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14.06.2017

11:04 Uhr

Großbritannien

Britischem Pfund stehen heiße Monate bevor

Nach der Wahl rutschte das Pfund ab und erholte sich bisher nicht wieder. Grund sei die Unsicherheit bezüglich der Brexit-Verhandlungen. Zusätzlich trieb die Abwertung des Pfund die Inflation auf ein Vier-Jahres-Hoch.

Die britische Premierministerin will von ihrem harten Brexit-Kurs nicht abweichen, doch ihr Spielraum in den Gesprächen könnte eingeengt werden. Reuters

Theresa May

Die britische Premierministerin will von ihrem harten Brexit-Kurs nicht abweichen, doch ihr Spielraum in den Gesprächen könnte eingeengt werden.

Frankfurt„Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“ Die Zeilen aus Johann Wolfgang von Goethes „Faust“ dürften so manchem Anleger momentan in den Sinn kommen, der sich von der Parlamentswahl in Großbritannien klare Verhältnisse für die Brexit-Verhandlungen und die Richtung für das Pfund Sterling erhofft hatte. „Seit den Wahlen ist es noch konfuser geworden und die Richtung, wohin die Reise bezüglich des Brexits geht, ist überhaupt nicht klar“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt von der Sparkassen-Fondsgesellschaft DekaBank. Nach der Wahl am 8. Juni rutschte das Pfund um rund zwei Prozent auf 1,27 Dollar ab und verharrte bislang dort – obwohl zahlreiche Börsianer auf eine einvernehmlichere Scheidung Großbritanniens von der Europäischen Union (EU) spekulieren.

Die britische Premierministerin Theresa May will zwar von ihrem harten Brexit-Kurs nicht abweichen, allerdings wäre ihre geplante Minderheitsregierung von der Unterstützung der nordirischen Democratic Unionist Party (DUP) abhängig. Experten sind allerdings skeptisch: „Es ist noch keine ausgemachte Sache, dass es zu einer Einigung zwischen den beiden Parteien kommt, und selbst wenn, dass diese lange hält“, sagt Commerzbank-Devisenexpertin Thu Lan Nguyen.

Zudem könnte der Spielraum Mays in den Brexit-Gesprächen eingeengt werden. Denn die DUP-Vorsitzende Arlene Foster betonte bereits, dass die künftige Rolle Nordirlands dabei eine wichtige Rolle spielen werde. Felix Herrmann, Anlagestratege für Deutschland, Österreich und Osteuropa beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock, rechnet wegen des steigenden Drucks auf May mit ihrem baldigen Rücktritt und Neuwahlen innerhalb der nächsten sechs Monate.

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Britische Bürger müssen einen deutlichen Preisschub hinnehmen. Die Inflation kratzte im Mai an der Drei-Prozent-Marke. Die Bank of England verfehlt ihr Ziel damit deutlich – und dürfte die Zinserhöhung vertagen.

Dies würde die Brexit-Verhandlungen nicht einfacher machen, erklärt Volkswirt Jan Bottermann von der Essener National-Bank. „Man darf gespannt sein, ob die Verhandlungsposition der Briten soweit geschwächt wird, dass es zumindest perspektivisch nicht doch noch ein weiteres Referendum gibt, was das ganze Projekt kippt oder zumindest maßgeblich entschärft.“

Dabei laufe den Briten bereits jetzt die Zeit davon, ergänzt Ralf Preusser, Chefanalyst der Bank of America Merrill Lynch (BofAML). „Sie haben im günstigsten Fall 15 Monate Zeit, um den Vertrag über den EU-Ausstieg unter Dach und Fach zu bringen. Das wird ohnehin schon sportlich.“ Für die Ratifizierung der Verträge müsse mit einem weiteren halben Jahr gerechnet werden. Der Termin für den Auftakt der Brexit-Verhandlungen am 19. Juni wackelt bereits. Ende März 2019 soll das Vereinigte Königreich dann offiziell aus der Staatengemeinschaft ausscheiden.

Die fünf Hauptakteure bei den Brexit-Verhandlungen

David Davis

Den Posten von David Davis (68) hat es zuvor nie gegeben - er ist der britische Brexit-Minister, soll also den Ausstieg seines Landes aus der EU managen. Der EU-Kritiker gilt als erzkonservativ, sprach sich für die Todesstrafe und gegen die Gleichstellung von Homosexuellen aus. Er hat kein Problem damit, sich auch mal gegen seine eigene Partei zu positionieren. Wegen seiner Unnachgiebigkeit trägt er den Spitznamen „Monsieur Non“. Stück für Stück kämpfte er sich nach oben: Davis war Versicherungsangestellter, studierte Informatik und war 17 Jahre lang in einem Lebensmittelkonzern beschäftigt. Seit 30 Jahren sitzt der Konservative im britischen Parlament und war zeitweise auch Staatssekretär für Europafragen im Außenministerium. Davis ist verheiratet und hat drei Kinder.

Tim Barrow

Eine Führungsrolle auf britischer Seite nimmt Tim Barrow ein, der erst seit vergangenem Januar EU-Botschafter Großbritanniens in Brüssel ist. Der 53-Jährige gilt als pragmatischer Problemlöser, der sich nicht scheut, die Wahrheit zu sagen. Barrow kann auf eine mehr als 30-jährige Karriere als Diplomat zurückblicken, Kollegen loben seinen Erfahrungsschatz. Von 2011 bis 2015 war der vierfache Vater Botschafter in Russland, von 2006 bis 2008 in der Ukraine. Zuletzt arbeitete er als politischer Direktor im Londoner Außenministerium. Auch auf Brüsseler Parkett bewegt sich Barrow sicher. Sein Vorgänger Ivan Rogers trat frustriert von seinem Amt als EU-Botschafter zurück. Rogers warf der britischen Regierung Mangel an „ernsthafter, multilateraler Verhandlungserfahrung“ vor.

Michel Barnier

Auf EU-Seite ist Verhandlungsführer Michel Barnier einer der wichtigsten Köpfe der anstehenden Austrittsgespräche. Dafür bringt der 66-jährige Franzose reichlich Erfahrung mit: Er hatte verschiedene Ministerposten in Frankreich und war zweimal EU-Kommissar. In Großbritannien hat seine Ernennung keine Freude ausgelöst, denn als Binnenmarkt-Kommissar war er von 2010 bis 2014 für die Bankenregulierung zuständig - was ihm am Finanzplatz London wenig Freunde machte. Zuletzt tourte Barnier durch die Hauptstädte Europas, um vorbereitende Gespräche mit den Regierungen der verbleibenden 27 EU-Staaten zu führen. Die Brexit-Verhandlungen selbst will er gerne bis zum Oktober 2018 abschließen. Barnier ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Didier Seeuws

Didier Seeuws (51) wird sein ganzes in einer langen Diplomatenkarriere erworbenes Taktgefühl brauchen. Er soll die Brexit-Gespräche für den Rat, also die Vertretung der EU-Staaten, verfolgen. Sprachrohr und Chefunterhändler der EU ist zwar Barnier. Seeuws - oder ein Stellvertreter - darf bei den Gesprächen aber anwesend sein. Delikat dürfte für den Belgier die Leitung einer speziellen Arbeitsgruppe im Rat werden: Dort sind alle EU-Staaten außer Großbritannien vertreten. Seeuws wird sie über den Stand der Verhandlungen auf dem Laufenden halten - und wohl seinerseits dabei helfen, Einigkeit unter den Ländern herzustellen. Immerhin, mit unterschiedlichen Interessenlagen in Europa kennt Seeuws sich aus: Er war unter anderem belgischer Botschafter bei der EU und Kabinettschef des früheren Ratspräsidenten Herman Van Rompuy.

Guy Verhofstadt

Der Belgier Guy Verhofstadt ist eindeutig der schillerndste Brexit-Beauftragte auf EU-Seite. Der Chef der liberalen Fraktion im Europaparlament ist ein glühender und streitlustiger EU-Verfechter. Wenn es nach ihm ginge, dann würde das Staatenbündnis deutlich enger zusammenwachsen und dabei ordentlich Tempo machen. Regierungserfahrung bringt der heutige Abgeordnete auch mit: In seinem Heimatland Belgien war er neun Jahre lang Ministerpräsident. Verhofstadts Einfluss auf die Gespräche ist indes eher begrenzt: Der 63-Jährige ist der Verbindungsmann des EU-Parlaments. Die Abgeordneten müssen dem Verhandlungsergebnis zwar am Ende zustimmen, den Verlauf der Austrittsgespräche werden aber wohl eher die EU-Kommission und die Staaten bestimmen.

Mays zentraler Plan ist ein klarer Bruch mit Brüssel und mehr Kontrolle über die Zuwanderung ins Land. Sie will notfalls auf ein Abkommen mit der EU verzichten, sollte diese ihr hierbei nicht entgegenkommen. Bei einem „sanfteren“ Brexit könnten die Briten – wie etwa Norwegen – den Zugang zum EU-Binnenmarkt behalten, müssten dafür aber einen Teil der EU-Gesetzgebung übernehmen und EU-Bürgern erlauben, im Land zu arbeiten. „Wir raten derzeit aber ab, auf einen weicheren Brexit zu setzen“, so die Experten der BayernLB. „Denn zu jedem Pro-EU-Tory, der derzeit an Einfluss gewinnt, gesellt sich ein Hard Brexiteer.“

„Die wegen der verschiedenen Möglichkeiten steigende Volatilität beim Pfund schreckt Investoren ab“, sagt BofAML-Analyst Preusser. So sei es durchaus möglich, dass der Kurs in den kommenden Monaten auf 1,20 Dollar abrutsche. Aber auch ein Anstieg über 1,30 Dollar sei möglich, sollte sich ein sanfter Brexit abzeichnen. „Die Wahrheit ist, dass die Unsicherheit mit Macht zurückgekehrt ist. Ein Ende ist nicht in Sicht“, fasst es David Lamb, Händler beim Finanzdienstleister Fexco, zusammen.

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Kummer bereitet Pfund-Anlegern auch die Realwirtschaft: Das Wachstum schwächelt und die Zuversicht der britischen Manager ist deutlich zurückgegangen. Zudem trieb die Abwertung des Pfund die Inflation zuletzt auf ein Vier-Jahres-Hoch. Damit stehe der Bank von England in den kommenden Monaten ein Drahtseilakt bevor, sagt Analyst Neil Wilson vom Brokerhaus ETX Capital. „Sie muss das Risiko einer Inflation über Zielwert und deren Auswirkungen auf den Konsum gegen das Risiko, die Erholung in einem kritischen Moment für die Wirtschaft abzuwürgen, abwägen.“

Von

rtr

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