Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.04.2013

15:26 Uhr

Globaler Stabilitätsreport

IWF warnt vor „chronischer“ Finanzkrise

Nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds ist die Einsturzgefahr im Weltfinanzsystem gebannt. Doch sollte der Reformeieifer in Europa nachlassen, könnten Krisen wie in Zypern zum Dauerproblem werden.

Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF). dpa

Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF).

WashingtonDer Internationale Währungsfonds (IWF) hat die Eurozone vor einer „chronischen“ Finanzkrise gewarnt. Die Gesetzgeber der Währungsunion dürften nicht nachlassen, Reformen im Bankensektor voranzutreiben und die wirtschaftliche Erholung zu stützen, fordert die Institution in ihrem neuen Bericht zur globalen Finanzstabilität.

Sollte der Eifer bei der Reparatur des Systems nachlassen, könnten alte Risiken dauerhaft zurückkehren, heißt es in dem am Mittwoch in Washington im Vorfeld der IWF-Jahrestagung veröffentlichten Papier. Schwache Banken müssten dringend restrukturiert, Kapitalanforderungen weiter verschärft werden.

Zuletzt habe die Krise in Zypern erneut gezeigt, wie brüchig das Vertrauen internationaler Finanzmärkte sei. Der marode Bankensektor trieb das kleine Euroland an den Abgrund und sorgte weltweit für Besorgnis. Der Insel muss mit milliardenschweren Kredithilfen geholfen werden.

Welche Euro-Staaten das Zypern-Virus in sich tragen

Slowenien

Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) haben slowenische Banken etwa sieben Milliarden Euro an faulen Krediten in ihren Büchern stehen - eine Summe, die 20 Prozent des BIP des Landes ausmacht. Seit Monaten wird daher regelmäßig darüber spekuliert, ob der Adria-Staat als nächstes Land unter den Euro-Rettungsschirm flüchten müsse; im vergangenen Sommer waren die Anzeichen dafür besonders akut.

Wie gefährdet ist der Staat?

Slowenien hat eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, die dem Land mehr Luft an den Finanzmärkten verschafften. So wurde eine Bad Bank beschlossen, in die toxische Papiere der Banken ausgelagert werden sollen. Die Ratingagentur Fitch sah in ihrem jüngsten Länderblick auf Slowenien von vor wenigen Tagen daher nicht mehr unmittelbar das Risiko, dass die frühere jugoslawische Teilrepublik internationale Finanzhilfe beantragen muss. Unter einer Voraussetzung: dass die neue Mitte-Links-Regierung in Ljubljana den Reformkurs fortsetzt und den Bankensektor noch stärker an die Kandare nimmt. Vor allem müsse die Rekapitalisierung der Banken vorangetrieben werden. In Slowenien wird im zweiten Jahr in Folge in 2013 mit einer Rezession gerechnet.

Luxemburg

Der Kleinstaat gilt eigentlich als wirtschaftlich grundsolide, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bescheinigte ihm in einem Bericht vom Dezember das höchste Pro-Kopf-Einkommen der OECD-Staatengruppe. Zudem sei Luxemburg vergleichsweise gut durch die Finanz- und Wirtschaftskrise gekommen. Doch die OECD mahnte auch, dass das Land trotz bereits umgesetzter Regulierungen im Bankenbereich zu stark von seinem riesigen Finanzsektor abhängig sei, der ein Drittel des BIP erwirtschaftet - zum Vergleich: Auf Zypern waren es 45 Prozent.Die luxemburgischen Banken gelten freilich als weit seriöser als die zyprischen. Sie litten laut OECD kaum unter der Finanzkrise, weil ihnen als "sicherer Hafen" manche Anlagegelder zuflossen.

Wie gefährdet ist der Staat?

Ein schwere Verschärfung der Eurokrise könnte auch das luxemburgische Geschäftsmodell ins Wanken bringen, die Einlagen bei Banken und Investmentfonds übersteigen das BIP um ein Vielfaches. Das kleine Luxemburg könnte die Banken dann aus eigener Kraft nicht retten - ganz zu schweigen von den internationalen Schockwellen. Allein bei der Rettung der maroden Dexia-Bank gab Luxemburg 2011 eine Garantie von 2,55 Milliarden Euro oder 8,5 Prozent seines Bruttosozialproduktes ab.

Malta

Der winzige Inselstaat im Mittelmeer rühmt sich, die Eurokrise zuletzt weit besser als andere Euroländer überstanden zu haben. Die Arbeitslosigkeit liegt bei lediglich sechs Prozent, das Wachstum erreichte im vergangenen Jahr 1,5 Prozent und das Defizit konnte auf 2,3 Prozent und damit sogar unter die Drei-Prozent-Grenze der EU gedrückt werden.

Wie gefährdet ist der Staat?

Malta wird immer wieder als möglicher Wackelkandidat im Euroraum genannt. Der Grund: Die Entwicklung war vorher über Jahre weit negativer, der Schuldenstand ist immer noch zu hoch und der Finanzsektor ebenfalls viel zu aufgebläht.

Das Ausmaß „unterstreicht die Dringlichkeit, die Reformen in der Eurozone zu vollenden“, so die Analyse, die der Weltwährungsfonds zwei Mal im Jahr erarbeitet. Er ruft darin auch ausdrücklich zu einer Rekapitalisierung von Banken, einer gemeinsamen Bankenaufsicht und einer vervollständigten Währungsunion auf. Diese Themen werden auch bei der Frühjahrstagung der 188 IWF-Mitgliedländer Ende der Woche in Washington auf der Tagesordnung stehen.

Die globale Krisenfeuerwehr lobt in dem Bericht, wie vor allem die Banken in entwickelten Volkswirtschaften wesentliche Erfolge beim Umbau ihrer Bilanzen erzielt hätten. „Aber die Fortschritte waren ungleichmäßig, so sind die Systeme in unterschiedlichen Stufen ihrer Reparatur.“ In den USA sei der Prozess etwa weitgehend abgeschlossen, während das in der Eurozone nicht der Fall sei - vor allem nicht in den schwächeren Staaten.

Insgesamt fiel die IWF-Einschätzung der globalen Finanzstabilität aber wesentlich positiver aus als noch vor einem halben Jahr, als in dem Bericht von einem „sehr brüchigen“ Vertrauen ins Weltfinanzsystem und „bösen Abwärtsspiralen“ die Rede war. So heißt es nun, die globalen Finanz- und Marktbedingungen hätten sich „in den vergangenen sechs Monaten spürbar verbessert“.

Von

dpa

Kommentare (24)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

MichaelM

17.04.2013, 15:33 Uhr

Die haben immer noch nicht bemerkt, dass es schon chronisch geworden ist? Sagen immer noch dass Reform-fortschritt nötig und gut ist? In die selbe Richtung, die bisher gelaufen wurde?

Und die meinen das ernst?

Der reine Wahnsinn.

Thomas-Melber-Stuttgart

17.04.2013, 15:45 Uhr

Nun, vielleicht triff es statt "chronisch" systemisch besser.

Sarina

17.04.2013, 16:16 Uhr

Der Insel muss mit milliardenschweren Kredithilfen geholfen werden.
----------------------------------------------------------
Nein, die Insel MUSSTE nicht gerettet werden, weil sie nicht systemrelevant ist. Und weil dieser nicht systemrelevanten Insel geholfen wird, wurden die Gesetze erneut gebrochen - der ESM darf nur dann mit Hilfen einspringen, wenn das Land systemrelevant ist. Insofern sind alle Verträge, der Vertrag von Lissabon (sowieso!), die Europäischen Verträge und der ESM so oft gebrochen worden, dass sie de facto und de jure keine Bedeutung mehr haben. Die "Eurorettung" basiert auf reiner Willkür, d.h., wir haben keine Veranlassung zu glauben, dass wir auch nur einen müden Cent von den vielen Milliarden jemals wiedersehen werden. Wir haben nur noch eine Chance: Die "Alternative für Deutschland"!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×