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07.04.2011

21:36 Uhr

Geldpolitik

Experten erwarten bis Ende 2011 Zinssprung auf 1,75 Prozent

Inflationsgefahren schlagen die Sorge um die Schuldenstaaten: Die EZB hebt ihren Leitzins wieder an - und erntet dafür nicht nur Lob. Volkswirte rechnen mit weiteren Zinserhöhungen bis Ende des Jahres.

EZB-Präsident Jean-Claude-Trichet: Die Notenbank erhöht den Leitzins. Quelle: Reuters

EZB-Präsident Jean-Claude-Trichet: Die Notenbank erhöht den Leitzins.

FrankfurtTrotz der ausufernden Schuldenkrise in Europa hat die EZB die zinspolitische Wende eingeleitet. Unter dem Vorsitz von Präsident Jean-Claude Trichet beschloss der EZB-Rat am Donnerstag die erste geldpolitische Straffung seit Ausbruch der Welt-Finanzkrise im Jahr 2008. Mit der erwarteten Erhöhung um 0,25 Prozent ist der seit Mai 2009 geltende rekordniedrige Schlüsselzins von 1,0 Prozent Vergangenheit. An den Märkten wird damit gerechnet, dass die Hüter des Euro bald nachlegen und den Zielsatz für Zentralbankgeld bis Ende des Jahres auf 1,75 Prozent treiben werden.

Gut die Hälfte der 62 von Reuters befragten Volkswirte sagen eine weitere Erhöhung des Schlüsselzinses für Juli voraus, wie aus der am Donnerstag veröffentlichten Umfrage hervorgeht. Dann wird der Leitzins auf 1,50 Prozent steigen. Am Ende des Jahres dürfte nach Ansicht der Fachleute ein Zinsniveau von 1,75 Prozent erreicht sein.

Trichet gab diesen Spekulationen auf der Pressekonferenz nach dem Zinsentscheid weitere Nahrung. Er betonte, dass die Notenbank die aufwärts gerichteten Inflationsrisiken "sehr genau verfolgen" werde. "Wir werden in Zukunft weiterhin das tun, was angemessen ist, um die Preisstabilität mittelfristig zu gewährleisten", sage Trichet. Einen Automatismus hin zu weiteren Anhebungen bedeutet das aber nicht. „Wir haben heute nicht entschieden, dass dies der Beginn einer Serie von Zinserhöhungen war“, sagte der Franzose am Donnerstag in Frankfurt. Gleichzeitig machte er deutlich, dass der Aufschwung von höheren Zinsen nicht abgewürgt werde. „Die Geldpolitik ist noch immer konjunkturstimulierend“, sagte Trichet.

Am Devisenmarkt hat die erste Zinserhöhung der EZB seit knapp drei Jahren keine Euphorie ausgelöst. Der Euro notierte am Donnerstag mit 1,4305 Dollar unter seinem am Vortag erreichten 14-Monats-Hoch von 1,4350 Dollar. Die Zinserhöhung selbst sei keine Überraschung mehr gewesen, sagte HSBC-Trinkaus-Volkswirt Rainer Sartoris. Seit EZB-Chef Jean-Claude Trichet Anfang März die Euro-Anleger auf die Zinserhöhung vorbereitet hatte, hat die Gemeinschaftswährung um mehr als vier US-Cent zugelegt. Im Ergebnis
habe die EZB die Märkte nun weder enttäuscht noch die Zinsfantasien deutlich nach oben geschraubt, urteilte Sartoris.

Dass die EZB zunächst keine weiteren Zinsschritte angekündigt habe, hätten wohl einige am Markt mit Enttäuschung aufgenommen, sagte Ulrich Leuchtmann, Leiter der Devisenabteilung bei der Commerzbank. Dies sei der Grund für den zwischenzeitlich etwas stärker gesunkenen Euro. „Trichet hat sich nicht gerade als Falke gezeigt.“ Als Falken werden Geldpolitiker bezeichnet, die sich im Zweifelsfall für Zinsanhebungen aussprechen. Natürlich wisse aber jeder, dass die heutige Maßnahme der EZB den Beginn einer Zinserhöhungsserie markiere, sagte Leuchtmann.

Lob von der Wirtschaft, Tadel von der Gewerkschaft: Die erste EZB-Zinserhöhung seit fast zwei Jahren stößt in Deutschland auf ein geteiltes Echo. „Angesichts des Inflationsdrucks ist die heutige Zinsentscheidung der EZB nachvollziehbar“, sagte der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Hans Heinrich Driftmann. „Sie trägt zur Stabilisierung der Preise bei und erhöht damit auch die Planungssicherheit für Unternehmen.“   

Auch die Bankenverbände begrüßten den neuen Kurs in der Geldpolitik, obwohl sich damit für private Banken, Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken die Refinanzierung verteuert. „Die Zinserhöhung ist ein klares Signal, dass die EZB möglichen Inflationsgefahren entschlossen entgegentritt“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes BdB, Michael Kemmer. Auch das kräftige Wachstum in Deutschland rechtfertige diesen Schritt. „Leitzinsen auf Rezessionsniveau sind dafür nicht mehr passend“, sagte Kemmer.

Scharfe Kritik kam dagegen vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). „Mit der Erhöhung des Leitzinssatzes befindet sich die EZB erneut auf einem geldpolitischen Holzweg“, sagte Bundesvorstand Claus Matecki. Sie betreibe eine „Kollektivbestrafung von kompletten europäischen Gesellschaften, um die Inflation zu bekämpfen“. Das belaste Wachstum, Beschäftigung und Staatsfinanzen, was weitere Ausgabenkürzungen in den Euro-Krisenländer nach sich ziehe. „Auch in Deutschland wird die Zinslast auf öffentliche Haushalte steigen“, sagte Matecki. „Die zusätzlichen Steuereinnahmen durch das robuste Wachstum werden dann statt für Investitionen und Bereitstellung öffentlicher Dienstleistungen für Zinsen aufgebraucht.“ 

Kommentare (8)

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Sklaventreiber

07.04.2011, 14:11 Uhr

Lächerlich !!!!!
Opium für das tumbe Volk......
Die Inflation geht munter weiter.
Und die dummen Menschen zahlen die Zeche !
Zumal unser ganzes Finanzsystem eh verlogen ist. Geld kreieren aus dem Nichts - und dafür noch Zinsen kassieren.
Dieses "Geld" hat nur solange Wert, wie die schlafende Schafherde noch daran glaubt.
Sie wird demnächst aufgeweckt werden - wenn es gelanterweise so richtig kracht !
Dann wird das Gejammer groß. Geld weg, Zukunftsabsicherung weg, Schulden weiter da.
Willkommen ihr SKLAVEN !!!

Exitus

07.04.2011, 14:23 Uhr

Etwas martialisch im Ausdruck, aber inhaltlich zutreffend. Das Fractional Reserve Banking ist am Ende, aber das Kartell der Banksters erpresst uns Bürger munter weiter bis zum Exitus des Systems. Und unsere "Volksvertreter" kapieren nix. Fragen Sie mal Ihren Lieblingsabgeordneten nach Geldschöpfung und Fractional Reserve! Die kapieren die Grundlagen des Systems nicht.

commonman

07.04.2011, 14:56 Uhr

dann
wird es ja zeit für eine kräftige erhöhung der dispokreditzinsen

> http://commonman.de/wp/?page_id=1736

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