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11.09.2012

10:48 Uhr

Gastkommentar

Das Rad nicht zurückdrehen

VonOliver Fabel

Die deutschsprachige Betriebswirtschaftslehre hat in den vergangenen Jahren massive Fortschritte gemacht, schreibt der Wiener BWL-Professor Olivier Fabel. Die Kritik am Handelsblatt-Ranking weist er entschieden zurück.

Vorlesung in einem Hörsaal der Ruhr-Universität in Bochum. dpa

Vorlesung in einem Hörsaal der Ruhr-Universität in Bochum.

WienOhne Zweifel hat sich die deutschsprachige BWL seit dem Erscheinen des ersten Forschungs-Ranking 2009 weiter verändert. Die Zahl internationaler wissenschaftlicher Veröffentlichungen aus dem deutschen Sprachraum nimmt stetig zu. Zugenommen hat auch die aktive internationale Konferenzpräsenz. Deutlich häufiger erscheinen Arbeiten in begutachteten Qualitätszeitschriften. Gleichzeitig sind Begutachtungsverfahren endgültig zum Standard für hier erscheinenden Zeitschriften geworden; Journale, die solche Verfahren bereits etablierten, bemühen sich sehr um Aufnahme in die international gängigen Forschungsindizes. All dies lässt sich ebenso wenig bestreiten, wie die Tatsache, dass insbesondere der wissenschaftliche Nachwuchs diese neuen Möglichkeiten umfassend nutzt. Viel zu lang ist seine Leistung für die Universität auf die Fähigkeit reduziert worden, ständig wachsende, nur teilweise wissenschaftlich interessierte Studierendenmassen und die damit zusammenhängenden Organisationsaufgaben zu beherrschen.

Betriebswirte bekämpfen Forschungsranking: „Deutschland sucht den Super-Prof“

Betriebswirte bekämpfen Forschungsranking

„Deutschland sucht den Super-Prof“

Mit seinem neuen BWL-Ranking sorgte das Handelsblatt für Wirbel: Über 300 Wissenschaftler wollten die Veröffentlichung der Ergebnisse verhindern. Die Folge: Eine Debatte über Transparenz und Bedeutung von Forschung.

Der eigene originäre Beitrag fiel kaum ins Gewicht;  Kreativität und wissenschaftliche Exzellenz anzustreben, schien für die eigene berufliche Entwicklung nicht einmal besonders förderlich. Dies hat sich nun grundlegend verändert. Ranking-Punkte werden vielerorts herangezogen, um die ohne Zweifel weiterhin bestimmende inhaltliche Beurteilung von Qualifizierungsarbeiten und Forschungsarbeiten facheinschlägiger Kandidat(innen) auf Professuren zu ergänzen. Der wissenschaftliche Nachwuchs der Betriebswirtschaftslehre hat Anschluss gefunden an die Exzellenzzentren unserer Universitäten. 

Es wäre natürlich vermessen, diese Veränderungen allein auf das einmalige bzw. das nun wiederholte Erscheinen des Handelsblatt-Rankings zurückführen zu wollen. Vielmehr hat dieses Ranking wohl nur eine ebenso viel zu lang schon bestehende Lücke gefüllt und damit die bereits existierende Entwicklung zu einer sich am professionellen Ideenwettbewerb orientierenden Universitätswissenschaft weiter gestärkt. Damit ist untrennbar verbunden, dass sich die Forschung auch der Beurteilung durch die Wissenschaftsgemeinschaft unterstellt.

Der gegenwärtige zum Teil heftige Streit über Bedeutung und Wirkung des Rankings ist gleichsam Beleg für diese Entwicklung als auch dafür, dass die Diskussion noch Längst nicht abgeschlossen ist. Vielfach wird dabei kritisiert, dass dieser erste Versuch Vergleichbarkeit herzustellen von einer Wirtschaftszeitung unternommen wird, der eigene Verwertungsinteressen zugesprochen werden müssen.

Diese Kritik verstellt jedoch den Blick darauf, dass sich die organisierte Profession in dieser Hinsicht bis heute selbst blockiert. Der Einwand, man könne sich nicht anmaßen, die Forschungsleistung von Kolleg(inn)en zu beurteilen, verschleiert dabei nur die tatsächlichen Interessen. Tatsächlich fällen Kolleg(inn)en nämlich solche Urteile regelmäßig, z. B. in Berufungskommissionen. Sie tun dies eben nur nicht öffentlich.   Zeitung und Journalist reagieren so schließlich nur auf den berechtigten Wunsch der Öffentlichkeit besser über den Verbleib der in die Wissenschaft investierten Mittel informiert zu werden.        

Mit der Bedeutung, die das Handelsblatt-Ranking aufgrund dieser Verweigerung der Profession erworben hat, muss die ständige Reflexion der eingesetzten Bewertungskriterien einhergehen. Für die nun erste Wiederholung des Rankings war vor allem wichtig, Vergleichbarkeit mit dem ersten, 2009 erschienenen, sicher zu stellen. Deshalb wurden die Gewichtungen der Publikationen nicht verändert. 2009 wurde ein weiterer Meta-Index zur Gewichtung der Publikationen zur Diskussion gestellt wurde, der mit Hilfe eines recht aufwendigen Imputations-Algorithmus erstellt war.

Dieser Index wurde jedoch verworfen, da die Positionierung einzelner, manchmal dann als „exotisch“ bezeichneten, Journals als nicht transparent genug galt. Inzwischen ist in entsprechend testenden Veröffentlichungen gezeigt worden, dass alle in Frage kommenden Gewichtungen hoch korrelierte Ranking-Ergebnisse erzeugen, weil sie sich in der Beurteilung der Top-Publikationen kaum unterscheiden und solche immer noch einen sehr kleinen Teil der insgesamt erfassten Veröffentlichungen darstellen. Zurzeit muss offen bleiben, ob in einer Zukunft, in der sich letzteres dann ebenfalls geändert hat, die indirekte Gewichtung von Publikationen mittels Zeitschriften-„Impacts“ überhaupt noch notwendig sein wird; Internet Suchmaschinen ermöglichen es hier zunehmend, direkt auf Zitationen abzustellen.

Kommentare (2)

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beberspaecher

11.09.2012, 14:06 Uhr

Ein exzellenter und ausgewogener Kommentar, der die derzeitige Diskussion und die Sichtweise vieler Wissenschaftler auf den Punkt bringt!!!

KBR

11.09.2012, 17:18 Uhr

Statistischer Fehlschluss
Zwei Anmerkungen zu den vorgebrachten Argumenten:
Erstens beruht der Kommentar auf einer einseitigen Darstellung von Sachargumenten (z.B. bewusste Unterdrückung von Literatur, die aufzeigt dass die Korrelationen zwischen methodisch verschiedenen Rankingansätzen eher gering sind).
Zweitens schreibt Herr Fabel:
„Darüber hinaus rekrutieren sich die „Boykotteure“ bis auf ganz wenige Ausnahmen aus dem Kreis derjenigen, die ohnehin in keiner der „Top“-Listen genannt worden wären. (…)Der Blick auf einige „Homepages“ von Unterzeichner(innen) des Aufrufs zeigt z. B. schnell, dass man sich schlicht selbst aussuchen möchte, welche Zeitschriftengewichtungen, wenn überhaupt, angewandt werden.“
Hier ist festzuhalten, dass 11% der befragten BWLer aus dem Ranking ausgestiegen sind. Aussteiger sind überdurchschnittlich oft ältere Professoren (siehe Recherchen auf dem Handelsblatt-Blog). Grund: diese Personen müssen mit keinen Nachteilen bei Berufungsverfahren rechnen. Zudem wissen wir, dass Rankingaussteiger ca. 6-7% aller Top-Listen ausmachen. Ohne den Fakt, dass Aussteiger eine demographisch nicht repräsentative Gruppe der Grundgesamtheit darstellen, könnte man zur Schlussfolgerung kommen: Ranking-Aussteiger rekrutieren sich aus Verlierern. Mit dem Fakt, dass Aussteiger eine demographisch nicht repräsentative Gruppe gemessen an der Grundgesamtheit darstellen, ist diese Schlussfolgerung allerdings nicht zulässig. Es scheint nämlich zwei Tendenzen zu geben: Rankingaussteiger sind entweder ältere Professoren mit einer unter-durchschnittlichen Anzahl an Zeitschriftenartikeln in „Top-Journals“ (u.a. weil sie evtl. mehr Bücher schreiben) oder sehr junge Professoren mit einer über-durchschnittlichen Anzahl an Zeitschriftenartikeln in „Top-Journals“. Letzter Fakt wird im Beitrag unterschlagen.

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