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11.04.2016

16:47 Uhr

Fragile Weltwirtschaft

Die Gefahr der negativen Zinsen

Laurence Fink, CEO des Vermögensverwalters BlackRock, warnt vor den Folgen der Negativzinsen. „Die Schritte bestrafen die Sparer weltweit erheblich und schaffen Anreize, auf Renditejagd zu gehen.“

Die Staaten rund um den Globus verlassen sich zu sehr auf die außerordentlichen geldpolitischen Maßnahmen der Zentralbanken, statt wegweisende Entscheidungen zu treffen und in Infrastruktur zu investieren, kristisiert Laurence Fink, CEO von BlackRock Inc. AFP; Files; Francois Guillot

Laurence Fink

Die Staaten rund um den Globus verlassen sich zu sehr auf die außerordentlichen geldpolitischen Maßnahmen der Zentralbanken, statt wegweisende Entscheidungen zu treffen und in Infrastruktur zu investieren, kristisiert Laurence Fink, CEO von BlackRock Inc.

SeattleNegative Zinsen sind nach Einschätzung von Laurence D. Fink „besonders beunruhigend“ und potenziell kontraproduktiv, da soziale und politische Risiken zu dem beitragen, was er als die fragilste Weltwirtschaft seit rund einem Jahrzehnt bezeichnet.

Die Staaten rund um den Globus verlassen sich zu sehr auf die außerordentlichen geldpolitischen Maßnahmen der Zentralbanken, statt wegweisende Entscheidungen zu treffen und in Infrastruktur zu investieren, um das langfristige Wachstum zu stärken, wie der CEO von BlackRock Inc. am Sonntag im jährlichen Aktionärsbrief des weltgrößten Vermögensverwalters schrieb. Das untergrabe die Erträge der Investoren und übe mit Blick auf die Rentenzeit Druck auf die Verbraucher aus, ihre Ausgaben zu kürzen. Letzten Endes könne dies das Wachstum beeinträchtigen, das die Zentralbanken anzukurbeln versuchen.

Reaktionen auf die EZB-Entscheidung

Jan Bottermann, Chefökonom der Essener National-Bank

„Die EZB hat heute abermals ein umfangreiches Maßnahmenbündel auf den Weg gebracht und setzt ihren immer expansiveren Kurs fort. So wurden die Zinssätze zurückgenommen und die QE-Maßnahmen ausgeweitet. Wir gehen davon aus, dass eine Abkehr von diesem Pfad - zumindest bis auf weiteres - nicht in Sicht ist.“

 

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank

„Doktor Draghi hat die Dosis deutlich erhöht. Wie von uns befürchtet, hat er die Geldpolitik der EZB leider deutlicher gelockert als die meisten erwartet hatten. Diese Geldpolitik wird kaum in der Realwirtschaft ankommen. Denn die Nebenwirkungen sind massiv. Das Produktivitätswachstum lässt nach, weil auch unrentable Investitionen wegen der niedrigen Zinsen attraktiv erscheinen. Es steigt das Risiko, dass es in Deutschland am Immobilienmarkt zu Überhitzungen kommt. Außerdem wird der Anreiz für Euro-Länder gesenkt, notwendige Reformen durchzusetzen. Alles in allem verschlechtert diese lockere Geldpolitik langfristig die Rahmenbedingungen für die Unternehmen, so dass sie sich heute schon zurückhalten. Die Medizin wird nicht wirken, auch wenn man die Dosis erhöht.“

Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

„Die EZB-Entscheidung bedeutet eine überraschend massive Ausweitung der Geldpolitik. Sie unterstreicht jedoch auch die Sorge der EZB über die schwächer werdende europäische Wirtschaft.“

Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer Bankenverband

„Es ist vollkommen unnötig, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Geldhahn heute noch weiter aufgedreht hat. Die Notenbank überzeichnet die Deflationsrisiken. Der Geldmarkt im Euro-Raum ist durch die EZB-Politik faktisch stillgelegt. Wirtschaftsreformen sowie die Sanierung von Bankbilanzen werden verschleppt. Doch auf all diesen Feldern hat die EZB heute noch einmal eine Schippe draufgelegt.“

Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank

„Mit ihren heute verkündeten Maßnahmen ist die EZB ihrem monetären Kurs extrem treu geblieben. Allerdings zeugt das große Bündel an Maßnahmen von einer enormen Nervosität seitens der obersten Währungshüter. Denn auch sie müssen sich eingestehen, dass ihre Geldpolitik bislang die Wirkung verfehlt hat. Die Bilanz ist ernüchternd: So ist es der EZB nicht einmal gelungen, die am leichtesten von ihr zu beeinflussenden Indikatoren in die gewünschte Richtung zu drehen.“

Liane Buchholz, VÖB-Hauptgeschäftsführerin

„Die EZB beschleunigt ihre geldpolitische Irrfahrt. Die heutige Zinsentscheidung der EZB verstärkt den Abwärtsstrudel für die Sparer. Langfristige Altersvorsorgekonzepte werden ebenso entwertet wie zinsabhängige Institute in risikoreichere Geschäfte gedrängt werden. Es ist absolut unnötig, die deutsche Kreditwirtschaft zu einer umfangreicheren Kreditvergabe zu nötigen.“

Isabel Schnabel, Wirtschaftsweise

„Es handelt sich um eine weitere massive geldpolitische Lockerung. Angesichts der bisherigen Erfahrungen mit QE (geldpolitische Lockerung) halte ich es für unwahrscheinlich, dass die Ausweitung der Anleihekäufe die Inflation nachhaltig erhöhen wird. Der Markt für Unternehmensanleihen ist in Europa zu klein, als dass sich aus deren Einbeziehung ein großer Effekt ergeben dürfte. Gleichzeitig setzt die weitere Senkung der Einlagenzinsen die Erträge der Banken noch stärker unter Druck. 

Ich halte Instrumente wie die langfristigen Kreditlinien (TLTROs), die direkt an der Kreditvergabe ansetzen, für sinnvoller als den weiteren Ankauf von Anleihen. Allerdings hängt auch hier die Wirksamkeit davon ab, ob es überhaupt eine Kreditnachfrage gibt, die zu befriedigen ist.“

Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft

„Die EZB hat sich noch tiefer in die Sackgasse manövriert. Mit größter Sorge sieht die Versicherungswirtschaft, dass die Notenbank ihre schon extrem expansive Geldpolitik noch weiter signifikant gelockert hat. Denn immer mehr Anzeichen deuten darauf hin, dass diese monetären Anreize ihr Ziel nicht erreichen. Besonders deutlich wurde das seit Jahresbeginn auf den Aktienmärkten oder beim Euro-Wechselkurs, wo Verluste beziehungsweise eine Aufwertung im krassen Gegensatz zur Haltung der Geldpolitik standen.

Schlimmer noch: Mittlerweile ist sogar zu befürchten, dass diese unorthodoxe Geldpolitik das Gegenteil von dem bewirkt, was eigentlich beabsichtigt ist - nämlich mehr Wachstum und eine höhere Inflation. Die Notenbank läuft daher zunehmend Gefahr, von den Risiken und Nebenwirkungen ihres Tuns eingeholt zu werden. Wir appellieren erneut nachdrücklich an EZB-Präsident Mario Draghi, die geldpolitische Strategie im Euro-Währungsgebiet im Interesse von Wirtschaft und Haushalten neu zu denken.“

„Die Schritte bestrafen die Sparer weltweit erheblich und schaffen Anreize, auf Renditejagd zu gehen, was Investoren in weniger liquide Anlagen und höhere Risikoklassen treibt, mit potenziell gefährlichen finanziellen und wirtschaftlichen Konsequenzen“, schrieb Fink. Dies und andere Einflüsse, darunter geopolitische Instabilität, würden ein „Ausmaß an Fragilität in der Weltwirtschaft schaffen, das wir seit dem Vorfeld der Finanzkrise nicht mehr gesehen haben“.

Gleichwohl sagte Fink keine Katastrophe voraus. Eine anhaltende wirtschaftliche Erholung sei immer noch sehr wahrscheinlich, angesichts der Anzeichen eines nachhaltigen, wenn auch bescheidenen Wachstums in den USA und Europa, so Fink. Nur wenn dies einbreche, gebe es das Risiko „tiefgreifender und weitreichender Folgen“.

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