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25.10.2011

08:10 Uhr

GfK-Konsumklima

Deutsche im Kaufrausch – trotz Krise

Die Verbraucherstimmung in Deutschland trotzt der Schuldenkrise und Rezessionsängsten. Auch wenn die Konjunkturerwartungen der Bürger weiter sinken, wollen sie aktuell mehr Großeinkäufe machen.

Einkaufen in Düsseldorf. ap

Einkaufen in Düsseldorf.

NürnbergTrotz Schuldenkrise und wachsender Rezessionsängste steigt die Stimmung der deutschen Verbraucher. Sie seien zwar durch die ungelöste Schuldenkrise verunsichert und befürchteten eine Konjunkturflaute, teilten die GfK-Marktforscher am Dienstag zu ihrer Umfrage unter rund 2000 Menschen mit. Die Konsumenten schätzen ihre Finanzlage aber besser ein und wollen wieder mehr für Großeinkäufe ausgeben. „Eine gute Arbeitsmarktlage sowie spürbare Einkommenszuwächse der Beschäftigten sorgen derzeit für ausgezeichnete Rahmenbedingungen“, erklärten die Nürnberger Experten. Ihr für November berechnetes GfK-Konsumklima steigt um 0,1 auf 5,3 Punkte und klettert damit erstmals seit März wieder. Von Reuters befragte Experten hatten im Schnitt mit einem Rückgang auf 5,1 Zähler gerechnet.

Seit dem Dreieinhalb-Jahreshoch im März von 6,0 Punkten hatte sich das GfK-Konsumklima wegen der bevorstehenden Konjunkturabkühlung und der verschärften Schuldenkrise stetig eingetrübt. „Die anhaltenden Diskussionen um die Staatsschuldenkrise sowie die drohende Insolvenz Griechenlands, die auch das Bankensystem belasten wird, verunsichern die Bevölkerung“, sagte GfK-Experte Rolf Bürkl. Viele europäische Staaten befänden sich in der Rezession oder stünden kurz davor. Zudem würden die strikten Sparprogramme vieler Handelspartner die deutschen Exporteure künftig belasten. „Die Furcht vor einem Übergreifen der Krise auf die Realwirtschaft in Deutschland lässt die Konjunkturerwartungen der Bürger deutlich absinken.“ Das GfK-Teilbarometer fiel erneut um elf auf minus 6,2 Punkte und sackte auf den tiefsten Stand seit August 2009.

Für Zuversicht sorgen hingegen die gute Beschäftigungslage und die Lohnsteigerungen in diesem Jahr. Die Bundesregierung und die führenden Forschungsinstitute gehen davon aus, dass sich dies 2012 leicht abgeschwächt fortsetzt. „Diese Aussichten verringern die Angst vor Jobverlust und steigern die Hoffnungen auf Einkommenszuwächse auch im nächsten Jahr“, erklärte die GfK. Ihr Indikator für Einkommenserwartung legte um 1,4 auf 36,5 Punkte zu.

In der Schuldenkrise steigt auch die Konsumbereitschaft der Menschen. Die Diskussionen um die Stabilität der gemeinsamen Währung sowie der Banken haben laut GfK das Vertrauen der Konsumenten in die Finanzmärkte erschüttert. „Folglich sind sie momentan weniger geneigt, Geld auf die hohe Kante zu legen, wie auch die stark rückläufige Sparneigung beweist“, betonte Bürkl. Die Menschen tendierten eher dazu, ihr Geld in werthaltige Anschaffungen, wie Immobilien oder langlebige Gebrauchsgüter zu investieren, als es auf dem Finanzmarkt gegen niedrige Zinsen anzulegen. Die sogenannte Anschaffungsneigung stieg im Oktober leicht um 1,5 auf 31,2 Punkte. Dies könnte zu Jahresende auch die Umsätze des Einzelhandels beflügeln. „Die Aussichten sind aus heutiger Sicht für das Weihnachtsgeschäft nicht so schlecht“, sagte Bürkl zu Reuters TV.

Konjunkturindikatoren

ZEW-Konjunkturerwartungen

Der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) herausgegebene Index beruht auf der Befragung von 350 Analysten und Finanzmarktexperten. Sie geben dabei ihre Einschätzung über die künftige Wirtschaftsentwicklung ab. Der Index zur mittelfristigen Konjunkturentwicklung ergibt sich aus der Differenz der positiven und negativen Erwartungen über die künftige Wirtschaftsentwicklung. Er wird zur Monatsmitte erhoben.

ifo-Index

Der international beachtete Index basiert auf einer Befragung von etwa 7000 Unternehmen aus Bau, Einzelhandel und Industrie. In einem Fragebogen beurteilen sie ihre gegenwärtige Geschäftslage sowie die Erwartungen für die Zukunft. Beide werden im Geschäftsklima zusammengefasst. Der Index ergibt sich aus dem Saldo der Antworten gut und schlecht.

Einkaufsmanagerindex

Wird von der britischen Forschergruppe Markit erhoben. Er beruht für Deutschland auf Umfragen unter Einkaufsmanagern von 500 repräsentativ ausgewählten deutschen Industrieunternehmen. Bestandteile des Index sind Auftragseingänge, Preise und Beschäftigung. Der Index hat einen relativ kurzen Vorlauf gegenüber der Produktion.

Geldmenge (M1)

Umfasst den Bargeldumlauf und die Sichteineinlagen, wie zum Beispiel Sparbücher. Da die in M1 enthaltenen Bestandteile direkt für Transaktionen zur Verfügung stehen, deutet ein Anstieg darauf hin, dass die Kaufbereitschaft der Konsumenten und Unternehmen steigt. Der Indikator hat einen Vorlauf von zwei bis drei Quartalen.

 

Baltic Dry Index (BDI)

Der BDI ist ein Preisindex für die Verschiffungskosten wichtiger Rohstoffe wie Stahl, Eisenerz, Kohle und Getreide auf Standardrouten. Er wird durch das Angebot an frei stehendem Schiffsladeraum und die Hafenkapazitäten beeinflusst. Da Rohstoffe als Vorprodukte am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, ist der BDI ein guter Frühindikator für die Weltkonjunktur.

GfK-Konsumklimaindex

Der Index des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK prognostiziert die Veränderung der monatlichen privaten Konsumausgaben. Hierfür werden 2000 repräsentativ ausgewählte Personen nach ihren Einkommens- und Konjunkturerwartungen befragt.  

 

Von

rtr

Kommentare (10)

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Merbod

25.10.2011, 08:51 Uhr

Es muß in der Überschrift heißen "WEGEN der Krise" und nicht "trotz der Krise". Die Leute kaufen, so lange sie noch etwas für ihre Euro bekommen.

Diogenes

25.10.2011, 10:04 Uhr

Die gute Konjunktur und das gute Konsumklima ist doch nur darauf zurückzuführen, dass der Sparer sich schließlich lieber etwas gönnt, bevor sein Geld zwischen Ägäis und portugiesischem Atlantik im Meer versinkt. Kein Grund zur Freude!

Account gelöscht!

25.10.2011, 10:31 Uhr

"Für Zuversicht sorgen hingegen die gute Beschäftigungslage und die Lohnsteigerungen in diesem Jahr."

Ziehen Sie Ihre Erkenntnisse zur guten Beschäftigungslage aus schöngerechneten Arbeitslosenstatistiken?
Und wer bitte kann von -realen!- Lohnsteigerungen berichten?
"Real" möge man dabei nicht an hedonischen Berechnungen der Teuerungsrate messen.
"Deutsche im Kaufrausch" zu titeln, unterstellt, dass das Denken der Bürger sich ausschließlich am Füllgrad des Geldbeutels bemisst - Bild-Zeitung?
Wenn Menschen heute wirklich mehr Geld ausgeben, dann eher aus erwartetem (und bereits eingetretenem) Wertverlust des Papiergelds. Eine Katastrophenhausse (englisch: Crack-up-Boom) frei nach Ludwig von Mises.

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