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11.12.2014

12:27 Uhr

Geldspritze der Zentralbank

Banken wollen EZB-Geld nicht

Die EZB will Geld in den Wirtschaftskreislauf bringen, neue Investitionen sollen die Konjunktur im Euroraum anschieben: Das war das Ziel der zweiten Geldspritze in diesem Jahr. Doch die Banken nutzen das Angebot kaum.

Er hat es momentan nicht leicht: Für seine Anleihenkaufpläne wird EZB-Chef Mario Draghi etwa von Deutschland angegriffen und Maßnahmen wie Töpfe zur langfristige Refinanzierung von Banken greifen nicht. AFP

Er hat es momentan nicht leicht: Für seine Anleihenkaufpläne wird EZB-Chef Mario Draghi etwa von Deutschland angegriffen und Maßnahmen wie Töpfe zur langfristige Refinanzierung von Banken greifen nicht.

FrankfurtDas Interesse der Banken an frischen Milliarden der EZB bleibt verhalten. Wie die Notenbank am Donnerstag in Frankfurt mitteilte, sicherten sich 306 Institute bei der zweiten Geldspritze in diesem Jahr zusammen 129,8 Milliarden Euro an langfristigen Refinanzierungsmitteln. Die Summe lag damit im Rahmen der Erwartungen von Fachleuten von etwa 150 Milliarden Euro und über dem Niveau der ersten Salve Mitte September. Damals hatten 255 Banken zusammen nur rund 83 Milliarden Euro abgerufen. Rechnet man beide Operationen zusammen haben die Institute nun über 200 Milliarden Euro mehr auf ihren Konten - und damit theoretisch auch für Kredite an Firmen übrig.

Allerdings wurde das von der Europäischen Zentralbank (EZB) angepeilte maximale Volumen für dieses Jahr, nämlich 400 Milliarden Euro, klar verfehlt. EZB-Direktor Benoit Coeure erklärte, das Programm, das noch bis Mitte 2016 laufen soll, sei dennoch gut angenommen worden. "Nach den ersten beiden Geschäften können wir klar sehen, dass sich der Zugang der Institute zu langfristig verfügbaren Mitteln verbessert." Zusammen mit den weiteren jüngst beschlossenen Maßnahmen der Notenbank - dem Kauf von Pfandbriefen und Kreditverbriefungen - würden die Bedingungen zur Vergabe von Krediten verbessert.

Die EZB will mit den milliardenschweren Geldspritzen die stockende Wirtschaft in weiten Teilen der Währungsunion in Schwung bringen. Mehr Kredite sind dafür eine Voraussetzung. Die Notenbank hatte schon 2011/12 auf dem Höhepunkt der Euro-Schuldenkrise rund eine Billion Euro in das Bankensystem gepumpt. Einen Großteil dieses Geldes haben die Institute inzwischen aber an die EZB zurückgezahlt.

Die Verlierer des EZB-Krisenkurses

Investoren

Von billigem Geld getriebene Preise für Aktien, Anleihen und Immobilien bergen die Gefahr von Blasen. Davor warnte jüngst zum Beispiel die Deutsche Bundesbank. Das Risiko steigt.

Sparer

Die Inflation ist zwar niedrig, die Zinsen auf Sparbüchern oder Tagesgeldkonten aber sind noch mickriger. Damit verlieren Sparer unter dem Strich Geld, ihre private Altersvorsorge wackelt.

Versicherer und Bausparkassen

Sie können mit den Beiträgen ihrer Kunden kaum auskömmliche Renditen erzielen. Hohe Zinsversprechen aus früheren Zeiten sind im Grunde nicht mehr zu erwirtschaften.

Der Euro reagierte am Donnerstag mit Kursverlusten auf die Daten. Für den Aktienmarkt ging es hingegen nach oben. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank, sprach von einer Enttäuschung. "Die Währungshüter hinken ihrer gewünschten Ausweitung der Notenbankbilanz um eine Billion Euro deutlich hinterher." Damit sei ein großangelegtes Staatsanleihen-Kaufprogramm, für das EZB-Präsident Mario Draghi zuletzt die Tür bereits weit geöffnet hat, wahrscheinlicher geworden, so Gitzel. "Ob dieses aber die erwünschten Erfolge bringt, bleibt fraglich. Die niedrigen Inflationsraten, die schwache Kreditvergabe und das schleppende Wachstum sind nicht auf mangelnde Aktivität der EZB zurückzuführen. Politische Impulse müssen her."

Die Gewinner des EZB-Krisenkurses

Aktionäre

Seit Jahren ist das extrem billige Geld der Notenbanken wichtigster Schmierstoff der Börsen. Im Juni hievte eine EZB-Zinssenkung den Dax erstmals über 10.000 Punkte.

Banken

Für sie ist Zentralbankgeld günstig wie nie. Zudem entlastet die EZB über den Kauf von Kreditpaketen. Das soll Freiräume für neue Kredite schaffen und die Konjunktur ankurbeln.

Bundesfinanzminister

Zeitweise verdiente Deutschland mit der Aufnahme neuer Schulden Geld, weil Investoren negative Zinsen für Staatspapiere in Kauf nahmen. Letztlich profitieren davon auch die Steuerzahler.

Konsum

Auch wegen der mickrigen Sparzinsen sitzt Verbrauchern das Geld locker. Das freut Einzelhändler und hilft der Konjunktur.

Kreditnehmer

Auch wenn Banken die rekordniedrigen Leitzinsen von derzeit 0,05 Prozent nicht 1:1 an Kunden weitergeben – selten war es so günstig, die eigenen vier Wände oder eine neue Fabrikhalle zu finanzieren. Laut FMH-Finanzberatung sank der Effektivzins für Baugeld mit zehnjähriger Laufzeit von rund 4,9 Prozent im November des Krisenjahres 2008 auf rund 1,9 Prozent im November 2014.

Krisenstaaten

Die EZB kauft für sie Zeit, um Reformen umzusetzen.

Wie fragil die Lage ist, zeigten am Donnerstag Nachrichten aus den beiden größten Volkswirtschaft der Währungsunion. In Frankreich fiel die Teuerung ohne Berücksichtigung der schwankungsanfälligen Preise für Nahrungsmittel und Energie unter null. In Deutschland liegt sie auf dem tiefsten Stand seit fast fünf Jahren.

Von

rtr

Kommentare (3)

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Frau Nelly Sachse

11.12.2014, 12:52 Uhr

Das ist ja mal eine gute Nachricht für die deutschen Steuerzahler.

Herr Josef Schmidt

11.12.2014, 13:36 Uhr

Auch mit Nullzins und Billionenkauf von Anleihen wird die EZB die Kreditnachfrage nicht ankurbeln da irgend wann auch der letzte Depp kapiert dass mehr Verschuldung nicht automatisch mehr Vermögen bedeutet.

Irgendwann wird es auch die EZB kapieren.

Herr Tom Schmidt

11.12.2014, 14:32 Uhr

Ach ne! Was für eine Überraschung.

Für eine realwirtschaftlichen Erfolg ist Kredit viel unwichtiger als vernünftige Geschäftsmodelle. Bei einem guten Geschäftsmodell bekommt man auch Geld. Tja, die EZB hat mal wieder gedacht sie würde mit Geld die Wirtschaft generieren. Fehlanzeige!

Es ist aber gut, dass Banken nicht einfach Geld in die Realwirtschaft pumpen, weil es da ist. Die Pleiten wären unausweichlich. Banken SOLLEN Geschäftsmodelle prüfen!


Für die "Finanzindustrie" stellt sich die Situation anders da. Da ist ja "Geld" das "Produkt". Das ist dann beliebig einfach, mit billigem Zentralbankgeld kauft man Staatsanleihen der Krisenländer, die als Sicherheit wieder bei der Zentralbank hinterlegt werden können. Somit wird eine Zentralbankfinanzierung der Staaten gewährleistet und die Banken können ohne Risiko sich beliebig Geld als Gewinn erzeugen (und natürlich Boni). Statt die Wahrheit zu sagen, und diese Schädigung der Allgemeinheit beim Namen zu nennen (wir dürfen auch nicht Geld drucken und zwar aus gutem Grund), wird das als Wirtschaftsleistung verbucht, und jede Stagnation dieses Spiels wird in der Öffentlichkeit als Rezession verkauft mit der Forderung das Spiel weiter zu spielen. Langfristig funktioniert das nicht und alle Beteiligten wissen daas. Aber es will ja niemand den Buhmann spielen und den Stecker ziehen (weil er ja vom Rest als der Schuldige gebrandmarkt würde)

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