Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.12.2015

09:54 Uhr

Hans-Werner Sinn über die Eurozone

„Niemand wird Deutschland retten“

Der niedrige Ölpreis und der schwache Euro lassen die deutsche Wirtschaft nächstes Jahr weiter wachsen. Ifo-Präsident Sinn ist noch optimistischer als viele andere Volkswirte. Aber Südeuropa macht ihm Sorgen.

Im März gibt Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn sein Amt an den Mannheimer Clemens Fuest ab. dpa

Bald pensioniert

Im März gibt Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn sein Amt an den Mannheimer Clemens Fuest ab.

MünchenIfo-Präsident Hans-Werner Sinn erwartet nächstes Jahr ein kräftiges Wachstum der deutschen Wirtschaft, sieht aber zwei große Risiken: Einen stärkeren Einbruch der chinesischen Wirtschaft und eine neue Krise in der Eurozone, „wo die Probleme nur übertüncht wurden“, sagte Sinn, der die Leitung des Ifo-Instituts im März nach 17 Jahren an den Mannheimer Professor Clemens Fuest übergibt.

Frankreich und die südeuropäischen Länder verschleppten überfällige Strukturreformen, mit Rückendeckung durch die Europäische Zentralbank. „Die politischen Unwägbarkeiten sind groß in Europa. Da liegt das eigentliche Risiko“, sagte Sinn der Deutschen Presse-Agentur in München. „Europa funktioniert unter dem Euro nicht. Frankreich und Südeuropa stecken in einer chronischen Krise, die Massenarbeitslosigkeit führt zu politischer Radikalisierung, und das gefährdet den Zusammenhalt Europas.“

Das sind die Wachstumsgaranten der deutschen Exporteure

USA

Die Vereinigten Staaten sind erstmals wichtigster deutscher Absatzmarkt und verdrängen damit Frankreich nach mehr als einem halben Jahrhundert. Beflügelt vom schwachen Euro zogen die Exporte in die weltgrößte Volkswirtschaft im ersten Halbjahr 2015 um fast 24 Prozent auf 56 Milliarden Euro an. Ein weiterer Grund für diesen Boom ist das robuste Wachstum der US-Wirtschaft. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für 2015 mit einem Anstieg des US-Bruttoinlandsprodukts um 2,5 Prozent und für 2016 mit 3,0 Prozent. Wegen geringerer Energiekosten werden zudem viele Fabriken und Produktionsstätten hochgezogen, für die Maschinen und Ausrüstungen aus Deutschland importiert benötigt werden.

Indien

Lange stand das Land im Schatten des benachbarten China. Doch sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr dürfte Indien deutlich schneller wachsen als die Volksrepublik. Der IWF sagt jeweils ein Plus von 7,5 Prozent voraus. Vom Aufschwung in dem nach China bevölkerungsreichsten Land der Welt profitiert Deutschland bereits: Die Ausfuhren dorthin zogen im ersten Halbjahr um fast ein Fünftel auf knapp fünf Milliarden Euro an.

Südafrika

Noch besser läuft es in der nach Nigeria zweitgrößten Volkswirtschaft Afrikas: Die deutschen Exporte dorthin nahmen in den ersten sechs Monaten gleich um 28 Prozent zu - auf insgesamt 4,9 Milliarden Euro. Zwar ist die Konjunktur eher mau, doch der Staat investiert viel Geld in die Infrastruktur - von Energie über Wasser bis hin zu Straßen. Die deutsche Wirtschaft hat die dafür passenden Produkte im Angebot und profitiert davon ebenso wie von einer konsumfreudigen, wachsenden Mittelschicht.

Euro-Zone

Nach Jahren der Krise fasst die Währungsunion wieder Tritt. Bestes Beispiel dafür ist Spanien, das im zweiten Quartal so kräftig wuchs wie seit über acht Jahren nicht mehr. Der Appetit auf Waren "Made in Germany" nimmt entsprechend zu: Die deutschen Ausfuhren nach Spanien legten in der ersten Jahreshälfte um mehr als elf Prozent auf rund 19,5 Milliarden Euro zu, die in die gesamte Euro-Zone um fast fünf Prozent auf rund 220 Milliarden Euro.

Großbritannien

Das Land ist bereits der drittgrößte deutsche Exportkunde. Dennoch legten die Ausfuhren dorthin im ersten Halbjahr um starke 9,4 Prozent auf 45 Milliarden Euro zu. Auch hier sorgt der schwache Euro für einen Extra-Schub, verbilligt er doch deutsche Waren auf der Insel. Außerdem befindet sich auch Großbritannien in einem Aufschwung: In diesem Jahr dürfte das Bruttoinlandsprodukt mit 2,5 Prozent deutlich kräftiger wachsen als in der Euro-Zone mit 1,5 Prozent, wie der IWF erwartet.

In Deutschland verschafften auch die zusätzlichen Staatsausgaben von 21 Milliarden Euro für die Flüchtlinge der Konjunktur nächstes Jahr Rückenwind. Aber die Steuern werde die Bundesregierung vor den nächsten Wahlen kaum erhöhen. Und „irgendwann muss der Staat die Schulden dann zurückzahlen, und dann tritt genau der umgekehrte Effekt ein“, sagte der Wirtschaftsforscher.

Eine Schuldenpolitik wie in einigen anderen Staaten wäre für Deutschland sehr gefährlich, „denn niemand wird Deutschland retten, niemand wird uns die Schulden erlassen“, sagte der Ifo-Präsident. Der Schuldenberg sei mit gut 70 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung viel zu hoch, „und dazu kommt das demografische Problem: Die Babyboomer wollen in 15 Jahren Rente haben von Kindern, die sie nicht haben“, sagte Sinn. „Es wäre verantwortungslos, sich in einer solchen Situation weiter verschulden zu wollen. Den wenigen Kindern werden sowieso zu viele Lasten überlassen.“

Politiker achteten zu sehr auf Stimmungen und die nächste Wahl und zu wenig auf zwangsläufige wirtschaftlichen Konsequenzen. Deshalb müssten sich die Volkswirte von Instituten und Universitäten „öffentlich zu Wort melden und die Leute aufklären über die langfristigen Folgen von Politikentscheidungen“, sagte der streitbare Professor.

Konjunkturausblick für 2016: Wunder ade!

Konjunkturausblick für 2016

Premium Wunder ade!

Autos, Maschinen, Chemie-Erzeugnisse: Lange profitierte die deutsche Wirtschaft vom Welthandel. Nun schwächeln die Exporte. Das Handelsblatt Research Institute sieht sogar eine Abkühlung der Konjunktur.

Das Ifo-Institut rechnet mit einem Anstieg des deutschen Wirtschaftswachstums auf 1,9 Prozent im Jahr 2016 und ist damit noch optimistischer als andere Institute oder die Bundesbank. Der niedrige Ölpreis und der schwache Euro seien die beiden wichtigsten Treiber, sagte Sinn. Beides kurble die Nachfrage nach heimischen Gütern an, „und die geringe Arbeitslosigkeit und die höheren Löhne tragen weiter zum guten Konsumklima in Deutschland bei“. Die Exportindustrie erwarte mehr Aufträge zum Beispiel aus den USA, wo die Wirtschaft boomt. „Und ein Treiber ist auch der seit 2010 andauernde Bauboom in Deutschland: Wegen der niedrigen Zinsen geht die Flucht in das Betongold weiter.“

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×