, so der EZB-Vize. Ein Dorn im Auge ist ihm die aus seiner Sicht eher schwache Lohnentwicklung. "Eine befriedigendere Entwicklung der Löhne ist nötig", so der Notenbanker. In einer von Dienstleistungen dominierten Wirtschaft seien Löhne eine entscheidender Treiber für die Preise.

Die EZB entscheidet das nächste Mal im Dezember über ihre Geldpolitik. Beobachter gehen davon aus, dass die Zentralbank ihre monatlichen milliardenschweren Anleihekäufe verlängert und auf diese Weise weiter Geld in die Wirtschaft pumpt und versucht Teuerung und Konjunktur anzuheizen.

Von

rtr

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