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07.07.2011

14:07 Uhr

Geldpolitik

EZB hebt Leitzins auf 1,5 Prozent

Die obersten Währungshüter der Euro-Zone setzen ihren Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes fort. Die EZB hob den Leitzins auf 1,5 Prozent an. Spannend ist nun, wie Trichets weiterer Geldpolitik-Kurs aussieht.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. Quelle: Reuters

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet.

Frankfurt/BerlinIm Kampf gegen die Inflation hat die EZB wie erwartet den Leitzins zum zweiten Mal in diesem Jahr erhöht. Wie der Rat der Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag nach seiner Sitzung in Frankfurt mitteilte, steigt der Schlüsselzins für die Euro-Zone von 1,25 auf 1,5 Prozent. Im April hatte sie schon einmal ihren Leitzins angehoben. Mit der strafferen Geldpolitik wollen die Währungshüter die Teuerung im Zaum halten. Die Inflationsrate in der Euro-Zone lag im Mai mit 2,7 Prozent erneut deutlich über der von der EZB angestrebten Marke von knapp unter zwei Prozent.

Erläuterungen zum künftigen Kurs werden von der Pressekonferenz mit EZB-Chef Jean-Claude Trichet erwartet, die um 14.30 Uhr (MESZ) beginnt. Sollte Trichet mit Blick auf die Inflation von „Wachsamkeit“ sprechen, dürfte dies als Signal für eine weitere Zinserhöhung im Herbst verstanden werden. Zudem warten Fachleute gespannt darauf, was Trichet zur Schuldenkrise zu sagen hat.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisierte die erneute Zinsanhebung scharf. „Bereits ohne diesen Zinsschritt befinden sich Länder wie Griechenland und Portugal am ökonomischen, sozialen und politischen Abgrund“, sagte DGB-Bundesvorstand Claus Matecki zu Reuters. Ihre Lage werde sich nun weiter verschärfen. „Angesichts der stagnierenden bis rezessiven Wachstumsperspektiven in den meisten Krisenländern ist die Zinserhöhung grob fahrlässig.“ Matecki sprach von „einer erneuten Kollektivstrafe für die gesamte Euro-Zone“ und fügte hinzu: „Letztlich bittet die EZB Regierungen, Unternehmen, Arbeitnehmer sowie Verbraucher kollektiv zur Kasse für eine Finanzkrise, die sie nicht verursacht haben.“

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) verteidigte dagegen die EZB, die Leitzinsanhebung. „Die Zinserhöhung ist die logische Konsequenz einer Inflationsrate im Euro-Raum von zuletzt 2,7 Prozent“, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. „Damit wird die EZB ihrer Verpflichtung, auf die Preisniveaustabilität zu achten, gerecht.“ Zwar würden damit auch die Finanzierungskosten der Unternehmen steigen. „Eine Beeinträchtigung des Wachstums sehe ich aber nicht, da der Leitzins auf historisch niedrigem Niveau bleibt“, sagte Wansleben.

Wo die Zinsen steigen - und wo nicht

Eurozone

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihren Leitzins bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr auf 1,5 Prozent angehoben. Sie ist damit ihren Kollegen in den anderen großen Industrieländern zwei Schritte voraus: Sowohl in den USA als auch in Japan und Großbritannien wird an der Niedrigzinspolitik bislang festgehalten. Dagegen haben große Schwellenländer wie China wegen wachsender Inflationsgefahren ihre Zinsen kräftig nach oben getrieben.

USA

Seit Dezember 2008 hält die Federal Reserve an ihrer Niedrigzinspolitik fest. Maximal 0,25 Prozent Zinsen müssen Banken zahlen, wenn sie sich bei der mächtigsten Notenbank der Welt Geld leihen. Grund für das Festhalten am billigen Geld ist die wackelige US-Konjunktur, die damit gestützt wird. Die Wirtschaft wachse „frustrierend langsam“, gestand Fed-Chef Ben Bernanke ein. Anders als die EZB hat die Fed nicht nur Preisstabilität im Auge, sondern auch Vollbeschäftigung. Dabei kann billiges Zentralbankgeld helfen. Mit 9,1 Prozent ist die Arbeitslosenquote nach wie vor sehr hoch. Die Rezession hat acht Millionen Jobs vernichtet, von denen nur ein Bruchteil wieder ufgebaut wurde. Experten gehen deshalb davon aus, dass die Fed erst im kommenden Jahr die Zinswende einleiten wird.

Schweiz

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) fährt seit März 2009 eine expansive Geldpolitik und strebt für ihren Zielzins Dreimonats-Libor einen Satz von 0,25 Prozent an. Angesichts einer boomenden Wirtschaft und steigender Hauspreise wäre an sich ein Leitzinserhöhung fällig. Die SNB hat eine Anhebung aber immer wieder verschoben. Sie befürchtet einen weiteren Kursanstieg des Franken, der bereits jetzt das Wachstum der Exporte dämpft. Die Leitzinserhöhung der EZB dürfte den Schweizer Währungshütern aber Spielraum verschaffen und Experten rechnen mit einem ersten Zinsschritt im Dezember. Von der Teuerung her steht die SNB nicht unter Zugzwang: Die Inflationsrate liegt deutlich unter einem Prozent und dürfte im nächsten Jahr nicht wesentlich steigen.

Großbritannien

Die Bank of England wird die Zinswende erst Ende des Jahres einleiten, glaubt man den Prognosen der Analysten. Die Zinsfutures an den Finanzmärkten signalisieren sogar eine noch spätere geldpolitische Straffung - und zwar erst Mitte nächsten Jahres. Die Notenbank beließ ihren Leitzins am Donnerstag wie erwartet auf dem Rekordtief von 0,5 Prozent, obwohl das billige Geld die Teuerung noch anheizen kann. Die Inflationsrate liegt mit 4,5 Prozent um mehr als das Doppelte über dem angestrebten Ziel. Doch wegen der schlappen Konjunktur dürfte die Notenbank ihren Zins vorerst nicht antasten.

Japan

Auch Japan fährt eine Nullzinspolitik. Die Notenbank verlangt einen Zinssatz von Null bis 0,1 Prozent. Ihren Kurs dürfte sie auch in den kommenden Monaten halten: Alle von Reuters befragten Analysten rechnen bis Jahresende mit unveränderten Zinsen. Der Grund liegt auf der Hand: Mit billigem Geld kann die Bank of Japan den Wiederaufbau nach dem Jahrhundertbeben und dem atomaren Super-GAU unterstützen. Auch ohne die Katastrophe - die einen Schaden von geschätzten 200 Milliarden Euro angerichtet hat - hätte sie ihre Politik des billigen Geldes wohl noch lange fortgesetzt. Denn die nach den USA und China drittgrößte Volkswirtschaft der Welt leidet seit längerem unter einer Deflation - also einem Preisrückgang auf breiter Front.

China

Im Kampf gegen die Inflation zieht China die Zügel in der Geldpolitik immer straffer. Die Zentralbank hob erst am Mittwoch ihren Leitzins an - zum fünften Mal seit Oktober. Für Kreditlinien mit einjähriger Laufzeit verlangt sie nun 6,56 Prozent. Die Zentralbank nimmt damit in Kauf, dass sich die inzwischen zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt abkühlt. Noch mehr fürchtet sie allerdings weiter steigende Preise. Mit 5,5 Prozent erreichte die Inflationsrate im Mai den höchsten Stand seit knapp drei Jahren. Vor allem Lebensmittel kosteten deutlich mehr. Der kommunistischen Führung sitzt die Furcht im Nacken, dass dies soziale Unruhen auslösen könnte.

Indien

Im Kampf gegen die hohe Inflation hatte die Notenbank ihren Leitzins seit März 2010 in zehn Schritten angehoben - von 4,75 auf 7,5 Prozent. Bis Jahresende werden weitere Erhöhungen auf dann 8,0 Prozent erwartet. Auch Indien macht die hohe Inflation zu schaffen, die mit teurerem Geld eingedämmt werden soll.

Brasilien

Auch in Brasilien hat die Zinsen kräftig nach oben geschraubt. Allein in diesem Jahr in vier Schritten von 10,75 auf 12,25 Prozent. Bis Jahresende dürfte Experten zufolge noch eine weitere Anhebung folgen. Grund auch hier: die hohe Inflation. Die Inflationsrate lag zuletzt über dem angestrebten Wert von 4,5 Prozent.

Von

rtr

Kommentare (12)

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Wolf54321

07.07.2011, 14:22 Uhr

Notenbanker scheinen immer noch zu glauben, höhere Lei"d"zinsen seien ein effizientes Mittel zur Inflationsbekämpfung.

Habe allerdings nichts anderes erwartet von einem Trichet, der im Sommer 2008 noch die Zinsen erhöhte, als die Finanzkrise schon in voller Fahrt war, und an ihrem Höhepunkt die Zinsen nur kaffeelöffelweise senkte. So wird er auch im Herbst die Zinsen weiter erhöhen, sollte es zwischenzeitlich nicht bereits zu einem Crash gekommen sein.

Account gelöscht!

07.07.2011, 14:26 Uhr

Das Zinsniveau in der Eurozone ist von einer Normalsituation etwa so weit entfernt, wie Eskimos vom Äquator. Die mini Zinsschritte dienen lediglich der Beruhigung der Inflatins-Hysteriker und der vermeintlichen Reputation der EZB als Stabilitätsgral. Im Übrigen gib es kein Zinsniveau, dass der unterschiedlichen Wirtschafts- und Inflationsentwicklung in den Staaten der Eurozone gerecht würde. Selbst Deutschland wäre binnen kürzester Zeit zahlungsunfähig wenn der Kapitalmarktzins dem jahrzehnte langen Durchschnitt entsprechen würde. Die Zinszahlungen für die Staatsverschuldung würden sich in diesem Fall sehr schnell verdoppeln.

Account gelöscht!

07.07.2011, 14:28 Uhr

Bei Ihm ist alles etwas verspätet, dennoch ist die Leitzinserhöhung richtig!

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