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29.06.2015

13:21 Uhr

Geschäftsklima

Deutsche Wirtschaft nimmt Grexit-Gefahr gelassen

Vertreter der deutschen Wirtschaft sehen der gestiegenen Grexit-Gefahr gelassen entgegen. Die DIHK versichert indes, die Geschäftskontakte nach Griechenland nicht abbrechen zu wollen. „Ein Chaos sieht anders aus.“

Mit seinen Einkaufstüten geht ein Mann durch eine deutsche Fußgängerzone: Die deutsche Wirtschaft sieht kein Chaos durch den Grexit. dpa

Deutschlands Wirtschaft sieht Grexit nicht als Bedrohung

Mit seinen Einkaufstüten geht ein Mann durch eine deutsche Fußgängerzone: Die deutsche Wirtschaft sieht kein Chaos durch den Grexit.

BerlinDie deutsche Wirtschaft befürchtet keine Ansteckungsgefahr durch die Turbulenzen in Griechenland. „Der Grexit wäre ein riesiges Problem für die griechische Wirtschaft, die sehr stark von Importen abhängig ist“, sagte der Präsident des Industrieverbandes BDI, Ulrich Grillo, am Montag.

„Für die deutsche Industrie wären die unmittelbaren Folgen eines Austritts der Griechen aus der Währungszone aufgrund des vergleichsweise geringen Handelsvolumens beschränkt.“ Schwer zu kalkulieren seien allerdings die indirekten Folgen – etwa für die anderen Länder der Euro-Zone, die Finanzmärkte und die Konjunkturerwartungen in Europa.

Auch der Exportverband BGA sieht nach dem Scheitern der Schuldengespräche keinen Anlass zu großer Sorge. Die Kursabschläge an der Frankfurter Börse seien eher gering, sagte BGA-Präsident Anton Börner der Nachrichtenagentur Reuters. Er hätte Rückgänge bis zu 15 Prozent erwartet, anstatt des Verlusts beim Dax von rund drei Prozent am Vormittag. „Ein Chaos sieht anders aus.“

Die Schuldenkrise in Griechenland

2010

März 2010: Das Parlament in Athen verabschiedet ein erstes massives Sparprogramm, das unter anderem Steuererhöhungen sowie das Einfrieren der Renten vorsieht. Massenproteste folgen. Die Eurostaaten sagen ein erstes Hilfspaket unter Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu.

April/Mai 2010: Griechenland beantragt offiziell ein Hilfsprogramm. Die Eurogruppe beschließt Notkredite in Höhe von 110 Milliarden Euro und verlangt im Gegenzug einen harten Sparkurs.

Oktober 2011

Ein zweites Rettungspaket wird beschlossen: Griechenlands private Gläubiger sollen freiwillig einem Schuldenschnitt von 50 Prozent zustimmen. Zudem soll es Kredithilfen von 100 Milliarden Euro geben und Garantien von 30 Milliarden Euro, mit denen der Schuldenschnitt begleitet wird.

2012

Februar/März 2012: Das griechische Parlament stimmt einem weiteren Sparpaket zu, das auf Druck der internationalen Geldgeber mehrfach verschärft wird.

November 2012: Athen billigt abermals ein Sparpaket als Voraussetzung für weitere Hilfen. Ein drittes Rettungspaket ist im Gespräch. Die Eurogruppe signalisiert, dass weitere Hilfen möglich sind - aber erst, wenn das laufende Hilfsprogramm erfolgreich beendet wird.

Juli 2013

Und wieder muss Athen neuen Sparmaßnahmen zustimmen. Sie sehen unter anderem die Entlassung von 15 000 Staatsbediensteten vor. Bei weiteren 25 000 Beamten werden die Einkommen gekürzt.

Januar/Februar 2015

Januar 2015: Die Linkspartei Syriza unter Alexis Tsipras gewinnt die Parlamentswahl. Seine Popularität verdankt er der Ablehnung des vereinbarten Sparkurses.

Februar 2015: Die Euro-Finanzminister verlängern das - bereits einmal verlängerte - Hilfsprogramm von Ende Februar bis Ende Juni 2015.

März 2015

Athen legt eine Liste mit Reformen vor, die pro Jahr drei Milliarden Euro einbringen sollen. Es geht vor allem um den Kampf gegen Steuerhinterziehung. Die internationalen Geldgeber halten die Liste für unzureichend und verlangen Nachbesserungen.

Mai 2015

Das Tauziehen um Reformen geht weiter. Die Finanznot in Athen wird immer größer. Die Regierung sucht nach Geld, um Kreditschulden beim Internationalen Währungsfonds bezahlen zu können.

Juni 2015

Der IWF erlaubt Griechenland, insgesamt vier im Juni fällige Kredite erst Ende des Monats zurückzuzahlen. Athen legt neue Reformvorschläge vor, Krisentreffen auf Spitzenebene bleiben aber ergebnislos. Tsipras schlägt überraschend vor, das griechische Volk über die Sparvorschläge der Geldgeber abstimmen zu lassen und wirbt für ein negatives Votum. Die Eurogruppe erklärt die Verhandlungen für gescheitert, das Hilfsprogramm wird nicht verlängert.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) macht sich dafür stark, die Kontakte zu Griechenland nicht abreißen zu lassen. „Im Moment helfen wir aus Deutschland heraus am ehesten, wenn wir versuchen, die Geschäftsbeziehungen zu griechischen Partnern aufrecht zu erhalten und auch weiterhin als Touristen nach Griechenland reisen“, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer.

Für die Menschen und Unternehmen in Griechenland beginne eine noch schwierigere Phase. „Gerade auch die Unternehmen werden unter den Einschränkungen des Kapitalverkehrs leiden“, sagte Schweitzer. „Ein normales wirtschaftliches Leben ist kaum möglich in dieser Phase der absoluten Unsicherheit.“ Eine neue Perspektive für das Land setze voraus, dass die politische Elite Griechenlands die zugeschlagene Tür in Richtung Europa bald wieder öffne.

Auch Ökonomen erwarten trotz der Krise keinen Konjunktureinbruch in der Bundesrepublik. „Das ist wirtschaftlich ein verlorenes Jahr für Griechenland, aber für Deutschland spielt das keine Rolle“, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Nicht einmal ein Prozent der deutschen Exporte gehen dorthin.“

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