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08.10.2015

11:49 Uhr

Herbstgutachten für 2015 und 2016

Ökonomen erwarten Wachstum von 1,8 Prozent

Von wegen VW-Krise, China-Krach und weltweite Konflikte: Das alles kann der deutschen Wirtschaft offenbar weniger anhaben als befürchtet. Doch die Flüchtlingskrise wird die Lage in Deutschland massiv verändern.

Herbstgutachten

Deutsche Wirtschaft im Aufschwung: Nur China kann uns stoppen

Herbstgutachten: Deutsche Wirtschaft im Aufschwung: Nur China kann uns stoppen

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BerlinTrotz der schwächelnden Weltkonjunktur erwarten die führenden Forschungsinstitute eine robuste Wirtschaft in Deutschland. In diesem und im nächsten Jahr sagen die Ökonomen jeweils ein Anziehen der Konjunktur um 1,8 Prozent voraus, wie aus dem am Donnerstag veröffentlichten Herbstgutachten für die Regierung hervorgeht.

Für 2015 senkten die Forscher ihre Prognose damit leicht. „Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einem verhaltenen Aufschwung“, schrieben die Experten in ihrem 88-seitigen Bericht mit dem Titel „Deutsche Konjunktur stabil – Wachstumspotenziale heben“. Die meisten Impulse kommen demnach von der positiven Inlandskonjunktur, da die Verbraucher dank der Rekordbeschäftigung ihre Konsumausgaben in diesem und im nächsten Jahr deutlich um knapp zwei Prozent steigern dürften.

Das sind die Wachstumsgaranten der deutschen Exporteure

USA

Die Vereinigten Staaten sind erstmals wichtigster deutscher Absatzmarkt und verdrängen damit Frankreich nach mehr als einem halben Jahrhundert. Beflügelt vom schwachen Euro zogen die Exporte in die weltgrößte Volkswirtschaft im ersten Halbjahr 2015 um fast 24 Prozent auf 56 Milliarden Euro an. Ein weiterer Grund für diesen Boom ist das robuste Wachstum der US-Wirtschaft. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für 2015 mit einem Anstieg des US-Bruttoinlandsprodukts um 2,5 Prozent und für 2016 mit 3,0 Prozent. Wegen geringerer Energiekosten werden zudem viele Fabriken und Produktionsstätten hochgezogen, für die Maschinen und Ausrüstungen aus Deutschland importiert benötigt werden.

Indien

Lange stand das Land im Schatten des benachbarten China. Doch sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr dürfte Indien deutlich schneller wachsen als die Volksrepublik. Der IWF sagt jeweils ein Plus von 7,5 Prozent voraus. Vom Aufschwung in dem nach China bevölkerungsreichsten Land der Welt profitiert Deutschland bereits: Die Ausfuhren dorthin zogen im ersten Halbjahr um fast ein Fünftel auf knapp fünf Milliarden Euro an.

Südafrika

Noch besser läuft es in der nach Nigeria zweitgrößten Volkswirtschaft Afrikas: Die deutschen Exporte dorthin nahmen in den ersten sechs Monaten gleich um 28 Prozent zu - auf insgesamt 4,9 Milliarden Euro. Zwar ist die Konjunktur eher mau, doch der Staat investiert viel Geld in die Infrastruktur - von Energie über Wasser bis hin zu Straßen. Die deutsche Wirtschaft hat die dafür passenden Produkte im Angebot und profitiert davon ebenso wie von einer konsumfreudigen, wachsenden Mittelschicht.

Euro-Zone

Nach Jahren der Krise fasst die Währungsunion wieder Tritt. Bestes Beispiel dafür ist Spanien, das im zweiten Quartal so kräftig wuchs wie seit über acht Jahren nicht mehr. Der Appetit auf Waren "Made in Germany" nimmt entsprechend zu: Die deutschen Ausfuhren nach Spanien legten in der ersten Jahreshälfte um mehr als elf Prozent auf rund 19,5 Milliarden Euro zu, die in die gesamte Euro-Zone um fast fünf Prozent auf rund 220 Milliarden Euro.

Großbritannien

Das Land ist bereits der drittgrößte deutsche Exportkunde. Dennoch legten die Ausfuhren dorthin im ersten Halbjahr um starke 9,4 Prozent auf 45 Milliarden Euro zu. Auch hier sorgt der schwache Euro für einen Extra-Schub, verbilligt er doch deutsche Waren auf der Insel. Außerdem befindet sich auch Großbritannien in einem Aufschwung: In diesem Jahr dürfte das Bruttoinlandsprodukt mit 2,5 Prozent deutlich kräftiger wachsen als in der Euro-Zone mit 1,5 Prozent, wie der IWF erwartet.

Der Flüchtlingszustrom führt laut Instituten dazu, dass die Zahl der Arbeitslosen im nächsten Jahr erstmals seit 2013 wieder zunimmt - und zwar um rund 75.000 auf knapp 2,9 Millionen. „Die Arbeitslosigkeit im Verlauf des kommenden Jahres dürfte leicht steigen, weil die derzeit große Zahl von Asylsuchenden nach und nach am Arbeitsmarkt ankommt.“ Für die öffentlichen Haushalte in Deutschland zeichne sich für 2016 ein Überschuss von 13 Milliarden Euro ab. Dieser dürfte damit deutlich geringer sein als der für 2015 erwartete Überschuss von rund 23 Milliarden Euro – „nicht zuletzt aufgrund zusätzlicher Ausgaben für die Bewältigung der Flüchtlingsmigration“.

Für die Weltwirtschaft zeigten sich die Institute eher skeptisch. Sie sagen der globalen Konjunktur in diesem Jahr nur ein Wachstum von 2,6 und im nächsten Jahr von 2,9 Prozent voraus. Zuwächse von drei Prozent oder weniger bei der Weltwirtschaft gelten unter Fachleuten als Rezession. Die Institute verwiesen vor allem auf den Strukturwandel in China, der das Wachstum in der nach den USA zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde bremse. Zudem hätten viele Schwellenländer als Lieferanten von Energie und Rohstoffen mit sinkenden Preisen in diesen Bereichen zu kämpfen.

Die Prognosen der Wissenschaftler entsprechen den bisherigen Schätzungen der Bundesregierung. Diese will noch im Oktober ihre Konjunkturvorhersagen überarbeiten. Die Gemeinschaftsdiagnose des Münchner Ifo-Instituts, des Berliner DIW, des Essener RWI und des IWH aus Halle dient dabei als Grundlage. 2014 war die Wirtschaft um 1,6 Prozent gewachsen.

Die Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten in diesem und im nächsten Jahr insgesamt 1,5 Millionen Asylsuchende in Deutschland. Bis Ende 2015 schätzen sie die Zahl der ankommenden Flüchtlinge auf 900.000, wie aus dem am Donnerstag veröffentlichten Herbstgutachten der Top-Regierungsberater hervorgeht. Die Bundesregierung geht offiziell von 800.000 aus. Zur Jahreswende dürfte die Zuwanderung dann etwas abebben, weil weitere Länder als sichere Herkunftsstaaten eingestuft wurden und das Dubliner Verfahren wieder konsequenter angewandt werden könnte: „Gleichwohl nehmen die Institute an, dass es im Jahr 2016 noch zu 600.000 Zugängen kommt.“

Drei Viertel der anerkannten Asylbewerber seien im erwerbsfähigen Alter. Durch fehlende Deutsch-Kenntnisse, mangelnde Berufserfahrung und die langwierigen Asylverfahren stünden dem Arbeitsmarkt aber 2015 nur 89.000 Flüchtlinge zusätzlich zur Verfügung, im nächsten Jahr dann schon 295.000 Menschen.

Die Institute fordern von der Politik aber ein Einwanderungsgesetz: „Die fluchtbedingte Migration ist kein Ersatz für eine vernünftige Zuwanderungspolitik“, heißt es in dem 88-seitigen Herbstgutachten mit dem Titel „Deutsche Konjunktur stabil – Wachstumspotenziale heben“.

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