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17.11.2016

12:55 Uhr

Geldpolitik

EZB-Direktor sieht Zinswende näher kommen

Noch sei es zwar zu früh, über ein Ende der lockeren Geldpolitik zu sprechen, so EZB-Direktor Yves Mersch. Doch der Zeitpunkt rücke näher, an dem über eine Änderung der Strategie gesprochen werden könne.

Der Luxemburger ist Mitglied des EZB-Direktoriums. AFP; Files; Francois Guillot

Yves Mersch

Der Luxemburger ist Mitglied des EZB-Direktoriums.

FrankfurtDie Europäische Zentralbank steuert laut EZB-Direktor Yves Mersch langsam auf eine Abkehr von ihrer ultra-lockeren Geldpolitik zu. „Wir sind wahrscheinlich nicht mehr weit von dem Zeitpunkt entfernt, an dem wir eine solche Aussage machen können“, sagte Mersch am Donnerstag in Frankfurt.

Auf der nächsten Ratssitzung der Notenbank werde besprochen, ob ein langsames Zurückfahren der vor allem in Deutschland umstrittenen Anleihenkäufe angebracht sei. Im Augenblick sei dies aber aus seiner Sicht „in Anbetracht der Fragilität des europäischen Wachstumspfades noch leicht verfrüht“. Man könne sehr großen Schaden anrichten, wenn man zu rasch zu stark reagiere.

Der Werkzeugkasten der EZB

Leitzins

Das wichtigste Instrument ist der Leitzins, also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können, um es dann zum Beispiel als Kredit an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Im August 2016 liegt der EZB-Zins bei historisch niedrigen 0,0 Prozent. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln.

Einlagezins

In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der EZB Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Zentralbank parken. Im Juni 2014 senkten die Währungshüter den Zins unter die Nullgrenze. Aktuell müssen die Kreditinstitute einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro und ein Abbau der Einlagen der Banken bei der EZB.

Geldspritzen

Ende 2011/Anfang 2012 unterstützte die EZB Banken mit Notkrediten (LTRO) im Volumen von einer Billion Euro. Die Kredite wurden zu Mini-Zinsen und für drei Jahre gewährt. 2014 folgten weitere Notkredite, allerdings diesmal in deutlich geringerem Umfang.

Kauf von Kreditpaketen

Seit Herbst 2014 kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und gebündelte Kreditverbriefungen (ABS). Das soll Geschäftsbanken Freiräume zur Vergabe von Krediten verschaffen.

Staatsanleihen Käufe

Im Mai 2010 begann die EZB erstmals mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das „Securities Markets Programme“ (SMP) sollte den Anstieg der Renditen von Anleihen angeschlagener Euro-Länder bremsen. Bis Anfang 2012 kaufte die EZB Staatspapiere für rund 220 Milliarden Euro, zumeist italienische Anleihen. Im September 2012 ersetzte das Programm „Outright Monetary Transactions“ (OMT) diese Maßnahme: Die EZB erklärt sich dabei bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Gekauft wurde in diesem Rahmen bisher keine Anleihe.

Quantitative Lockerung

Für die sogenannte Quantitative Lockerung druckt sich die Zentralbank quasi selbst Geld und kauft damit in großem Stil Anleihen - Staatsanleihen und andere Papiere wie Unternehmensanleihen. Das tut die EZB seit März 2015. Bis mindestens Ende März 2017 wollen die Währungshüter auf diese Weise 1,74 Billionen Euro in den Markt pumpen. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die anhaltend niedrige Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent befördern.

Zuletzt hat der Druck auf die Notenbank etwas nachgelassen, immer größere Geschütze aufzufahren, um für mehr Inflation im Währungsraum zu sorgen. Die EZB hält die Leitzinsen seit längerem auf einem Rekordtief von null Prozent. Zudem erwirbt sie seit März 2015 Staatsanleihen der Euro-Länder. Das Kaufprogramm ist auf 1,74 Billionen Euro angelegt und soll noch bis mindestens Ende März 2017 laufen. Zuletzt nahm die Teuerung dank im Jahresvergleich wieder steigender Ölpreise leicht zu. Waren und Dienstleistungen kosteten im Oktober durchschnittlich 0,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Noch im September waren es nur 0,4 Prozent. Die EZB strebt aber eine Inflationsrate von knapp zwei Prozent als optimalen Wert für die Wirtschaft an.

„Wie Sie gesehen haben, hat sich auch die amerikanische Zentralbank sehr behutsam an eine Normalisierung herangetastet“, erläuterte Mersch. Die EZB werde dies ebenfalls mit der gebotenen Behutsamkeit tun. „Und deshalb möchte ich keine exzessiven Erwartungen schüren in Anbetracht unserer nächsten Sitzung.“ Der EZB-Rat trifft sich am 8. Dezember zu seiner letzten geldpolitische Tagung in diesem Jahr. Die Diskussion über die Programme könne sich aber auch über mehrere Sitzungen erstrecken, so Mersch.

Der Luxemburger betonte zugleich, dass die billionenschweren Anleihenkäufe nicht von Dauer seien. „Sie sind als temporäre Maßnahmen eingesetzt worden und müssen daher so bald wie möglich wieder zurückgefahren werden.“ Angesichts der Volumina werde dafür allerdings einige Zeit erforderlich sein. Die EZB und die nationalen Notenbanken hatten zuletzt pro Monat Wertpapiere im Volumen von 80 Milliarden Euro erworben.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

17.11.2016, 12:39 Uhr

Beim Euro wird es keine Zinswende geben. Dazu sind die Euro Länder zu bankrott und immer noch am Euro gebunden.
In den USA kann die Zinswende bereits nächstes Jahr kommen. Wenn Trump sein Programm durchzieht und die Wirtschaft beleben wird.
Mit den bankrotten Euro Ländern ist dies nicht zu machen und somit wird der Euro zerschlagen werden müssen, wenn man wieder eine vernünftige Wirtschafts- und Finanzpolitik in den europäischen Volkswirtschaften (Nationen) für die Zukunft haben möchte.

Herr Percy Stuart

17.11.2016, 14:50 Uhr

Wenn die Zinsen wirklich steigen sollten, dann um 0,00001 %. An eine nennenswerte Zinserhöhung in den nächsten Jahrzehnten glaube ich nicht mehr, weil die weltweite Verschuldungsspirale sich immer schneller dreht. Jegliche Zinserhöhungen würde in Staatspleiten enden. Ich bin kein „Experte“, aber ich glaube nicht mehr an einen starken Euro und EZB-Zinsanhebungen.

Account gelöscht!

17.11.2016, 15:05 Uhr

@Harald Trautmann
Eine Überschludung kann man jederzeit mit einer Geldentwertung halbieren oder auf Null setzen. Man fängt halt dann wieder von Null an.

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