Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.12.2014

17:10 Uhr

Geheime Maulwurfjagd

Undichte Stelle bei US-Fed brachte Händlern profitable Tipps

Bei der Federal Reserve fingen die Alarmglocken an zu läuten: Innerste Geheimnisse der US- Notenbank waren an die Wall Street durchgesickert. Eine Jagd nach dem Maulwurf begann – Komplett im Verborgenen.

Eine undichte Stelle bei der US-Notenbank brachte Händlern lukrative Tipps. Das es einen Maulwurf gab, die interne Suche nach ihm und das Ergebnis dieser Suche blieben bislang jedoch komplett geheim. dpa

Eine undichte Stelle bei der US-Notenbank brachte Händlern lukrative Tipps. Das es einen Maulwurf gab, die interne Suche nach ihm und das Ergebnis dieser Suche blieben bislang jedoch komplett geheim.

WashingtonDas Papier löste eine Jagd nach dem Maulwurf aus, die bis in die höchsten Ränge der Notenbank ging: Im September 2012 waren vertrauliche Überlegungen des Offenmarktausschusses (FOMC), die ein Handeln der Federal Reserve im Dezember signalisierten, in ein Analysepapier gelangt, das unter Händlern kursierte.

Die Geschichte über die durchgesickerten Informationen aus dem FOMC zeigt, wie weit Außenstehende gehen, um an Interna der Fed zu gelangen und wie wertvoll ein derartiger Zugang sein kann. Die Fed hat weder die Untersuchung noch ihre Ergebnisse bekannt gegeben.

Öffentliche Erklärungen von Fed-Repräsentanten bewegen in der Regel die Märkte, und die Notenbanker wandeln bei der Erörterung von Informationen auf einem schmalen Grad. Sie dürfen ihre eigene Ansicht bekunden, es ist ihnen aber untersagt, nicht-öfffentliche Informationen über FOMC-Entscheidungen preiszugeben.

Das Sitzungsprotokoll des Offenmarktausschusses, ein 12- Mitglieder umfassende Gremium zur Festlegung der Geldpolitik, ist so sensibel, dass ein versehentliches Durchsickern im April 2013 für Aufregung sorgte. In jüngster Zeit konzentrierte sich das Problem von undichten Stellen bei der US-Notenbank auf die Federal Reserve Bank of New York, wo ein Mitarbeiter vertrauliche Informationen an einen Banker von Goldman Sachs gab.

Die Analyse zur FOMC-Sitzung vom September 2012 kam von Medley Global Advisors. Medley wurde 1997 von Richard Medley, dem früheren politischen Chef-Strategen von George Soros gegründet. Firmen wie Medley versuchen Informationen und Einblicke in die Politik zu erhaschen und damit Hedgefonds und andere Kunden zu bedienen.

Medley brachte den FOMC-Bericht am 3. Oktober 2012 heraus, einen Tag bevor die Fed das Sitzungsprotokoll veröffentlichte. Wer den Medley-Bericht kannte, hätte sich positionieren, um von einem Kursrückgang bei US-Treasuries zu profitieren, der nach der offiziellen Verlautbarung der Fed erfolgte.

Die Geschichte der Federal Reserve

1791-1811

Der US-Kongress richtet mit der First Bank of the United States eine zentrale Bank ein. Ihr Hauptsitz ist Philadelphia. Ihr 20-jähriger Konzessionsvertrag läuft aus, ohne verlängert zu werden.

1816-1836

Die Second Bank of the United States wird als weiterer Versuch einer Zentralbank gegründet. Auch deren Charta läuft nach 20 Jahren aus, die Bank löst sich unter politischer Kontroverse langsam auf.

1836-1863

Ära des „Free Banking“: Banken existieren nur auf Ebene der Bundesstaaten. Sie tauschen Geld gegen Hartwährung wie Gold oder Silber ein.

1863-1913

Der „National Banking Act“ ermöglicht die Gründung Tausender landesweiter Banken, welche die von der US-Regierung gedruckte Währung ausgeben.

1907

Börsenspekulationen in New York treten einen landesweiten Ansturm auf die Banken los. Angesichts der Finanzpanik erweist es sich als Problem, dass die USA der einzige größere Staat ohne Zentralbank sind.

1912

Die Nationale Geldkommission empfiehlt Reformen für das Banken- und Währungssystem.

23. Dezember 1913

US-Präsident Woodrow Wilson unterschreibt den Federal Reserve Act. Damit wird ein Zentralbanken-System eingerichtet, zu dem zwölf regionale Banken gehören. Sie sollen unter anderem den Einfluss der Wall Street auf die Finanzen abschwächen.

1933-1942

In der Talsohle der Großen Depression werden einige Gesetzesänderungen eingeführt, darunter die Einrichtung des Offenmarktausschusses, der die Geldpolitik der Fed steuert.

1951

Ein Abkommen von US-Finanzministerium und Fed stellt die Rollenverteilung zwischen beiden klar: Die Fed fungiert als unabhängige Kontrollinstanz über die Geldpolitik, während das Finanzministerium für die Staatsfinanzen zuständig ist.

1971

Der US-Kongress verabschiedet eine Reihe von Reformen, die der Fed ein Doppelmandat auferlegen: Damit ist sie für stabile Preise zuständig, aber auch dafür, für größtmögliche Beschäftigung am Arbeitsmarkt zu sorgen.

1979-87

Fed-Chef Paul Volcker bekämpft die galoppierende „Stagflation“ – eine gefährliche Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation und Inflation – mit Zinserhöhungen und schürt damit die Rezession 1982-83. Dafür bleiben die Preise in den darauffolgenden Jahren relativ stabil.

1987-2006

Fed-Chef Alan Greenspan führt die Praxis ein, nach Sitzungen Auskunft über die Notenbank-Politik zu geben. Seine Worte werden an der Wall Street auf mögliche Hinweise auf künftige Zinshöhen genau analysiert. Greenspan, am Ende dienstältester Fed-Chef, manövriert seine Bank, die Nation und die Weltwirtschaft 1987 durch den Börsen-Crash und 1997-98 durch die asiatische Finanzkrise.

Nach 2008

In der schlimmsten Finanzkrise nach dem Zweiten Weltkrieg gerät Greenspan in die Kritik. Er habe die Zinsen nach dem 11. September 2001 zu lange zu niedrig gehalten und damit die Preisblase am Immobilienmarkt begünstigt, deren Platzen die Krise auslöste. Zudem wird ihm vorgeworfen, er habe die Risikobereitschaft der Banken angesichts fauler Hypothekenkredite nicht genug im Blick gehabt.

31. Januar 2013

Fed-Präsident Ben Bernanke stemmt sich mit ultralockerer Geldpolitik gegen schwächelnde Konjunktur und anhaltend hohe Arbeitslosigkeit. Der Leitzins bleibt – wie seit Dezember 2008 – nahe Null. Zudem wird angekündigt, Monat für Monat Anleihen im Volumen von 85 Milliarden US-Dollar aufzukaufen. Ende Dezember verkündet Bernanke den allmählichen Einstieg in den Ausstieg aus diesem Programm.

1. Februar 2014

Sofern vom US-Senat bestätigt, wird die bisherige Vize-Chefin Janet Yellen zur Fed-Präsidentin ernannt und damit nach 14 männlichen Vorgängern die erste Frau im Amt.

Medley gehört zur FT Group, einer Tochtergesellschaft der Pearson Plc. Weder Medley noch ihren Mitarbeitern ist ein Fehlverhalten vorgeworfen worden. Die Fed sei nicht an die Gesellschaft herangetreten, sagt Dan Bogler, Präsident von Medley Global Advisors. Der Bericht vom 3. Oktober ist von Regina Schleiger verfasst worden, einer früheren Finanzjournalistin, die nun ein Senior Managing Director bei Medley ist.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

02.12.2014, 17:50 Uhr

Da war weder etwas undicht noch geschah es unabsichtlich - jedenfalls bei den Beteiligten.

Der Informationsaustausch vor der offiziellen "forward guidance" der Fed - womit er teilweise offiziell wurde -, war durchaus beabsichtigt, geplant und auch Teil des Systems von Cronies unter führenden Leuten bei Fed, Treasury und (Investment-) Banken.

Sonst hätte sich die ausweitende Entwicklung bei den Bewertungen an den Märkten für alle möglichen Assets nicht betreiben lassen.

Die Devise ist lange bekannt: pumpt alles voll - dann schwimmt alles oben.
Man vergaß hinzuzufügen: sofern es schwimmen kann.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×