Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.07.2012

08:49 Uhr

GfK-Konsumklima

Deutsche kaufen trotz Euro-Krise weiter ein

Während alle Konjunkturindikatoren nach unten zeigen und die Industrie von weniger Aufträgen berichtet, geht das GfK-Konsumklima für August in die andere Richtung. Trotz der Krise steigt die Kauflaune der Deutschen.

Deutschlands unerschütterliche Konsumlaune

Video: Deutschlands unerschütterliche Konsumlaune

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

BerlinTrotz wachsender Konjunkturskepsis steigt die Kauflaune der Deutschen. Sie fürchten zwar, dass die Wirtschaft wegen der Schuldenkrise immer stärker unter die Räder kommt. Dank steigender Einkommen wollen die Verbraucher aber mehr Geld für Großeinkäufe ausgeben. Das für August berechnete GfK-Konsumklima-Barometer kletterte deshalb überraschend um 0,1 auf 5,9 Punkte und erreichte den höchsten Stand seit März, wie die Nürnberger Marktforscher der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) am Donnerstag mitteilten. Experten hatten im Schnitt ein unverändertes Niveau von 5,8 Zählern erwartet.

„Die Verbraucher befürchten zusehend, dass nun auch die deutsche Wirtschaft in den Krisenstrudel gezogen wird“, kommentierte die GfK das wachsende Misstrauen in die Wirtschaft. Denn die anhaltende Banken- und Schuldenkrise lasse den Konjunkturoptimismus schwinden. Zuletzt hatte sich das Ifo-Geschäftsklima zum dritten Mal in Folge eingetrübt und gezeigt, dass die Unternehmen zunehmend mit Gegenwind zu kämpfen haben.

Die Konjunkturerwartungen der Verbraucher sanken im Juli um 8,6 Punkte auf minus 5,6 Zähler. Erstmals seit Dezember letzten Jahres sank die Konjunkturerwartung nach Angaben der Marktforscher unter den langjährigen Durchschnittswert von null Punkten. Allerdings fiel der Vertrauensverlust nicht mehr so stark aus wie noch im Juni.

Konjunkturindikatoren

ZEW-Konjunkturerwartungen

Der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) herausgegebene Index beruht auf der Befragung von 350 Analysten und Finanzmarktexperten. Sie geben dabei ihre Einschätzung über die künftige Wirtschaftsentwicklung ab. Der Index zur mittelfristigen Konjunkturentwicklung ergibt sich aus der Differenz der positiven und negativen Erwartungen über die künftige Wirtschaftsentwicklung. Er wird zur Monatsmitte erhoben.

ifo-Index

Der international beachtete Index basiert auf einer Befragung von etwa 7000 Unternehmen aus Bau, Einzelhandel und Industrie. In einem Fragebogen beurteilen sie ihre gegenwärtige Geschäftslage sowie die Erwartungen für die Zukunft. Beide werden im Geschäftsklima zusammengefasst. Der Index ergibt sich aus dem Saldo der Antworten gut und schlecht.

Einkaufsmanagerindex

Wird von der britischen Forschergruppe Markit erhoben. Er beruht für Deutschland auf Umfragen unter Einkaufsmanagern von 500 repräsentativ ausgewählten deutschen Industrieunternehmen. Bestandteile des Index sind Auftragseingänge, Preise und Beschäftigung. Der Index hat einen relativ kurzen Vorlauf gegenüber der Produktion.

Geldmenge (M1)

Umfasst den Bargeldumlauf und die Sichteineinlagen, wie zum Beispiel Sparbücher. Da die in M1 enthaltenen Bestandteile direkt für Transaktionen zur Verfügung stehen, deutet ein Anstieg darauf hin, dass die Kaufbereitschaft der Konsumenten und Unternehmen steigt. Der Indikator hat einen Vorlauf von zwei bis drei Quartalen.

 

Baltic Dry Index (BDI)

Der BDI ist ein Preisindex für die Verschiffungskosten wichtiger Rohstoffe wie Stahl, Eisenerz, Kohle und Getreide auf Standardrouten. Er wird durch das Angebot an frei stehendem Schiffsladeraum und die Hafenkapazitäten beeinflusst. Da Rohstoffe als Vorprodukte am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, ist der BDI ein guter Frühindikator für die Weltkonjunktur.

GfK-Konsumklimaindex

Der Index des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK prognostiziert die Veränderung der monatlichen privaten Konsumausgaben. Hierfür werden 2000 repräsentativ ausgewählte Personen nach ihren Einkommens- und Konjunkturerwartungen befragt.  

 

Mehr Einkommen und mehr Kaufkraft sorgen für Kauflaune

Ihre eigene Finanzlage schätzen die Konsumenten aber deutlich besser ein. Dieses Barometer verlor zwar um fast vier auf 36,3 Punkte, hielt laut GfK aber sein "überaus hohes Niveau". "Die Einkommensaussichten trotzen damit weiterhin den zunehmenden Risiken aus dem Ausland." Grund sei die steigende Beschäftigung sowie die Aussicht auf mehr Lohn und Gehalt wegen höherer Tarifabschlüsse. Hinzu komme, dass die Inflation zuletzt unter die psychologisch wichtige Marke von zwei Prozent gefallen sei. "Dies stärkt die Kaufkraft der Einkommen", schrieben die GfK-Experten.

Für Analysten kommt das Ergebnis nicht überraschend. "Die Unternehmen spüren, dass es nicht nur in der Euro-Zone, sondern auch in den USA, Großbritannien und Asien schlechter läuft. Bei den Konsumenten ist das noch nicht angekommen", sagt Rainer Sartoris von der HSBC Trinkaus. "Dafür sorgen relativ hohe Lohnabschlüsse und ein stabiler Arbeitsmarkt. Die Verbraucher fühlen sich deshalb noch recht wohl. Der private Konsum dürfte solide bleiben." Carsten Brzeski von der ING fügt hinzu: "Selbst das früher als erwartete Ausscheiden der Fußball-Nationalmannschaft aus der Europameisterschaft hat das Verbrauchervertrauen nicht fallen lassen."

Die stärkere Kaufkraft dürfte dazu beitragen haben, dass die Verbraucher wieder mehr größere Einkäufe wagen wollen. Das Barometer für ihre sogenannte Anschaffungsneigung kletterte um 3,1 auf 35,8 Punkte. "Eine stabile Beschäftigungssituation mit sinkender Arbeitslosigkeit sowie die damit einhergehenden Einkommenszuwächse erhöhen die Planungssicherheit." Wie seit längerem treibt just die Schuldenkrise die Verbraucher zu mehr Konsum. Denn wegen der niedrigen Zinsen für Geldanlagen geben viele Bürger ihr Erspartes lieber für Möbel aus oder investieren in Immobilien. Da überrascht es kaum, dass die Einzelhändler für den einzigen Lichtblick bei der jüngsten Ifo-Umfrage unter 7000 Firmenchefs sorgten. Die Branche schätzte im Juli sowohl ihre Lage als auch ihre Geschäftsaussichten günstiger ein.

Das Konsumklima in Deutschland setzt nach GfK-Einschätzung seine stabile Entwicklung fort. Die wachsenden Konjunkturrisiken hätten sich noch nicht auf das Barometer ausgewirkt.

Der private Konsum schiebe die Wirtschaft entscheidend an und dürfte im laufenden Jahr um ein Prozent steigen.


Von

rtr

Kommentare (56)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

26.07.2012, 08:24 Uhr

Man sollte auch mal betrachten, WAS die Deutschen kaufen. Wenn ich so in meinen Bekanntenkreis schaue, so wird wohl gekauft, aber sehr viele Dinge, die man als langfristige Anschaffungen betrachten kann. Der Deutsche kann üblicherweise rechnen: Wenns bei den Halsabschneider-Banken keine Zinsen gibt, gibt man das Geld eben für "gute" Dinge aus; Investionen in Sachwerte.

Hermann.12

26.07.2012, 08:29 Uhr

Die Bürger handeln weit vernünftiger als Politik und Wirtschaft. Sie wissen, das die Krise den Werterhalt von Ersparnissen bedroht. Außerdem wissen sie das den Unternehmen am besten Umsatz hilft. Sie Bunkern also kein Geld, weil dies sinnlos wäre, sie geben es aus, solange es noch etwas Wert ist. Womit sie eben auch das Beste tun, das es so bleibt.

H.

Wuest

26.07.2012, 08:29 Uhr

Ich kann da Guzzi_Cali2 nur voll beipflichten. Die Deutschen kaufen mit ihrem Euro, bevor jeder gemerkt hat, dass dieses Papier eigentlich nichts mehr wert ist und solange man dafür noch was Reelles bekommt.

Dieser Trend wird sicher noch ein bißchen anhalten, aber in dem Moment, wenn die Wogen der Krise auch über uns zusammenschlagen und die ersten Bürgschaften gezogen werden, wird sich das schlagartig ändern. Dieser Zeitpunkt ist nun ziemlich in die Nähe gerückt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×