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27.05.2014

12:34 Uhr

Fünf Milliarden Euro

Milliarden-Umsatzausfall durch Ukraine-Krise

Der Ukraine-Russland-Konflikt drückt auf die an sich gute Stimmung bei den Unternehmen. Gerade die Exporteure werden vorsichtiger. Die Wirtschaft ist aber in einer guten Verfassung. Der DIHK warnt vor Selbstgefälligkeit.

Ein Stopp beim Export: Die Ausfuhren nach Russland und die Ukraine werden wegen der Krise schrumpfen, was Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft hat. dpa

Ein Stopp beim Export: Die Ausfuhren nach Russland und die Ukraine werden wegen der Krise schrumpfen, was Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft hat.

BerlinDie Ukraine-Krise mit Exportausfällen nach Russland kostet die deutsche Wirtschaft nach DIHK-Schätzung mindestens fünf Milliarden Euro an Umsatz. Die Ausfuhren nach Russland und in die Ukraine würden geschätzt um jeweils zehn Prozent schrumpfen, sagte der Geschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Martin Wansleben, am Dienstag in Berlin. Diesen Dämpfer dürfte Export-Vizeweltmeister Deutschland bei Gesamtausfuhren von gut einer Billion Euro aber leicht wegstecken.

Die Unsicherheit über die Entwicklung in der Ukraine und mögliche harte Wirtschaftssanktionen gegen Moskau spiegelt sich auch in den eingetrübten Exporterwartungen von mehr als 24 000 Unternehmen wider, die vom DIHK zu ihrer Geschäftslage befragt wurden. So senkte der Spitzenverband seine Prognose für das diesjährige Exportwachstum – auch wegen des starken Euro – von 4,5 auf 4,0 Prozent.

Insgesamt ist die deutsche Wirtschaft laut DIHK-Umfrage aber in einer guten Verfassung. Die Unternehmen investieren kräftig, die Inlandsnachfrage stützt immer mehr den Aufschwung, weil Bürger dank sicherer Jobs und Lohnzuwächsen mehr Geld ausgeben. Bemerkenswert gut sei die Lage in der Bauwirtschaft. Sie profitiere von den historisch niedrigen Zinsen und dem Trend zum „Betongold“. „Neben den privaten Haushalten wollen auch die Wirtschaft und die öffentliche Hand mehr bauen“, sagte Wansleben.

Folgen der Ukraine-Krise für die deutsche Wirtschaft

Wie wichtig ist Russland für die deutsche Wirtschaft?

6000 deutsche Unternehmen sind vor Ort tätig. Jahrelang war Russland der am schnellsten wachsende Markt für die hiesigen Exporteure. Damit war es aber schon vor dem Krim-Streit vorbei: Exporte und Importe zusammen brachen 2013 um gut fünf Prozent auf 76,5 Milliarden Euro ein. Damit verlor Russland seinen Status als wichtigster Handelspartner der deutschen Wirtschaft in Osteuropa an Polen. Der Handel mit dem Nachbarn zog um 4,3 Prozent auf 78 Milliarden Euro an. „Die realwirtschaftlichen Folgen für uns halten sich in Grenzen“, sagt deshalb Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Für uns ist die Entwicklung in China ungleich wichtiger als das, was in Russland passiert.“ Nach Angaben aus deutschen Regierungskreisen liegt der Anteil der Exporte nach Russland am gesamten Ausfuhrvolumen bei 3,3 Prozent.

Allerdings: Deutschland bezieht knapp 40 Prozent seiner Gasimporte aus Russland. Kommt es zu Lieferausfällen, bekommt dies die deutsche Wirtschaft zu spüren. Auch bei Ölimporten verlässt sich Deutschland zu mehr als einem Drittel auf Russland. Die Gasspeicher im Land seien gut gefüllt, versucht das Bundeswirtschaftsministerium zu beruhigen. Sie seien so groß wie nur in wenigen anderen Ländern. Es gebe zudem keine Anzeichen für irgendwelche Lieferbeschränkungen.

Bezogen auf einzelne Branchen spielt der russische Markt vor allem für den hiesigen Maschinen- und Anlagenbau eine wichtige Rolle. Auch deutsche Autos und Chemie-Produkte stehen bei russischen Kunden ganz oben auf der Hitliste. Rund 300.000 deutsche Arbeitsplätze sind vom Handel mit Russland abhängig, rechnet der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft vor. Russland wiederum exportiert nach Deutschland vor allem Rohstoffe und petrochemische Produkte.

Und für Europa?

Russland gehört zu den größten Erdgas- und Erdölproduzenten der Welt. „Wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland träfen damit auch die EU sowie über höhere Energiepreise die gesamte Weltwirtschaft“, sagt Analyst Daniel Lenz von der DZ Bank. „Für die sich gerade erholende Weltwirtschaft und vor allem die EU-Wirtschaft wären steigende Energiepreise oder sogar eine Versorgungsknappheit ein Risikofaktor.“ Commerzbank-Chefökonom Krämer glaubt aber nicht, dass die Erholung in der Euro-Zone in Gefahr ist. „Da muss schon einiges passieren, um die doch recht robuste Erholung in der Euro-Zone ins Wanken zu bringen“, sagt er. „Ich glaube nicht, dass der Konflikt in der Ukraine ausreicht. Hinzu kommt: Russland hat zwar schön häufiger das Völkerrecht gebrochen, hält sich aber an privatwirtschaftliche Verträge.“

Macht sich die deutsche Wirtschaft trotzdem Sorgen?

Ja. Allein in der Ukraine sind mehr als 2000 deutsche Unternehmen tätig. „Die deutsche Wirtschaft arbeitet bisher zwar ohne große Unterbrechungen, macht sich aber große Sorgen um die Stabilität des Landes“, sagt der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Volker Treier. Sollte sich die Lage indes zuspitzen, seien Produktionsausfälle unvermeidlich. „Ganze Wertschöpfungsketten wären betroffen, die Wirtschaften der Nachbarländer Polen, Ungarn und Rumänien würden es als erste spüren“, warnt Treier. Die Bundesregierung gibt sich dagegen noch relativ gelassen. „Es besteht kein Anlass zur Sorge“, sagt eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums.

Kann sich die russische Wirtschaft einen Streit mit dem Westen wirtschaftlich leisten?

Nein, sagt der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft. „80 Prozent der russischen Exporte sind Rohstoff-basiert“, betont dessen Geschäftsführer Rainer Lindner. „Damit kann man noch keine moderne Gesellschaft entwickeln.“ Russland müsse seine Wirtschaft modernisieren, um weniger abhängig von Rohstoffen zu werden. „Ohne Technologiepartner wie Deutschland wird es dass nicht schaffen“, sagt Lindner. Und auch an der Energiefront bezweifeln viele Experten, dass es sich Russland leisten kann, den Gashahn zuzudrehen – zumal der Gaspreis an den Weltmärkten wegen Überangebots seit längerem sinkt.

Der DIHK erwartet, dass das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 2,0 Prozent wächst. „Dieses Tempo wird 2015 schwierig zu halten sein“, meinte aber Wansleben, der das Milliarden-Rentenpaket der großen Koalition als einen wesentlichen Störfaktor kritisierte. Die abschlagsfreie Rente mit 63 verschärfe den Fachkräftemangel. Mindestlohn und Frühverrentung verteuerten die Arbeitskosten. Union und SPD seien selbstgefällig: „Wir ham's, also leisten wir's uns“, sagte Wansleben.

Die Arbeitslosigkeit soll 2014 im Jahresschnitt auf 2,87 Millionen nach 2,95 Millionen im Vorjahr zurückgehen. Die Zahl der Erwerbstätigen könnte um 300 000 zunehmen. Der Zuwachs sei in einem Aufschwung-Jahr jedoch vergleichsweise schwach: „Da die Lohnsteigerungen zuletzt oberhalb der Produktivitätszuwächse lagen, verwundert diese Entwicklung nicht“, sagte Wansleben.

Von

dpa

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