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08.10.2013

10:18 Uhr

Geldentwertung

Inflation frisst Lohnerhöhungen auf

Die Angestellten in Deutschland haben etwas mehr Geld, mehr leisten können sie sich nicht. Denn die Inflation hat die steigenden Löhne der vergangenen Monate pulverisiert. Zudem halten sich Unternehmen mit Boni zurück

Blick ins Leere: Die Reallöhne sind im zweiten Quartal nicht gestiegen. dpa

Blick ins Leere: Die Reallöhne sind im zweiten Quartal nicht gestiegen.

Die Kaufkraft der deutschen Arbeitnehmer stagniert. Die Bruttomonatsverdienste einschließlich Sonderzahlungen stiegen von April bis Juni zwar um 1,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Allerdings erhöhten sich die Verbraucherpreise in diesem Zeitraum genauso stark, so dass die Lohnerhöhungen von der Inflation komplett aufgezehrt wurden. Im ersten Quartal waren die Reallöhne mit 0,1 Prozent sogar erstmals seit Ende 2009 wieder geschrumpft, weil die Preise schneller stiegen als die Löhne.

Den vergleichsweise geringen Lohnanstieg im Frühjahr führten die Statistiker auf niedrigere Sonderzahlungen zurück. Die Unternehmen dürften wegen der schwächelnden Konjunktur zurückhaltend mit Prämien und Boni gewesen sein.

Die größten Inflationsrisiken für Deutschland

Lohn-Preis-Spirale

Wegen der guten Konjunktur haben die Gewerkschaften kräftige Lohnerhöhungen durchgesetzt: Die Chemie-Beschäftigten bekommen 4,5 Prozent, die Metaller 4,3 Prozent mehr Geld, mit einer Laufzeit von rund einem Jahr. Die Beschäftigten bei Bund und Kommunen handelten ein Plus von 6,3 Prozent für zwei Jahre aus. Unternehmen und Staat werden versuchen, die höheren Personalkosten aufzufangen, indem sie ihre Preise beziehungsweise Gebühren und Abgaben anheben. Verteuert sich die Lebenshaltung dadurch merklich, werden die Gewerkschaften in der nächsten Lohnrunde einen Ausgleich verlangen. Es droht eine Spirale, bei der sich Löhne und Preise gegenseitig nach oben schaukeln.

Lockere EZB-Geldpolitik

Bei ersten Anzeichen für eine Lohn-Preis-Spirale müsste die EZB ihre Zinsen anheben. Mit teurerem Geld kann sie Konsum und Investitionen drosseln, was die Nachfrage und damit den Preisauftrieb dämpfen könnte. Aus Rücksicht auf die schwere Wirtschaftskrise in Ländern wie Spanien wird die Zentralbank ihren Leitzins aber wohl noch längere Zeit auf dem Rekordtief von einem Prozent lassen - oder sogar weiter senken. Die extrem niedrigen Zinsen aber können den Konsum im prosperierenden Deutschland weiter befeuern und die Preise anheizen.

Schwacher Euro

Wegen der eskalierenden Schuldenkrise steht der Euro unter Abwertungsdruck. Mit rund 1,25 Dollar ist er so billig wie seit Sommer 2010 nicht mehr. Das Problem: Deutschland als rohstoffarmes Land muss Öl, Metalle und andere Materialien im Ausland kaufen. Auf dem Weltmärkten werden die Rohstoffe überwiegend in Dollar abgerechnet. Ein schwächerer Euro macht damit deutsche Importe teurer.

Enorme Liquidität

Zusätzliche Gefahren gehen von der Politik der Europäischen Zentralbank aus, den Finanzhäusern billiges Geld in Hülle und Fülle zur Verfügung zu stellen. Allein Ende 2011 und Anfang 2012 hat sie mehr als eine Billion Euro zum Zins von aktuell einem Prozent für drei Jahre in den Finanzsektor gepumpt. Zieht die Kreditvergabe an die Unternehmen erst einmal an, kann das viele Geld schnell in Inflation münden.

Ein vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer verdiente im zweiten Quartal ohne Sonderzahlungen durchschnittlich 3447 Euro brutto im Monat. Am meisten verdienten Vollzeitbeschäftigte bei Banken und Versicherungen (4535 Euro), in der Energieversorgung (4522 Euro) sowie im Bereich Information und Kommunikation (4485 Euro). Das wenigste Geld bekamen Beschäftigte im Gastgewerbe mit 2013 Euro.

Die Bruttomonatsverdienste der geringfügig Beschäftigten stiegen mit 5,7 Prozent besonders deutlich, nachdem die Verdienstgrenze seit Jahresbeginn von 400 auf 450 Euro angehoben wurde. Die Löhne der Vollzeitbeschäftigten kletterten dagegen nur um 1,2 Prozent, die der Teilzeitbeschäftigten um 2,6 Prozent.

Von

rtr

Kommentare (33)

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Rechner

08.10.2013, 11:05 Uhr

'hagadi' meint
------------------
Kein Witz!
Das ist die pure Realität.

Inflation 30% allein in diesem Jahr bei Butter...von €0,99 bis momentan € 1,29 für 250 Gramm
------------------

Was heißt denn da "allein in diesem Jahr bei Butter"?

Sind die Preise anderswo noch schneller gestiegen?

...

Ich hohl mir jetzt 'ne Ente für 2,91/kg (Das sind Vorkriegspreise!) bei einem bekannten Discounter (Kommentare sind keine Werbeflächen...).

Fett abgießen und 50:50 mit Schweineschmalz mischen - ergibt einen köstlichen Brotaufstrich.

...

Die Inflationsjammerer kaufen offensichtlich immer nur in einem einzigen Geschäft.

Selbst schuld.

Republikaner

08.10.2013, 11:21 Uhr

@Rechner: sind Sie ganz sicher, daß Sie für € 2,91/kg wirklich eine Ente bekommen, oder einen geklonten Chemiecocktail, aus einer chinesischen Nahrungsmittelfabrik. Ich würde so etwas mit bloßen Händen nicht anfassen.
Gestern war der Preis für eine 1/4 Ente mit Knödel und Blaukraut in der Gaststtäte meiner Ortschaft bei € 19,90 - letztes Jahr € 12,90. Für kleine Einkommen nicht mehr erschwinglich. Inflation? Geldentwertung? Ich sehe nur eines: die Leute können sich weniger leisten und die Lösung bei einem Discounter minderwertige Waren zu kaufen, ist nur für kurze Dauer eine Lösung

Account gelöscht!

08.10.2013, 11:24 Uhr

@ Rechner

Natürlich kann man den Rentnern auch vorrechnen dass die ausreichend Zeit haben Kartoffeln im Schrebergarten anzubauen. Und Zeit jedes Sonderangebot im Umkreis auszunutzen. Spazieren gehen soll im Alter ja sehr gesund sein.

Es ändert nur nichts daran dass Bäckereien inzwischen 4€ für 750g Brot verlangen. Und man auf das Aldi-Sortiment angewiesen wenn man diese Preise nicht bezahlen will.

Oder eben wieder selber backen wie früher. Ich erinnere mich noch an den Backtag alle 14 Tage und an die Brotlaibe die dann in der Speisekammer ins Gestell kamen.

Vielleicht wollen wir ja wieder in diese Zeiten zurück.

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