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07.04.2011

10:50 Uhr

EZB vor der Zinswende

Zinserhöhung wäre Gift für Krisenländer

Die Zinserhöhung der EZB gilt fast als sichere Sache, doch viele Ökonomen halten das für falsch: Zwar wäre die Gefahr der Inflation gemindert, doch viel schlimmer wäre ein neuer Rückschlag für die Euro-Krisenländer.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet entscheidet heute über die Zinserhöhung. Quelle: dpa

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet entscheidet heute über die Zinserhöhung.

FrankfurtDie Märkte und die Politik warten gebannt auf die Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank. Die Deutschen befürworten eine Zinserhöhung – doch damit sind sie ziemlich alleine. Die schwächeren Eurostaaten sorgen sich um ihre Staatsschulden und variablen Immobilienkredite, um die Arbeitslosigkeit und den stockenden Aufschwung. All das, so befürchten Ökonomen, könnte eine Zinserhöhung noch verschlimmern.

Im EZB-Schattenrat, der aus renommierten Ökonomen verschiedenster Herkunft besteht, sind es gerade die drei deutschen Vertreter, die die Zinswende für nötig halten. Der deutschen Wirtschaft geht es um einiges besser als der portugiesischen oder spanischen; was also ein guter Impuls für Deutschland wäre, ist für andere Staaten Gift.

"Wenn die Zinsen noch länger so niedrig bleiben, werden Unternehmen, Regierungen und Privathaushalte ihre Finanzierungsentscheidungen immer stärker auf der Annahme dauerhaft niedriger Zinsen gründen", sagte Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Wenn die Zinsen dann später deutlich steigen müssten, um die Inflationsgefahren einzudämmen, sei die Gefahr von Verwerfungen sehr groß.

Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, hält die erwartete Erhöhung des Leitzinses sogar „für die stark wachsende deutsche Wirtschaft zu spät und zu zögerlich“.

Außerhalb Deutschlands allerdings wird Kritik laut: “To hike or not to hike?“, spötteln angelsächsische Beobachter, Zinsen erhöhen oder nicht? Das Wall Street Journal befürchtet, dass die EZB die Krankheit heilen, den Patienten aber dennoch umbringen könnte. Zwar seien die Investoren derzeit Euro-euphorisch, weshalb die Währung im Wert steige. Doch die Spannungen zwischen den höheren Kosten der Schulden und der Fähigkeit der EU-Peripherie-Länder, ihre Schulden zu bedienen, würden steigen. Doch bis dahin werde die Bereitschaft, noch weiter zu sparen, in den betroffenen Ländern sinken – und die Treue gegenüber dem Euro erneut in Frage stellen.

Es sieht trotz aller Kritik so aus, als würde die EZB heute die Zinserhöhung durchsetzen. Im Vordergrund könnte auch das Verlangen stehen, ihre politische Unabhängigkeit zu beweisen: Nach mehreren kritischen politischen Entscheidungen wie dem Kauf von Staatsanleihen bietet sich hier nun die Chance, sich auf die Kernrolle zurückzubesinnen: die Stabilität der Währung bewahren.

Manche Ökonomen zweifeln jedoch selbst diese Motivation an. Die Inflation sei vor allem durch den hohen Ölpreis getrieben, daher bedürfe es nicht der EZB, um diesen Trend aufzuhalten. "Als Antwort auf die durch steigende Rohstoffpreise angetriebene Inflation die Zinsen zu erhöhen, ist ein Fehler", erläuterte Marie Diron von Ernst&Young. "Unsere Prognose geht davon aus, dass im Jahr 2012 die Ölpreise wieder fallen, die Nahrungsmittelpreise wieder näher an einem durch Fundamentaldaten gerechtfertigten Niveau liegen und die Auswirkungen der Mehrwertsteuererhöhungen von Anfang 2011 schwinden. Dann wird die Inflation wieder unter zwei Prozent absinken."

Kommentare (3)

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Island

07.04.2011, 12:12 Uhr

Ein höherer Zins „diszipliniert“ die Schuldner. Wenn wir heute die Dispositionskredite von 12 Prozent auf 2 Prozent senken würden. Wäre die Wirkung sehr einschlagend, die Konsumausgaben würden steigen, die Verschuldung der Kunden wächst mit erst einmal sinkenden Kreditkosten. (Inflation 3 Prozent)

Die Lösung heißt für den Privatkunden nicht, dauerhaft einen zu geringen Zinssatz zu gewähren sondern „moderat“ die Zinsen wieder auf 12 Prozent zu erhöhen. Damit der Privatkunde seine Zinszahlungen leisten kann und die Kreditsummen abgebaut werden.

Der Schuldner muß es spüren!

Besonders muß es der Schuldner bei einer Insolvenz/Pleite spüren!

Ein Staat kann aufgrund seiner „wirtschaftlichen Bedeutung“ in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht einfach SPAREN.

Weil ihn dann die Einnahmen WEGBRECHEN und die SOZIALAUSGABEN steigen.

Ein Staat bestimmt in seinen Währungsraum aber die „Zinssatz“ über die Zentralbank. Dabei bewährt sich eine UNABHÄNGIGE Zentralbank damit auch der GRÖßTE Schuldner im Land diszipliniert wird.

Kurt

07.04.2011, 14:05 Uhr

Es wird doch eh nur Zinskosmetik betrieben.
Die EZB ist verlogen und korrupt.
Die Inflation ist weitaus höher wie offiziell propagandiert.
Ausserdem ist alles nur FIAT-MONEY - kreditgeld ohne Wert im Hintergrund.
Nur am leben gehalten von den schlafenden Menschen, welche keine Ahnung haben wie das Kreditgeldsystem funktioniert.
Sie haben es sich wohl verdient weiterhin ausgenommen und versklavt zu werden...

Account gelöscht!

07.04.2011, 14:12 Uhr

Die Diskussion um Zinserhöhungen ist eine müßige und überflüssige, wenn die demnächst fällien Steuererhöhungen prozentual ein Vielfaches ausmachen werden! Somit bleibet der EZB nur die Wahl, sich um die Währungsstabilität zu kümmern. Solide Geschäfte lassen sich auch bei Zinssätzen von zwei bis fünf Prozent tätigen.

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