Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.01.2010

17:17 Uhr

Griechischer Finanzminister

„Wir haben keine Leichen mehr im Keller“

VonGerd Höhler

ExklusivGriechenland steckt in einer tiefen Haushaltskrise: Die EU-Kommission nimmt das Land unter verschärfte Beobachtung, beinahe täglich muss der Staat seine verzerrten Statistiken revidieren.Wie Finanzminister Giorgos Papakonstantinou sein Land vor dem drohenden Staatsbankrott retten, das Vertrauen der Finanzmärkte zurückgewinnen und die Wirtschaft reformieren will.

Finanzminister Papakonstantinou (r.) mit EZB-Chef Trichet: "Fühle mich wie im Auge eines Hurrikans." ap

Finanzminister Papakonstantinou (r.) mit EZB-Chef Trichet: "Fühle mich wie im Auge eines Hurrikans."

Herr Minister, Ihr Premier Giorgos Papandreou sieht Griechenland „auf der Intensivstation“. Wie ernst ist der Zustand des Patienten?

Der Patient wird überleben und gesund werden. Aber klar ist: Er muss seine Lebensweise ändern. Wir können nicht mit dem öffentlichen Sektor so weitermachen wie bisher. Wir müssen das Steuersystem, das zur Steuerhinterziehung ermutigt, reformieren. Und wir müssen unser Rentensystem, das in seiner gegenwärtigen Form nicht überlebensfähig ist, konsolidieren. Dafür sind wir gewählt worden, und daran arbeiten wir.

Die Finanzmärkte strafen Ihr Land ab. Schlechte Ratings verteuern die Kreditaufnahme und lassen die Schulden weiter wachsen. Führt dieser Teufelskreis nicht zwangsläufig in den Staatsbankrott?

Wir sind in einem Wettlauf gegen die Zeit. Die Finanzmärkte erwarten, dass wir unser Defizit reduzieren. Je schneller wir handeln, desto mehr lässt der Druck nach und desto eher normalisieren sich die Konditionen unserer Kreditaufnahme. Die Lage hat sich in den vergangenen Wochen bereits entspannt, die Spreads sind zurückgegangen. Viel wird davon abhängen, wie die Märkte unser Wachstums- und Stabilitätsprogramm aufnehmen. Wir müssen jetzt der EU, den Märkten und unseren eigenen Bürgern beweisen, dass wir es ernst meinen.

Griechenland steht wegen seiner unzuverlässigen Statistiken am Pranger. Athen hat die Defizitquote 2009 noch im September auf sechs Prozent beziffert. Sie nennen 12,7 Prozent. Ist das jetzt die ganze Wahrheit oder kommt es noch dicker?

Es ist die ganze Wahrheit. Wir haben keine Leichen mehr im Keller. Wir haben alles noch einmal sehr genau durchgerechnet, die Krankenhausschulden berücksichtigt, höhere Ausgaben und Einnahmeausfälle des vergangenen Jahres eingerechnet. Das ist jetzt eine solide Basis für den Defizitabbau der kommenden Jahre. Wir werden den Fehlbetrag in diesem Jahr um vier und in den beiden kommenden Jahren um jeweils drei Prozentpunkte drücken. Damit sind wir 2012 bei einem Defizit von weniger als drei Prozent vom Bruttoinlandsprodukt.

Griechenland steht unter verschärfter Aufsicht der EU-Kommission. Wie fühlt man sich das als Finanzminister?

Die Eurozone hat bestimmte Regeln. Wir beabsichtigen, uns daran zu halten. Ein Land, das sich in einem Defizitverfahren befindet, muss Auflagen hinnehmen. Das mag uns nicht besonders gefallen, aber so ist es nun mal. Wir sehen das nicht als Kontrolle sondern als Hilfe der Kommission bei der Identifizierung der Probleme. So sehen wir auch die Rolle des Internationalen Währungsfonds, dessen Experten jetzt in Athen sind, um uns technische Hilfe in Fragen der Haushaltsführung und bei Steuerfragen zu geben. Die Entscheidung, wie wir diese Probleme lösen, liegt bei uns.

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

MS

12.01.2010, 20:30 Uhr

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht.“

Gerd

13.01.2010, 05:23 Uhr

Auffallend ist das dies erst jetzt in den Medien bekannt und stark diskutiert wird, nachdem dort der Regierungswechsel von den Konservativeen zu den Sozialdemokraten gelungen ist.

Wenn all diese Zahlen des Haushaltes "getürkt" sind, dann muss dies bereits längst unter der konservativen Vorgängerregierung in Athen erfolgt sein und erst jetzt mit dem Regierungswechsel kommen die Fakten zu Tage, da die Sozialdemokraten dort die Haushaltsbücher etwas offener darlegen, als es die Konservativen in Griechenland gemacht haben. So gesehen ist es sehr gut, dass die Konservativen in Griechenland verloren haben und nun dort die Sozialdemokraten regieren.

Ähnlich schlimme Zustände über die Haushaltszahlen vermute ich bei italien, wo mit berlusconis Schergen ebenso im Haushalt getrickst wird. Dort aber berichten die Medien zur Zeit nicht drüber, da brüssel von italien keine richtigen Haushaltszahlen gemeldet erhält. Sicherlich dürfte die Lage in italien finanziell viel schlimmer im Staatshaushalt sein, aber die Medien sind hier nicht bereit, darüber zu berichten, da die ganzen Skandale um die Person berlusconi dort den blick auf die italienischen Staatsfinanzen verstellt.

Wahrscheinlich wird dies erst in italien bekannt, wenn dort die Nach-berlusconi-Ära anbricht.

Griechenland macht mir so gesehen als Europäer nicht die Hauptsorgen, sondern in Wahrheit ist es italien, wo uns noch ein "Faules Ei" bevorsteht.

Und bei all diesen Haushaltsmanipulationen bin ich auch klar der Meinung, dass die Türkei nicht in die EU gehört, da dort ebenso mit den Zahlen getrickst und "getürkt" wird.



aruba

13.01.2010, 07:54 Uhr

Guten Tag,..... Ausnahmsweise will ich dem Griechen etwas glauben. Richtig ist dass er keine Leichen mehr im Keller hat. Aber wir idioten haben sie jetzt auf dem Tisch liegen. Wir lassen ja auch jedes Pack herein. Waere der Portugiesiche Maurergeselle nicht Praesident; haette mann schon laengst ein Wort ueber die Lusitanier fallen lassen. Da mann aber kein groesseres Rindvieh in bruessel fand, das leichter zu manipulieren ist, wird es wohl noch etwas dauern bis Portugals getuerkte Zahlen krepieren. besten Dank

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×