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12.06.2015

16:02 Uhr

Griechenland

Koste es, was es wolle

Die Europäische Zentralbank hält den Geldhahn für griechische Banken offen. Mindestens bis zum Monatsende wird die Notenbank die ELA-Notfallkredite gewähren. Und das vor allem aus einem Grund.

Mario Draghi will den griechischen Banken wohl nicht vorzeitig den Geldhahn zudrehen. dpa

EZB

Mario Draghi will den griechischen Banken wohl nicht vorzeitig den Geldhahn zudrehen.

FrankfurtDie Europäische Zentralbank (EZB) wird Insidern zufolge griechischen Banken während der laufenden Schuldengespräche den Geldhahn voraussichtlich nicht zudrehen. Zumindest bis Monatsende würden die Notfall-Kredithilfen (ELA) für die Institute weiter verlängert, sagten mehrere mit den Überlegungen vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Position hat sich damit trotz der verschärften Lage nach dem überraschenden Abschied des Internationalen Währungsfonds (IWF) aus den Verhandlungen am Donnerstag nicht geändert. Über die Haltung der Notenbank hatte das Handelsblatt bereits Mitte Mai berichtet.

Wie reagiert der IWF auf einen Zahlungsverzug?

Zahlungsverzug tritt sofort ein

Zahlungsaufforderung durch Stab des Internationalen Währungsfonds (IWF); betreffender Staat hat keinen Zugriff mehr auf IWF-Mittel.

Quelle: IMF Financial Operations 2014, S. 139

Zwei Wochen nach Zahlungsverzug

IWF-Leitung kontaktiert zuständigen IWF-Gouverneur, drängt auf sofortige Zahlung.

Ein Monat nach Zahlungsverzug

IWF-Direktor setzt Exekutivausschuss von Zahlungsverzug in Kenntnis.

Sechs Wochen nach Zahlungsverzug

IWF-Direktor benachrichtigt betreffenden Staat, dass ohne sofortige Zahlung eine Beschwerde beim Exekutivausschuss eingereicht wird.

Zwei Monate nach Zahlungsverzug

IWF-Direktor leitet Beschwerde an Exekutivausschuss.

Drei Monate nach Zahlungsverzug

Beschwerde wird im Exekutivausschuss behandelt; Zugriff des betreffenden Staates auf allgemeine Mittel des IWF wird beschränkt. Bei Verzug von Verpflichtungen bezgl. Sonderziehungsrechten (SZR) wird Recht auf Nutzung von SZR ausgesetzt.

Die Chefs der Notenbanken der Eurozone bereiteten sich allerdings auch darauf vor, diese Hilfe zurückzunehmen, sollten alle Krisenverhandlungen scheitern. Als entscheidender Wendepunkt gilt für viele ein mögliches Abrutschen Griechenlands in die Staatspleite.

„Während die Verhandlungen noch mit Aussicht auf eine Einigung andauern, wäre es verrückt, wenn die EZB ELA kappen würde“, sagte ein Insider. Die griechische Regierung ringt seit Monaten mit ihren internationalen Geldgebern um eine Freigabe von rund 7,2 Milliarden Euro aus dem Ende Juni auslaufenden Hilfsprogramm.

Für die Versorgung mit frischem Geld sind die griechischen Banken in erheblichem Maße auf Notfall-Kredithilfen der Athener Notenbank angewiesen, über deren Genehmigung die EZB inzwischen wöchentlich entscheidet. Der Rahmen für diese Liquiditätsspritzen liegt mittlerweile bei 83 Milliarden Euro. Dreht die EZB diesen Geldhahn zu, würde die Kreditwirtschaft des Landes nach allgemeiner Einschätzung binnen kürzester Zeit zusammenbrechen. Die EZB darf ELA-Hilfen nur für solvente Geldhäuser genehmigen.

Schuldenschnitt bis „Grexit“ – wichtige Begriffe in der Schuldenkrise

Griechisches Schuldendrama

Vom Rettungsschirm über den Schuldenschnitt bis zum „Grexit“ – im griechischen Schuldendrama kommen immer wieder schwierige Begriffe vor. Was verbirgt sich dahinter eigentlich?

Hilfsprogramm

Dies bezeichnet aus Sicht der EU-Finanzminister die finanziellen Hilfen plus der von Griechenland versprochenen Sparprogramme und Reformen. Für die Europartner gibt es derzeit nur die Option, das aktuelle Hilfsprogramm inklusive der Sparauflagen zu verlängern.

Kreditprogramm

Die neue griechische Regierung forderte hingegen bislang eine Verlängerung des „Kreditprogramms“. Damit will sie nach Einschätzung der Geldgeber ausdrücken, dass sie das Geld weiter will - aber nicht die Auflagen des Hilfsprogramms.

Anleihe

Staaten brauchen Geld. Weil Steuereinnahmen meist nicht ausreichen, leihen sie sich zusätzlich etwas. Das geschieht am Kapitalmarkt, wo Staaten sogenannte Anleihen an Investoren verkaufen. Eine Anleihe ist also eine Art Schuldschein. Darauf steht, wann der Staat das Geld zurückzahlt und wie viel Zinsen er zahlen muss.

Schuldenschnitt

Manchmal hat ein Staat so viel Schulden, dass er sie nicht zurückzahlen kann und auch das Geld für Zinszahlungen fehlt. Dann versucht er zu erreichen, dass seine Gläubiger auf einen Teil ihres Geldes verzichten. Das nennt man Schuldenschnitt. Dieser schafft finanzielle Spielräume. Allerdings wächst auch das Misstrauen, dem Staat künftig noch einmal Geld zu leihen.

Rettungsschirm

Seit 2010 hatten immer mehr Staaten wegen hoher Schulden das Vertrauen bei Geldgebern verloren. Für sie spannten die Europartner einen Rettungsschirm auf. Er hieß zuerst EFSF, wurde später vom ESM abgelöst. Faktisch handelt es sich um einen Fonds, aus dem klamme Staaten Kredithilfen zu geringen Zinsen bekommen können.

Primärüberschuss

Griechenlands Schuldenberg ist – gemessen an der Wirtschaftsleistung – der höchste in der Eurozone. Das sind nicht nur Altlasten, auch im laufenden Betrieb kommt das Land wegen der hohen Zinsbürde nicht ohne neue Schulden aus. In den Verhandlungen mit den Geldgebern musste Athen aber versprechen, zumindest unter Ausblendung der Zinsen weniger auszugeben als einzunehmen. Das nennt man Primärüberschuss.

Troika

In der Euro-Schuldenkrise wurde der Begriff für das Trio aus Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU-Kommission gebraucht. Sie kontrollieren die verlangten Reformfortschritte. Im Euro-Krisenland Griechenland ist die Troika deswegen zum Feindbild geworden. In seinem Schreiben an die Eurogruppe spricht Athen nun von „Institutionen“. Auch die Europartner wollen das Wort „Troika“ nicht mehr verwenden. In offiziellen Dokumenten war ohnehin nie die Rede von der „Troika“.

Grexit

Der Kunstbegriff wurde aus den englischen Worten für Griechenland (Greece) und Ausstieg (Exit) gebildet – gemeint ist ein Ausstieg oder Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone. So etwas ist in den EU-Verträgen allerdings gar nicht vorgesehen. Die Idee: Würde Griechenland statt des „harten“ Euro wieder eine „weiche“ Drachme einführen, könnte die griechische Wirtschaft mit einer billigen eigenen Währung im Rücken ihre Produkte viel günstiger anbieten.

Grimbo

Der Begriff „Grimbo“ ist eine Fusion von Greece, also Griechenland und Limbo, zu deutsch Limbus. Limbus kommt aus der katholischen Theologie und bezeichnet die Vorstellung einer Art Vorhof zur Hölle, in dem sich nach dem Tod jene Seelen aufhalten, denen der Zutritt zum Himmel verwehrt wurde, die aber auch nicht in die Hölle gekommen sind. Der Ausdruck steht für etwas, das sich in der quälenden Schwebe befindet. Gemünzt auf Griechenland meint „Grimbo“ ein Szenario, in dem Athen von den Europäern kein Geld bekommt und es auf absehbare Zeit keine Lösung gibt.

Graccident

Der Kunstbegriff wurde aus den englischen Worten für Griechenland (Greece) und Unfall (Accident) gebildet. Das Wort beschreibt die Möglichkeit, dass Griechenland das Geld ausgeht und es deshalb den Euro verlassen muss. Wie groß die Gefahren eines „Graccident“ wären, darüber gehen die Schätzungen auseinander. Wer eher für großzügige Griechenland-Hilfen argumentiert, hält die Gefahren eines „Graccident“ für größer – oder umgekehrt.

Moral Hazard

Moral Hazard ist die englische Bezeichnung für moralisches Wagnis. Gemeint ist die Ausnutzung der Solidarität aus rücksichtslos verfolgtem Eigeninteresse. Würden alle Staaten nur an sich denken, würde zunächst Griechenland (Verbindlichkeiten von knapp 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nach OECD-Prognose) einen Schuldenschnitt bekommen. Dann stünde Portugal (140 Prozent des BIP) und dann Italien (150 Prozent des BIP) auf der Matte. Spätestens an diesem Punkt würde die globale Finanzwelt in die Katastrophe stürzen, weil einer der größten Anleihemärkte der Welt implodieren würde.

Ein weiterer Insider sagte, die EZB wolle die laufenden Verhandlungen nicht erschweren und vor allem auch nicht später als die Institution dastehen, die den Kollaps des Landes ausgelöst habe. Aber: „Falls Griechenland sich zahlungsunfähig erklärt, würde sich alles ändern.“ Es wäre für die EZB dann nur schwer möglich, eine Finanzierung von Banken über Sicherheiten eines zahlungsunfähigen Schuldners zu erlauben.

Von

rtr

Kommentare (16)

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Herr Manfred Zimmer

12.06.2015, 16:47 Uhr

"EZB hält Griechenland die Stange"

Ich habe größte Schwierigkeiten die Akteure von der Mafia abzugrenzen.

Herr Vittorio Qeiry

12.06.2015, 16:52 Uhr

>> Es wäre für die EZB dann nur schwer möglich, eine Finanzierung von Banken über Sicherheiten eines zahlungsunfähigen Schuldners zu erlauben. >>

Und noch unmöglicher wäre es dann für die EZB, die Gelder je wieder zu sehen.....????!!!

Was für eine dämliche Begründung.

Die EZB wird deshalb immer weiter zahlen, zumal Griechenland nach den vorhandenen Statuten erst GAR NICHT PLEITE GEHEN KANN !

Kein €-Land kann in der EU Pleite gehen. Dafür muss die EZB die Taschen breit machen.....und soviel zahlen, wie gebraucht wird, damit KEIN Land Pleite gehen kann.

Alle Diskussionen um eine Pleite Griechenlands sind ein Witz und dienen der Volksbelustigung.

Um Griechenland Pleite gehen zu lassen gibt es nur folgenden Möglichkeiten :

- Griechenland erklärt sich SELBST zu Pleite und verläßt die €-Zone und die EU !
Damit wären die Schulden auch futsch.......denn wer Pleite ist, kann NICHTS mehr bezahlen. Die Verluste würden zum größten Teil in D auflaufen.

- Die EU schmeißt Griechenland aus der €- Zone und der EU........mit
Schuldenschnitt.

Anders kann Griechenland NICHT Pleite gehen, die €-Zone und die EU müssen bis zum Sanktnimmerleinstag ZAHLEN !

Herr Ferdinand Loeffler

12.06.2015, 17:09 Uhr

Was da abgeht, ist wirklich das Allerletzte: Von den 83 Mrd, die auch niemend wiedersehen wird, bezahlt D gut 23 Mrd, wenn denn die anderen Ländern zahlen (können). Da ist alles schon ein ziemlich starkes Stück. merkel will es nicht sein , die EZB will es nicht sein, der IWF will es nicht sein....einer muss doch dem Ganzen mal Halt gebieten.

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