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12.05.2011

10:37 Uhr

Handelsblatt Business-Monitor

Deutsche Manager können mit Draghi wenig anfangen

VonDorit Marschall

Exklusiv Die deutsche Wirtschaft hat noch kein klares Bild von dem designierten italienischen Notenbankchef Mario Draghi. Das lässt sich am Handelsblatt Business-Monitor ablesen, einer Umfrage unter knapp 800 Führungskräften.

Mario Draghi: Deutsche Führungskräfte wissen nicht viel über den kommenden EZB-Chef. Quelle: dpa

Mario Draghi: Deutsche Führungskräfte wissen nicht viel über den kommenden EZB-Chef.

FrankfurtEine relative Mehrheit von 41 Prozent der deutschen Führungskräfte kann nach eigenen Angaben "nicht beurteilen", ob der Italiener Mario Draghi ein geeigneter Nachfolger für EZB-Präsident Trichet ist. "Das ist eine ungewöhnlich hohe Quote", sagt Hans-Jürgen Hoffmann, Chef des Marktforschungsinstitutes Psephos, das im Auftrag des Handelsblatt die Umfrage unter 800 Führungskräften durchgeführt hat.

Die zurückhaltenden Antworten seien dadurch zu erkären, dass der italienische Notenbanker und sein geldpolitisches Credo in der deutschen Öffentlichkeit bislang wenig bekannt seien. Nur ein Drittel der befragten Führungskräfte halten Draghi für "geeignet", ein Viertel bezeichnet den italienischen Notenbanker als "nicht geeignet"

Ende vergangenen Jahres hatten sich die Führungskräfte im Handelsblatt Business-Monitor noch klar für den damaligen Bundesbankchef Axel Weber als EZB-Präsident ausgesprochen. Drei Viertel der Befragten hielten damals Weber für die "beste Wahl". Nur vier Prozent nannten Draghi die ideale Besetzung.

Was für und was gegen Draghi spricht

Pro: Werdegang

Draghis Fachkompetenz in Sachen Geld- und Währungspolitik steht nach Jahren an der Spitze der italienischen Notenbank außer Frage. Sein Lebenslauf hat aber noch mehr zu bieten. Er hat in Florenz als Professor für Finanzwissenschaften gelehrt, war von 1984 bis 1990 bei der Weltbank in Washington und wurde nach der Rückkehr oberster Beamter im Finanzministerium in Rom. Dort diente er unter fünf Ministern, trieb die Privatisierung vieler Staatsbetriebe voran, ebenso die Sanierung des Haushalts. Auch Draghis Arbeit hat es Italien zu verdanken, dass es 1999 überhaupt Gründungsmitglied der Währungsunion werden konnte.

Pro: Vorsitz in wichtigem Finanz-Gremium

Damit der Lorbeeren für den Römer nicht genug. Die Staats- und Regierungschefs der G20-Länder beauftragten ihn in der Finanzkrise als Vorsitzenden des Financial Stability Boards mit der Reform der Regeln für das globale Finanzwesen. Auch deshalb wählte die Fachpublikation Financial News Draghi 2010 zur zweiteinflussreichsten Person in Europas Finanzbranche - nach Deutsche-Bank-Investmentchef Anshu Jain, aber klar vor Trichet.

Pro: Arbeitstier

Draghi ist ein völlig anderer Typ als jene Zentralbanker, die über Jahrzehnte wie Patriarchen im Palazzo Koch an der Via Nazionale in Rom residierten. Er kungelt anders als viele seiner Vorgänger nicht mit der Politik, gilt als absolutes Arbeitstier und Freund der leisen Töne. Und er denkt und redet ganz im Sinne der deutschen Stabilitätskultur in Gelddingen. „Wir müssen alle dem Beispiel Deutschlands folgen“, sagte er. Und er hat Fans im traditionell besonders stark auf stabile Preise ausgerichteten Deutschland: Ex-Finanzminister Peer Steinbrück kennt Draghi als „immer sehr souverän, sehr ruhig und fachlich exzellent“.

Contra: Tätigkeit bei Goldman Sachs

So wenig Zweifel es an der fachlichen Eignung Draghis für den Job als oberster Währungshüter gibt, so groß sind die moralischen Einwände gegen ihn. Seinem ehemaligen Arbeitgeber Goldman Sachs wird vorgeworfen, Griechenland beim Verschleiern des enormen Haushaltsdefizits geholfen zu haben.

Nur mit solchen Tricks konnte das Land überhaupt der Währungsunion beitreten, die nach Bekanntwerden der wahren Schuldenprobleme in Athen in ihre bislang schwerste Krise geriet und gegen die auch der neue EZB-Chef ankämpfen muss. Draghi war von 2002 bis 2005 Vize-Verwaltungsratschef der Investmentbank in London. „Ich habe nicht einen einzigen Deal mit Regierungen gemacht“, betont Draghi. Ein Fehlverhalten konnte ihm nicht nachgewiesen werden, doch es bleibt für viele Kritiker ein Beigeschmack.

Contra: Nationalität

Vorbehalte gibt es auch wegen seiner Nationalität. Mit dem Portugiesen Vitor Constancio ist gerade erst ein Vertreter eines hoch verschuldeten Euro-Krisenlandes zum EZB-Vizepräsidenten ernannt worden. Italien hat nach Griechenland den höchsten Schuldenberg aller Euro-Länder, gemessen am Bruttoinlandsprodukt.

Draghi war in den neunziger Jahren Chef des italienischen Schatzamtes. Würde eine italienisch-portugiesische Doppelspitze harte Maßnahmen wie den Ausstieg aus den milliardenschweren Krisenhilfen oder eine kräftige Anhebung der Leitzinsen im Kampf gegen die Inflation durchsetzen, auch wenn gerade ihre Heimatländer wirtschaftlich leiden würden?

Contra: Zweifel an Stabilitätswillen

Misstrauen schlägt Draghi auch entgegen, ob er einen so strikten Anti-Inflationskurs fahren würde wie man es einem deutschen Kandidaten qua Herkunft zutraut. „Mamma mia. Bei den Italienern gehört Inflation zum Leben wie Tomatensoße zur Pasta!“, spitzt die „Bild“-Zeitung die Vorbehalte jüngst zu.

Nachdem der ehemalige Bundesbankchef Weber seinen Verzicht auf die Kandidatur als EZB-Chef bekannt gegeben hatte, wurden die deutschen Führungskräfte noch einmal im Auftrag des Handelsblattes zur Besetzung dieses Amtes befragt. "Es kommt beim Amt des EZB-Präsidenten nicht auf die Nationalität, sondern auf die finanz- und währungspolitische Grundhaltung an", sagten Anfang März 86 Prozent im Handelsblatt Business-Monitor. Welche Grundhaltung Draghi hat, können die deutschen Manager offenbar nur schwer einschätzen.

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