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24.09.2011

10:02 Uhr

Gastkommentar

Stoppt die Kernschmelze im System!

VonNouriel Roubini

Nouriel Roubini hat mit seinem Pessimismus oft richtig gelegen. Jetzt warnt er eindringlich vor einer zweiten Depression. - und erklärt in acht Punkten, wie das Abgleiten in eine schwere globale Krise zu verhindern ist.

Nouriel Roubini warnt vor einer weltweiten Kernschmelze im Finanzsystem. Reuters

Nouriel Roubini warnt vor einer weltweiten Kernschmelze im Finanzsystem.

Die jüngsten Wirtschaftsdaten deuten auf eine Rückkehr der Rezession in den meisten hochentwickelten Volkswirtschaften hin. Die Finanzmärkte stehen unter einem Stress, wie wir ihn seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers nicht mehr erlebt haben. Es besteht die akute Gefahr einer noch schlimmeren Wirtschafts- und Finanzkrise als 2008/09, die nicht mehr nur den Privatsektor betrifft, sondern auch Staaten. Was kann getan werden?

Zur Vermeidung eines fiskalpolitischen Desasters sind Sparmaßnahmen nötig, die aber das Wachstum dämpfen. Wenn also Staaten in der Peripherie der Euro-Zone zu Sparprogrammen gezwungen sind, sollten Länder, denen kurzfristige Stimulierungsmaßnahmen möglich sind, diese ergreifen. Zu diesen Ländern zählen die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Deutschland, der Kern der Euro-Zone und Japan.

Zweitens: Während Geldpolitik wenig ausrichtet, wenn es um exzessive Schulden und Insolvenz geht, kann eine Kreditlockerung durchaus hilfreich sein. Die Europäische Zentralbank sollte ihre fehlerhafte Entscheidung einer Zinserhöhung zurücknehmen. Eine weitere geld- und kreditpolitische Lockerung ist auch für die US-Notenbank Federal Reserve notwendig, für die Bank of Japan, die Bank of England sowie die Schweizer Nationalbank. Inflation wird bald die letzte Sorge sein.

Drittens sollten unterkapitalisierte Banken der Euro-Zone durch ein EU-weites Programm gestärkt werden. Um eine zusätzliche Kreditklemme zu verhindern, empfiehlt es sich, hinsichtlich der Kapital- und Liquiditätsanforderungen kurzfristig Nachsicht zu üben.

Viertens ist eine umfangreiche Ausstattung mit Liquidität für Staaten notwendig, um einen sprunghaften Anstieg der Risikoaufschläge sowie den Verlust des Marktzugangs zu verhindern. Trotz politischer Reformen dauert es seine Zeit, bis die Staaten ihre Glaubwürdigkeit wieder erlangen. Bis dahin verlangen die Märkte weiterhin hohe Risikoaufschläge, wodurch eine sich selbst begründende Krise wahrscheinlich wird.

Spanien und Italien laufen momentan Gefahr, den Marktzugang zu verlieren. Die offiziellen Ressourcen müssen verdreifacht werden, durch einen erweiterten Europäischen Stabilitätsmechanismus (EFSF), Euro-Bonds oder massive Interventionen der EZB, um einen desaströsen Run auf diese Staaten zu verhindern.

Kommentare (13)

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Mazi

24.09.2011, 10:58 Uhr

M.E. ist das Problem ganz erheblich darin begründet, dass kein Sanktionsmechanismus installiert ist.

Gäbe es z.B. eine Erfolgsbeteiligung seitens der Verantwortlichen, würde manche Entscheidung anders ausfallen. Es liegt möglicherweise daran, dass mit fremdem Geld anders als mit eigenem Geld umgegangen wird.

Würden beispielsweise Diäten und Pensionsansprüche der verantwortlichen Politiker sofort mit ihrem Barwert ausgezahlt und beispielsweise zwangsweise in Griechenanleihen investiert, würden die Entscheidungen kompetenter ausfallen. Da es hier aber um das Geld anderer geht, sieht das aus Sicht der Politiker anders aus.

Da dieser Vorschlag keinerlei Aussicht auf Gehör haben wird, steht dem Steuerzahler nur die nächste Wahl als Druckmittel zur Verfügung. Danach sollte ernsthaft nochmals über die "erworbenen" Anwartschaften nachgedacht und gesetzlich reguliert werden.

Aber welche Partei sollte derartiges auf die Tagesordnung bringen? Wenn man den Gedanken menschlich und konstruktiv sehen will, dann sind nur Abgeordnete prädestiniert, die selbst noch keine Ansprüche erworben haben.

Denkt man an die Berliner Wahlen und den Erfolg der PIRATEN-Partei, dann könnten sich hier Möglichkeiten eröffnen. Auch aus Sicht dieser Partei könnte dieses Thema stimmenfangtechnisch sehr vielversprechend sein.

Account gelöscht!

24.09.2011, 11:00 Uhr

Schön, dass die angeblichen Fachleute jetzt schon mal zugeben, dass wir überhaupt ein tiefgreifendes Problem mit Euroland haben. Weiter so! Die Rezepte muten dagegen - wie auch hier - wie aus der Mottenkiste der Marktwirtschaft an. Deutschland möge als leistungsstarkes Land die Euro-Konjuktur ankurbeln. Ne, klar, wie haben ja auch nur 2 Billionen Euro Schulden - also schnell zum letzten Waltzer noch mal auf dicke Hose machen und noch 500 Mrd. Euro draufsatteln. Hat ja seit 2008 so klasse geklappt. Dann sielen wir endlich auch in einer Liga mit Italien und Griechenland - der vereinigten Schuldenunion Europas. Toll!

Joachim

24.09.2011, 11:02 Uhr

Alles nix neues, Mr. Roubini ! Alle Länder, auch vermeintlich wirtschaftlich starke, wie Deutschland, U.S.A und GB sind überschuldet und können sich keine weiteren Konjunkturprogramme leisten. Die Kernschmelze ist spätestens seit Oktober 2008 offensichtlich. Wir sind alle darauf vorbereitet und positioniert. Die Menschheit wird auch das überleben und gestärkt daraus hervorgehen.

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