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04.04.2016

15:23 Uhr

Geldpolitik

EZB-Chefökonom verteidigt Senkung der Leitzinsen

Um die Konjunktur anzuheizen hat die Europäische Zentralbank vor wenigen Wochen unkonventionelle geldpolitische Schritte eingeleitet. Chefvolkswirt Peter Praet verteidigt die Maßnahmen für mehr Inflation.

Peter Praet ist Chefvolkswirt bei der Europäischen Zentralbank. „Indem wir jetzt entschlossen handeln um unser Ziel zu verteidigen, können wir noch schwerere volkswirtschaftliche Ungleichgewichte abwehren“, sagt er. AFP; Files; Francois Guillot

Peter Praet

Peter Praet ist Chefvolkswirt bei der Europäischen Zentralbank. „Indem wir jetzt entschlossen handeln um unser Ziel zu verteidigen, können wir noch schwerere volkswirtschaftliche Ungleichgewichte abwehren“, sagt er.

FrankfurtEZB-Chefvolkswirt Peter Praet hat den Einsatz unkonventioneller geldpolitischer Schritte zur Anheizung der Konjunktur und für mehr Inflation verteidigt. Die lange Zeit niedriger Inflation habe die Gefahr verstärkt, dass das Inflationsziel ständig verfehlt werde, „was sehr schädlich für die Wirtschaft wäre“, sagte Praet am Montag in einer Rede an einer Privathochschule in Rom.

„Deshalb haben wir so stark reagiert, um unser Ziel zu sichern – und wir werden das künftig auch weiterhin tun, falls notwendig.“

Reaktionen auf die EZB-Entscheidung

Jan Bottermann, Chefökonom der Essener National-Bank

„Die EZB hat heute abermals ein umfangreiches Maßnahmenbündel auf den Weg gebracht und setzt ihren immer expansiveren Kurs fort. So wurden die Zinssätze zurückgenommen und die QE-Maßnahmen ausgeweitet. Wir gehen davon aus, dass eine Abkehr von diesem Pfad - zumindest bis auf weiteres - nicht in Sicht ist.“

 

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank

„Doktor Draghi hat die Dosis deutlich erhöht. Wie von uns befürchtet, hat er die Geldpolitik der EZB leider deutlicher gelockert als die meisten erwartet hatten. Diese Geldpolitik wird kaum in der Realwirtschaft ankommen. Denn die Nebenwirkungen sind massiv. Das Produktivitätswachstum lässt nach, weil auch unrentable Investitionen wegen der niedrigen Zinsen attraktiv erscheinen. Es steigt das Risiko, dass es in Deutschland am Immobilienmarkt zu Überhitzungen kommt. Außerdem wird der Anreiz für Euro-Länder gesenkt, notwendige Reformen durchzusetzen. Alles in allem verschlechtert diese lockere Geldpolitik langfristig die Rahmenbedingungen für die Unternehmen, so dass sie sich heute schon zurückhalten. Die Medizin wird nicht wirken, auch wenn man die Dosis erhöht.“

Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

„Die EZB-Entscheidung bedeutet eine überraschend massive Ausweitung der Geldpolitik. Sie unterstreicht jedoch auch die Sorge der EZB über die schwächer werdende europäische Wirtschaft.“

Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer Bankenverband

„Es ist vollkommen unnötig, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Geldhahn heute noch weiter aufgedreht hat. Die Notenbank überzeichnet die Deflationsrisiken. Der Geldmarkt im Euro-Raum ist durch die EZB-Politik faktisch stillgelegt. Wirtschaftsreformen sowie die Sanierung von Bankbilanzen werden verschleppt. Doch auf all diesen Feldern hat die EZB heute noch einmal eine Schippe draufgelegt.“

Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank

„Mit ihren heute verkündeten Maßnahmen ist die EZB ihrem monetären Kurs extrem treu geblieben. Allerdings zeugt das große Bündel an Maßnahmen von einer enormen Nervosität seitens der obersten Währungshüter. Denn auch sie müssen sich eingestehen, dass ihre Geldpolitik bislang die Wirkung verfehlt hat. Die Bilanz ist ernüchternd: So ist es der EZB nicht einmal gelungen, die am leichtesten von ihr zu beeinflussenden Indikatoren in die gewünschte Richtung zu drehen.“

Liane Buchholz, VÖB-Hauptgeschäftsführerin

„Die EZB beschleunigt ihre geldpolitische Irrfahrt. Die heutige Zinsentscheidung der EZB verstärkt den Abwärtsstrudel für die Sparer. Langfristige Altersvorsorgekonzepte werden ebenso entwertet wie zinsabhängige Institute in risikoreichere Geschäfte gedrängt werden. Es ist absolut unnötig, die deutsche Kreditwirtschaft zu einer umfangreicheren Kreditvergabe zu nötigen.“

Isabel Schnabel, Wirtschaftsweise

„Es handelt sich um eine weitere massive geldpolitische Lockerung. Angesichts der bisherigen Erfahrungen mit QE (geldpolitische Lockerung) halte ich es für unwahrscheinlich, dass die Ausweitung der Anleihekäufe die Inflation nachhaltig erhöhen wird. Der Markt für Unternehmensanleihen ist in Europa zu klein, als dass sich aus deren Einbeziehung ein großer Effekt ergeben dürfte. Gleichzeitig setzt die weitere Senkung der Einlagenzinsen die Erträge der Banken noch stärker unter Druck. 

Ich halte Instrumente wie die langfristigen Kreditlinien (TLTROs), die direkt an der Kreditvergabe ansetzen, für sinnvoller als den weiteren Ankauf von Anleihen. Allerdings hängt auch hier die Wirksamkeit davon ab, ob es überhaupt eine Kreditnachfrage gibt, die zu befriedigen ist.“

Alexander Erdland, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft

„Die EZB hat sich noch tiefer in die Sackgasse manövriert. Mit größter Sorge sieht die Versicherungswirtschaft, dass die Notenbank ihre schon extrem expansive Geldpolitik noch weiter signifikant gelockert hat. Denn immer mehr Anzeichen deuten darauf hin, dass diese monetären Anreize ihr Ziel nicht erreichen. Besonders deutlich wurde das seit Jahresbeginn auf den Aktienmärkten oder beim Euro-Wechselkurs, wo Verluste beziehungsweise eine Aufwertung im krassen Gegensatz zur Haltung der Geldpolitik standen.

Schlimmer noch: Mittlerweile ist sogar zu befürchten, dass diese unorthodoxe Geldpolitik das Gegenteil von dem bewirkt, was eigentlich beabsichtigt ist - nämlich mehr Wachstum und eine höhere Inflation. Die Notenbank läuft daher zunehmend Gefahr, von den Risiken und Nebenwirkungen ihres Tuns eingeholt zu werden. Wir appellieren erneut nachdrücklich an EZB-Präsident Mario Draghi, die geldpolitische Strategie im Euro-Währungsgebiet im Interesse von Wirtschaft und Haushalten neu zu denken.“

Sobald Zentralbanken Inflationserwartungen wegdriften ließen und nicht gegensteuerten, gebe es keine Garantie, dass diese sich auf einem anderen wünschenswerten Niveau einpendeln, sagte Praet. „Bis dahin hätten die niedrige Inflation und das schleppende Wachstum zusammen einen noch tieferen Rückgang bewirkt“, warnte er. „Indem wir jetzt entschlossen handeln um unser Ziel zu verteidigen, können wir noch schwerere volkswirtschaftliche Ungleichgewichte abwehren.“

Die Währungshüter hatten vor wenigen Wochen ein großes Maßnahmenbündel beschlossen. Die EZB senkte unter anderem alle drei Leitzinsen. Der Schlüsselsatz zur Versorgung der Banken mit Zentralbankgeld liegt nun erstmals bei 0,0 Prozent.

Von

rtr

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