Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.04.2012

06:48 Uhr

Geschäftsrisiko Nummer eins

DIHK warnt eindringlich vor zu hohen Benzinpreisen

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) warnt massiv vor Gefahren für die Wirtschaft wegen der hohen Benzinpreise - und fordert die Politik bei einer weiteren Zuspitzung der Lage zum Eingreifen auf.

Am Tanken haben viele Autofahrer längst keine Freude mehr. Die Benzinpreise in Deutschland verharren auf Rekordniveau. dpa

Am Tanken haben viele Autofahrer längst keine Freude mehr. Die Benzinpreise in Deutschland verharren auf Rekordniveau.

Berlin/DüsseldorfDie hohen Benzinpreise gefährden nach Ansicht des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) das Wirtschaftswachstum. „Bei zwei Euro an der Preistafel fängt die Konjunktur an zu knirschen“, sagte DIHK-Präsident Hans-Heinrich Driftmann der „Bild“-Zeitung.

Hohe Anschaffungskosten für Energie und Rohstoffe seien für die Wirtschaft das „Geschäftsrisiko Nummer eins“. Für den Fall, dass die Benzinpreise sich langfristig auf dem hohen Niveau einpendeln, fordert der DIHK-Präsident von der Bundesregierung eine Begrenzung der Energiesteuern, um die Wirtschaft und die Kaufkraft der Verbraucher zu unterstützen.

Was den Benzinpreis treibt

Politische Lage

Als wichtiger Grund für die hohen Benzinpreise in Deutschland gilt unter Experten der Atomstreit mit dem Iran. Die EU hat den Iran mit einem ab Juli geltenden Öl-Embargo belegt, der Iran drohte daraufhin, selbst schon früher Lieferungen einzustellen. „Das ist der Nervositätsfaktor auf den Märkten“, urteilt Kirsten Westphal von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Zwar könnten andere Länder wie Saudi-Arabien
einspringen. Aber auch dann müsste das Öl durch die Wasserstraße von Hormus verschifft werden, die an den Iran grenzt.

Dollarkurs

Rohöl-Käufe werden in Dollar abgewickelt. Letztlich bezahlt werden die Endprodukte in Europa aber mit dem Euro. Daher spielt der Wechselkurs eine wichtige Rolle. Derzeit ist der Euro vergleichsweise schwach. Es müssen also für den Dollar und damit für das Öl vergleichsweise viele Euro hingeblättert werden.

Mineralölkonzerne

Die Konzerne verdienen nach Auskunft ihres Branchenverbandes zwischen einem halben und einem Cent pro Liter. „Und das ändert sich auch in der gegenwärtigen Lage nicht entscheidend“, auch wenn es „mal 1,2 Cent“ pro Liter sein könnten, sagt die Sprecherin des Mineralölwirtschaftsverbandes, Karin Retzlaff. Für die hohen Preise an der Zapfsäule seien vor allem die hohen Rohölpreise verantwortlich, die die Industrie nur an die Verbraucher weitergebe.

Kältewelle

Die jüngste Kältewelle in Europa spielt eine Rolle, meint der Essener Professor für Energiewirtschaft Christoph Weber. Denn Raffinerien können zwischen der Herstellung verschiedener Produkte wechseln, etwa Benzin und Heizöl. Auf diesem Wege könne eine verstärkte Heizöl-Nachfrage zu weniger Angebot beim Benzin führen.

Steuern

Die Hauptsteuer bei den Kraftstoffen ist die Energiesteuer, in der die sogenannte Ökosteuer enthalten ist. Die Energiesteuer ist fix und beträgt für den Liter Benzin 65,45 Cent, für den Liter Diesel 47,04 Cent. Sie wurde nach Angaben des Bundesfinanzministeriums seit 2003 nicht mehr erhöht. Hinzu kommt die 19-prozentige Umsatzsteuer, die auf die jeweiligen Kraftstoffpreise samt Energiesteuer aufgeschlagen wird.

Weltwirtschaft

Auch wenn die Weltwirtschaft nicht floriert: Allein die Aussicht auf mehr Wachstum kann nach Expertenmeinung die Preise treiben. Der Essener Professor Weber meint, dass sich die Ölförderer folgende Frage stellten: „Fördere ich das Öl jetzt oder lasse ich es im Boden, bis die Preise in einigen Jahren noch höher sind?“ Und Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung urteilt: „Aufgrund der kriselnden Wirtschaftslage tendieren Investoren verstärkt dazu, in Rohstoffe wie Öl zu investieren.“

Förderkosten

Höhere Förderkosten bei neuen Vorkommen wie vor der Küste Brasiliens spielen laut Weber ebenfalls eine Rolle. Es koste nun einmal mehr, in tausenden Metern Tiefe im Meer Öl zu gewinnen, als in der saudiarabischen Wüste.

Spekulation

Die meisten Erklärungen für den hohen Rohölpreis führen die Nachfrage der Schwellenländer, die Unsicherheiten rund um den Iran, das Wachstum der Weltwirtschaft und allgemeine Unsicherheiten im Markt an, wie Produktionsstörungen in Nigeria. Nach Angaben des Hamburger Experten Steffen Bukold hat sich aber auch die Spekulation auf den Finanzmärkten messbar verstärkt. Die Notenbanken in Europa, den USA und Japan fluten seit Monaten die Finanzmärkte mit billiger Liquidität, die nach Anlage drängt. Deshalb steigen die Aktienkurse und auch Rohstoffe sind nach einem vorübergehenden Rückgang wieder stärker gefragt. Der weltweit wichtigste Rohstoff ist Rohöl. Der genaue Einfluss der Finanzmärkte auf den Preis lässt sich nicht beziffern; sie verstärken jedoch den Aufwärtstrend nach oben.

Derzeit liegen die Preise für Superbenzin bei deutlich mehr als 1,60 Euro. Teures Tanken dämpft inzwischen zunehmend die Laune der Konsumenten. Das für April errechnete GfK-Konsumklima sank um 0,1 auf 5,9 Punkte und damit erstmals nach sechs Anstiegen in Folge. „Rekordstände für Benzin und Diesel an den Zapfsäulen haben im März in den Köpfen der Konsumenten ihre Spuren hinterlassen“, erklärten die GfK-Marktforscher letzte Woche zu ihrer Umfrage unter rund 2000 Verbrauchern.

Spritpreise auf Rekord-Hoch

Video: Spritpreise auf Rekord-Hoch

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Angesichts der gestiegenen Benzinpreise diskutiert die schwarz-gelbe Koalition derzeit intensiv über mögliche Gegenmaßnahmen. Eine Reihe von FDP-Politikern forderte am Wochenende erneut die Anhebung der Pendlerpauschale, was in der Union skeptisch gesehen wird. Nun aber fordert auch der nordrhein-westfälische CDU-Sozialpolitiker Karl-Josef Laumann eine Heraufsetzung der Pendlerpauschale. Er halte eine Erhöhung von zehn Cent pro Kilometer für „durchaus angemessen“, sagte der Bundesvorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“ (Montagsausgabe). Der Weg zur Arbeitsstätte, um überhaupt arbeiten und Steuern zahlen zu können, werde immer teurer. Deshalb sei es „mehr als recht und billig“, die Fahrtkosten steuerlich geltend machen zu können, fügte der frühere NRW-Arbeitsminister hinzu.

Spritpreis-Rekorde: Bunte Koalition will Autofahrer entlasten

Spritpreis-Rekorde

Bunte Koalition will Autofahrer entlasten

Benzin kostet stellenweise bereits mehr als 1,70 Euro.

Dagegen sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Bärbel Höhn, dem in Berlin erscheinenden „Tagesspiegel“, eine Erhöhung der Pendlerpauschale wäre eine „Subvention der Mineralölkonzerne“. Sie würde dem Verbraucher „gar nichts nützen“, weil die Konzerne den Aufschlag an die Kunden weitergeben würden. Nötig sei vielmehr eine Strategie, die „weg vom Öl“ führe.

Für eine „maßvolle Erhöhung“ der Pendlerpauschale hatte sich am Wochenende Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) ausgesprochen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hatte zuvor Forderungen nach einer Erhöhung der Pendlerpauschale eine Absage erteilt.

Kommentare (34)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

02.04.2012, 06:59 Uhr

Mal andersrum gedacht: steigen die Benzinpreise weiterhin, dann werden immer weniger Deutsche sich das Autofahren leisten können, und damit werden die Strassen leerer und die Staus werden weniger, was dann insgesamt weniger Treibstoffverbrauch bedeutet und weniger Umweltverschmutzung. Vielleicht sogar sind noch höhere Benzinpreise ein Beitrag zur deutschen Volksgesundheit, d.h. es wird nicht für jeden Kleineinkauf das Auto genommen, sondern vermehrt zu Fuß gelaufen oder das Fahrrad aktiviert!
Solange die Deutschen noch zu Millionen wegfahren können in den Osterurlaub, solange ist das Benzin immer noch viel zu billig.
Daß wir die 2,50 Euro pro Liter erreichen ist doch abzusehen, und selbst dann wird gefahren!

neues_aus_waldhagen

02.04.2012, 07:11 Uhr

Was sind denn zu hohe Benzinpreise?
Deutschland tankt, glaubt man den Verlautbarungen, auch Ostern nichtzuletzt für die Rente.
Und dann noch für Dämpfungseffekte auf Konjunkturentwicklungen?

In Schilda hatte man, nachdem man vergessen hatte Fenster ins Rathaus einzubauen, versucht Licht in Säcken ins Rathaus zu tragen.

Dagegen läuft das hierzulande alles natürlich alles vollkommen anders.

burgerevi

02.04.2012, 07:19 Uhr

wenn der sprit teurer wird kann man eben nicht mehr auf arbeit fahren. denn wer nur sehr wenig verdient im osten,kann nicht mehr 90km auf arbeit fahren. also leben wir vom vater staat zu hausevielleicht wollen sie das, so können mehr ausländer in den betrieben eingestellt werden die noch weniger verdienen wie die deutschen

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×