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03.03.2011

16:32 Uhr

Geldpolitik-Schwenk

EZB-Präsident Trichet läutet die Zinswende ein

Die steigende Inflation zeigt Wirkung: Die Europäische Zentralbank bereitet die Finanzmärkte nun zunehmend auf eine Zinserhöhung in der Euro-Zone vor. Schon im April könnte die Wende kommen.

EZB-Chef Trichet: Die Zinswende im Blick. Quelle: dapd

EZB-Chef Trichet: Die Zinswende im Blick.

FrankfurtDie Europäische Zentralbank (EZB) steuert überraschend schnell auf ihre erste Zinserhöhung seit dem Sommer 2008 zu. Wegen des erhöhten Teuerungsdrucks sei „beim nächsten Treffen im April eine Zinserhöhung möglich“, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag in Frankfurt. „Möglich ja, aber natürlich nicht sicher.“ Eine Serie von Zinserhöhungen sei jedenfalls nicht zu erwarten, ergänzte er. Die EZB hatte zuletzt gegen den Trend so gut wie aller anderen Zentralbanken mitten in der schwersten Finanzkrise seit Jahrzehnten im Juli 2008 ihren Leitzins auf damals 4,25 Prozent angehoben. Sie hatte den von vielen scharf kritisierten Schritt damals mit steigenden Rohstoffpreisen begründet.

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger hält eine Zinserhöhung schon im Frühling für verfrüht. „Im Augenblick sehe ich dafür keine Notwendigkeit“, sagte Bofinger. „Die EZB sollte mit einer Entscheidung besser bis zum Sommer abwarten und schauen, wie sich die Konjunktur bis dahin entwickelt.“

Der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater, sprach dagegen von einem "richtigen Vorhaben" der EZB. "Einzig eine dramatische Zuspitzung des geopolitischen Risikos im Nahen Osten kann einer Zinserhöhung im April noch in die Quere kommen", sagte Kater Handelsblatt Online. Bei der Euro-Inflationsrate hätten sich in den vergangenen Wochen negative Überraschungen ergeben, die die EZB seit Jahresbeginn thematisiert habe. Zwar teile er die Auffassung, dass die rohstoffpreisbedingten Inflationsanstiege vorübergehend seien und die Kapazitätsauslastung der europäischen Wirtschaft erst im kommenden Jahr wieder voll herstellt sei, trotzdem müsse die Zentralbank jetzt schon beginnen, die Zinsen anzuheben, wenn sie im kommenden Jahr Wirkungen erzielen will. 

Kater nannte noch andere Gründe, aus der "ultra-expansiven Geldpolitik" auszusteigen: zu lange angewendet destabilisiere sie die Bilanzen des Bankensystems und verzerrte Preise an Vermögenswerten, erläuterte der Ökonom. "Das ist die bittere Lehre früherer Finanzkrisen." Zwar könne die EZB offiziell nicht mit diesen Gründen argumentieren, weil sie nicht Bestandteil ihres geldpolitischen Konzepts seien, aber diese müssten angesichts der Erfahrungen mit ähnlichen geldpolitischen Phasen der Vergangenheit die Entscheidungen der EZB beeinflussen, sagte Kater.

"Steigende Inflationsgefahren und eine starke Konjunkturerholung sind daher eher der Anlass für einen Ausstieg aus der ultraleichten Geldpolitik", ist der Dekabank-Ökonom überzeugt. "Eine lockere Geldpolitik ist jedoch auch im kommenden Jahr noch eine Zeitlang angebracht, so dass nach einer gewissen Straffung auf 2 Prozent Refisatz innerhalb des kommenden Jahres der Zinserhöhungskurs erst einmal eine längere Pause einlegen sollte."

Bofinger rechnet nicht mit einer dauerhaft hohen Teuerung im Euro-Raum. „Die aktuelle Preisentwicklung würde ich nicht als Inflation bezeichnen“, sagte das Mitglied des Sachverständigenrates. Die Teuerungsrate sei vor allem durch Sondereffekte wie der Anhebung der Mehrwertsteuer in mehreren Euro-Staaten sowie dem Energiepreisanstieg zurückzuführen, der sich so aber nicht fortsetzen werde. Die Gefahr von Zweitrundeneffekten, bei der sich Löhne und Preise gegenseitig nach oben schaukeln, sei derzeit gering. „Wegen der extrem hohen Arbeitslosigkeit in vielen Euro-Ländern besteht keine Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale“, sagte Bofinger.

Angesichts der nun klar über dem Zielwert der EZB liegenden Inflationsrate sei nun „hohe Wachsamkeit“ angebracht, sagte Trichet im Anschluss an eine reguläre Sitzung des EZB-Rats. Mit diesem Ausdruck hatte er vor Ausbruch der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise stets unmittelbar bevorstehende Zinserhöhungen angekündigt. Dieses Mal beließen die Notenbanker um Trichet ihren Schlüsselzins noch bei einem Prozent. Der EZB-Chef erklärte, er haben namens des EZB-Rats bewusst nicht mehr davon gesprochen, dass der Leitzins angemessen sei. Am Devisenmarkt zog der Kurs des Euro kräftig an.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

03.03.2011, 17:19 Uhr

Was ein Lacher,
früher wurden Zinswenden mit einer Zinserhöhung eingeläutet.
Heute werden sie mit einer Ankündigung einer solchen eingeläutet.
Und Morgen wird eine Wende hin zu Zinserhöhungen wohl mit einer Zinssenkung erfolgen.

Wie krank kann ein System noch sein ?


Aber wie sollte es sonst auch sein,
in Zeiten wo die Amerikaner neuerdings einen US und einen separaten Weltpreis für das Erdöl bilden, braucht man sich keine Gedanken mehr um Währungsverschiebungen zu machen. Dann kannst du mit deine Zinsen machen was du willst, der Weltölpreis (Brentpreis) hat sich von den Zinsen gelöst und steigt auch bei ansteigenden Zinsen (siehe Zinsentwicklung der Schwellenländer).

Vielleicht sollte man einfach mal bei den Amerikanern anfragen, ob man auch von ihrem günstigen Öl was abbekommen darf. Wetten ich kenne die Antwort !

Vandale

03.03.2011, 21:05 Uhr

Herr Bofinger ist Wirtschaftweiser von Gewerkschaftsgnaden. Wenn der DGB beschliessen würde das die Sonne im Westen aufgeht, so würde Herr Bofinger die wirtschaftswissenschaftliche Begründung liefern.
...
Vandale

Petra

04.03.2011, 08:03 Uhr

Die EU-Staaten sind bis über beide Ohren verschuldet und kurz vor der Insolvenz. Teilweise noch schlimmer steht es um die Länder, Städte und Gemeiden. Bis auf Deutschlands Wirtschaft kämpfen die Wirtschaften der EU-Staaten teilweise um das nackte Überleben. Wenn dann noch die Kredite durch höhere Zinsen teurer werden, wird das Geschrei groß sein.
Zinserhöhungen sind demnach ein "Gnadenstoß" um die EU-Staaten in eine Rezession zu stürzen. Da ist eine zeitweise höhere Inflationsrate doch das kleinere Übel, zumal die Staaten sich durch die Inflation sehr einfach entschulden!

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