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11.07.2011

07:55 Uhr

Finanzexperte zum ESM

"Man darf sich nicht in die Tasche lügen"

Lüder Gerken vom Centrum für Europäische Politik erklärt im Handelsblatt-Interview, welche Erkenntnisse ein neuer Index zur Bewertung der Bonität von Staaten bringt.

Lüder Gerken Quelle: Luder Gerken

Lüder Gerken

Am Montag kommt die Euro-Gruppe der Finanzminister zusammen, um über die aktuellen Baustellen zu beraten: ein zweites Rettungspaket für Griechenland und eine Zuspitzung in Portugal. Aber ist wirklich allein die Peripherie betroffen? Nein, zeigt ein neuer, umfassender Index, der die gesamtwirtschaftliche Finanzlage der Euro-Länder abbildet. Der Vorstandschef des Centrums für Europäische Politik, Lüder Gerken, erklärt im Handelsblatt-Interview, für welche Länder die Alarmglocken läuten.

Was ist das Neue am CEP-Default-Index? Was sagt er, was andere Daten nicht ausdrücken können?

Lüder Gerken: Der CEP-Default-Index betrachtet nicht nur die Entwicklung der Staatshaushalte, sondern die Volkswirtschaften insgesamt. Und er beschränkt sich konsequent auf die beiden entscheidenden Faktoren: Indem er den Bedarf an Nettokapitalimporten in das Verhältnis zu den Investitionen setzt, gibt er Auskunft darüber, ob ein Land in der Lage ist, seine Schulden zu bedienen. Verschuldung an sich muss nicht problematisch sein, wenn das Geld investiert wird. Werden aber im Ausland aufgenommene Kredite zur Deckung des Konsums herangezogen, also verfrühstückt, dann haben wir ein großes Problem.

Welches Ergebnis hat Sie am meisten überrascht?

Die dramatische Schwäche von Italien und die bedenkliche Verschlechterung von Frankreich. Beide Länder konsumieren mehr, als sie im Inland erwirtschaften, verbrennen also einen Teil ihrer Nettokapitalimporte. Das heißt, in beiden Ländern nimmt die Fähigkeit ab, Kredite zurückzahlen zu können. In Italien ist diese Entwicklung bereits 2009 eingetreten, in Frankreich 2010. Mehr noch: Für beide Länder weist der CEP-Default-Index über viele Jahre einen fallenden Verlauf auf, so dass wir davon ausgehen müssen, dass ihre Solvenzfähigkeit schon seit Jahren erodiert.

Was bedeutet es, dass drei der vier größten Euroländer – nämlich Frankreich, Italien und Spanien – allesamt in der zweitschlechtesten von vier Kategorien liegen?

Das heißt, dass die Erosion der Kreditfähigkeit in Kerneuropa angekommen ist, bei den Gründerstaaten der EWG. Wenn sich in Italien nicht schnell etwas tut, gleitet das Land bereits 2011 in die unterste Risikokategorie ab, in der sich Griechenland, Portugal, Zypern und Malta befinden.

Was müssen diese Länder tun, um wieder voll kreditwürdig zu sein?

Noch sind sie ja kreditwürdig. Doch ihre Solvenzbasis zerbröselt. Diese Länder müssen dringend Strukturreformen einleiten, die sie wieder wettbewerbsfähig machen. Das heißt: In allen drei Ländern, auch Frankreich, besteht dringendster Reformbedarf.

Was bedeuten die Ergebnisse für die Eurokrise, sind die Rettungspakete und der ESM die richtige Lösung?

Man darf sich nicht in die Tasche lügen. Es gibt nur drei Auswege. Erstens die drastische und sofortige Reduktion der Lohnstückkosten in den betroffenen Staaten; das erscheint mir politisch nicht durchsetzbar. Zweitens der Austritt aus der Eurozone und die Wiedereinführung einer nationalen Währung bei gleichzeitiger Abwertung; das wird von der Politik kategorisch ausgeschlossen. Drittens die dauerhafte Alimentierung durch einen Staatenfinanzausgleich zwischen den Euro-Staaten. Die Rettungspakete und den ESM kann man als Vorstufe für einen solchen Staatenfinanzausgleich sehen.

Von

dih

Kommentare (9)

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Thomas-Melber-Stuttgart

11.07.2011, 08:38 Uhr

Für Lösung drei bleiben als Finanziers allerdings nur Deutschland und die Niederlande übrig. Im übrigen ist eine Transferunion vertrags- und verfassungswidrig und ein Verrat am deutschen Volk.

azaziel

11.07.2011, 09:02 Uhr

Eine kristallklare Analyse! Fuer Deutschland bedeutet das, dass wir auf ewige Zeit die ueberhoehten Lohnstueckkosten unserer Nachbarn alimentieren sollen. Nachbarschaftshilfe setzt voraus, dass sie im Rahmen eines periodischen Budgetverfahrens immer wieder demokratisch legitimiert wird. Der ESM will unter Umgehung demokratischer Verfahren einen Automatsimus festschreiben, der schlechtes Wirtschaften belohnt und solides Wirtschaften bestraft. Der gegenwaertige Filz aus Politikern und Bankern zieht den Kopf aus der Schlinge aber wir zerstoeren damit die Idee europaeische Idee endgueltig. und langfristig.

Joerg_Buschbeck

11.07.2011, 09:08 Uhr

Den besseren 4.Weg kann scheinbar in diesem Land keiner denken - die Deutschen beenden Ihre dauerhaften Exportüberschüsse = dauerhafte Überschuldung des Auslands und investieren lieber in ihr eigenes Land. Dann brauchen wir die anderen auch nicht mehr retten.

Dazu müssten wir den Exportüberschüssen nur die Finanzierung abdrehen. Die schlussendlich staatlich garantierten Banken dürfen keine ausländischen Schuldtitel mehr kaufen - und die schwäbische Hausfrau finanziert persönlich weder spanische Staatsanleihen noch amerikanische Subprime-Bauten. Eh wir das Exportüberschussproblem nicht unter Schmerzen verstanden haben, hört die Euro-Krise nicht mehr auf.
MFG
Jörg Buschbeck - Global Change 2009 e.V.

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