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27.11.2015

12:41 Uhr

Gfk-Experte im Interview

„Kein größerer Einbruch beim Konsum zu erwarten“

VonChristian Rickens

„Alle Ampeln stehen auf Grün“: Experte Rolf Bürkl von der Gesellschaft für Konsumforschung sieht für größere Einbrüche beim deutschen Konsum derzeit zu viele positive Faktoren – trotz Terrorangst und Flüchtlingskrise.

Rolf Bürkl, Konsumexperte des Marktforschungsunternehmens Gesellschaft für Konsumforschung (Gfk) zeigt sich optimistisch für den deutschen Konsum. dpa

Rolf Bürkl

Rolf Bürkl, Konsumexperte des Marktforschungsunternehmens Gesellschaft für Konsumforschung (Gfk) zeigt sich optimistisch für den deutschen Konsum.

Herr Bürkl, gehen die Menschen aus Angst vor dem Terror weniger einkaufen?
Wir verzeichnen einen leichten Rückgang bei der Anschaffungsneigung, aber der kann noch nicht auf die Anschläge von Paris zurückzuführen sein. Die Befragung war bereits vor dem Attentat beendet. Vermutlich hat der Rückgang eher etwas mit der Flüchtlingskrise zu tun. Von einem Einbruch kann aber wirklich keine Rede sein. Das Niveau der Konsumneigung ist nach wie vor sehr hoch.

Sind wir Deutschen etwa plötzlich zu einem gelassenen Volk geworden?
Das nun auch wieder nicht. Bei den Konjunkturerwartungen der Verbraucher, also der Einschätzung der allgemeinen wirtschaftlichen Lage, ist der Indikator bereits seit einigen Monaten auf Talfahrt. Die Stimmung ist hier deutlich schlechter als die tatsächliche konjunkturelle Lage. Wir beobachten vor allem einen sprunghaften Anstieg derer, die als Folge des Flüchtlingszustroms einen Anstieg der Arbeitslosigkeit befürchten.

Fünf Gründe für Deutschlands Aufschwung

Starker Konsum

Weil Sparen sich wegen der Mini-Zinsen nicht lohnt, tragen die Verbraucher ihr Geld in die Geschäfte oder reisen viel. Löhne und Gehälter steigen zudem weiter kräftig.

Billiges Öl

Der Rückgang der Rohölpreise um nahezu die Hälfte seit dem Sommer 2014 entlastet Unternehmen und Verbraucher. Dies wirkt wie ein kostenloses Konjunkturprogramm.

Schwacher Euro

Die Exporteure jubeln, weil der im Verhältnis zum US-Dollar extrem schwache Euro Ausfuhren außerhalb des Euroraums günstiger macht.

Boom in den USA

Die US-Wirtschaft brummt – und die Amerikaner schätzen Waren „made in Germany“, gerade Luxusautos und Maschinen.

Job-Motor

Auf dem Arbeitsmarkt jagt ein Beschäftigungsrekord den nächsten. Bald dürften über 43 Millionen Deutsche erwerbstätig sein – das gibt Sicherheit und stützt den Aufschwung.

Die Menschen haben Angst, dass Ihnen ein Flüchtling den Job wegnimmt?
Die meisten Befragten befürchten zwar einen Anstieg der Arbeitslosigkeit, halten ihren eigenen Job aber für sicher und sind durchaus optimistisch, was ihr eigenes Einkommen betrifft. Sie fürchten also nicht, dass gerade ihnen jemand den Job wegnehmen könnte. Deshalb sinkt auch die Anschaffungsneigung nur so schwach.

In einigen Wochen werden wir wissen, wie sich die Anschläge von Paris auf die Stimmung auswirken. Wie lautet ihre Prognose?
Schwer zu sagen. Es wäre denkbar, dass die Menschen große Menschenansammlungen meiden, weniger zum Einkaufen und auf Weihnachtsmärkte gehen. Aber vielleicht bestellen sie im Gegenzug mehr online. Für einen größeren Einbruch beim Konsum gibt es derzeit einfach zu viele positive Faktoren: Steigende Einkommen, niedrige Arbeitslosigkeit, keine Inflation ¬ alle Ampeln stehen auf Grün. Hinzu kommen noch niedrige Zinsen und damit wenig Anreiz zum Sparen.

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Wie haben die Deutschen in der Vergangenheit auf Terroranschläge reagiert?
Von 9/11 ging eine negative Wirkung auf die Verbraucherstimmung aus, aber damals war das Konsumklima nach dem Platzen der Dotcom-Blase ohnehin schon auf Talfahrt. Die Anschläge von Madrid 2004, auf die Londoner U-Bahn 2005 oder auch auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Frühjahr hatten keine signifikanten Auswirkungen aufs Konsumklima. Bei den Konjunkturerwartungen hingegen könnten die Anschläge durchaus zur ohnehin bestehenden diffusen Stimmung der Unsicherheit beitragen. Die speist sich neben der Flüchtlingskrise auch aus dem weiterhin schwelenden Griechenland-Problem und den Konjunktur-Risiken etwa in China oder Russland.

Was kann die Politik tun, um die Konjunkturerwartungen wieder aufzuhellen?
Sie müsste dafür sorgen, dass die Unsicherheit schwindet. Bei den Flüchtlingen beunruhigt die Deutschen vor allem, dass der Zuzug so chaotisch verläuft. Sie wollen, dass die Politik die Kontrolle hat.

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